„Nicht Schuld tragen, aber Verantwortung übernehmen“

Schüler des Bad Münstereifeler St.-Michael-Gymnasiums zeigen Ausstellung, in der sie dokumentieren, kommentieren und verarbeiten, was sie auf einer Fahrt nach Auschwitz erlebt haben – „Das Schrecklichste war ein See mit zertrümmerten Menschen“

Eindringlich berichteten Schülerinnen des St.-Michael-Gymnasiums von den Zeitzeugnissen, denen sie sich im Konzentrationslager Auschwitz stellten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Eindringlich berichteten Schülerinnen des St.-Michael-Gymnasiums von den Zeitzeugnissen, denen sie sich im Konzentrationslager Auschwitz stellten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Bad Münstereifel – Schüler auf dem Weg zum Erwachsenwerden sind oft sorglos, kichern, albern herum, sind manchmal großspurig und wirken bisweilen wenig verantwortungsvoll. Sie können aber auch ernst, engagiert, betroffen sein und eine Verantwortung schultern, die viele bereits Erwachsene zu übernehmen scheuen. So wie die 50 Schülerinnen und Schüler des Bad Münstereifeler St.-Michael-Gymnasiums, die sich mit Geschichtslehrer Michael Mombaur und weiteren Lehrern in der unterrichtsfreien Zeit einem der Orte stellten, die symbolhaft für die Greueltaten in der Nazizeit stehen: Das Konzentrationslager Auschwitz mit dem Vernichtungslager Birkenau – Stätte eines millionenfachen Mordens.

„Man wächst als Mensch, wenn man sich solchen Themen stellt“, sagte Mombaur am vergangenen Montagabend im „Klausur-Raum“ des Gymnasiums. Dort wurde eine Ausstellung zu der Studienfahrt eröffnet, mit der die Schüler das Erlebte dokumentieren, kommentieren, nachvollziehbar machen. „In Auschwitz und Birkenau sind unaussprechliche Taten geschehen. Bei den Führungen und Workshops dort fragten wir uns immer wieder, wie es zu solchen Verbrechen gegen Männer, Frauen und Kinder kommen konnte.“

Geschichtslehrer Michael Mombaur berichtete von der Hilflosigkeit im Angesicht des Grauens von Auschwitz, bei der sich Schüler und Lehrer gegenseitig mit Worten, Gesten und Umarmungen trösteten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Geschichtslehrer Michael Mombaur berichtete von der Hilflosigkeit im Angesicht des Grauens von Auschwitz, bei der sich Schüler und Lehrer gegenseitig mit Worten, Gesten und Umarmungen trösteten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Auch für den Geschichtslehrer Mombaur, der sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigt und mehrfach in Auschwitz war, fällt es sichtlich immer wieder schwer, seine Tränen zurückzuhalten, als er von den Eindrücken der Fahrt berichtet: Wie die Schüler und Lehrer das Unfassbare zu fassen versuchen, sich gegenseitig mit Worten, Gesten und Umarmungen trösten, sich immer wieder die Frage nach dem „Warum?“ stellen.

Als vier Schülerinnen vortreten und tief betroffen von dem Gesehenen berichten, wird es ganz still unter den zahlreichen Gästen. „Wohl jeder kennt das Tor von Auschwitz mit dem Schriftzug »Arbeit macht frei«“, so die Schülerin Jana Dederichs, „durch dieses Tor zu gehen und zu wissen, dass die vielen Menschen durch das Tor in den Tod gingen, ist einfach krass.“ In einem Raum habe eine Vielzahl von Koffern und Schuhen gestanden, so Jana: „An jedem Schuh hängt die Geschichte eines Menschen – bis zu einer Million Menschen sind hier gestorben – unglaublich.“

Zahlreiche Gäste besuchten die Ausstellung, die Bad Münstereifels Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian (r.) eröffnete.
Zahlreiche Gäste besuchten die Ausstellung, die Bad Münstereifels Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian (r.) eröffnete.

Im Ofen direkt neben den Gaskammern seien täglich bis zu 7000 Menschen nach ihrer Ermordung verbrannt worden – „7000 am Tag! Und die Kapazität des Ofens reichte nicht aus, um die Berge von Leichen zu beseitigen.“

Immer noch fassungslos berichtete Eva Koch von den Holzbaracken, eigentlich für 52 Pferde konstruiert: „Da wurden bis zu 800 Menschen eingepfercht, halb verhungert, in Kälte und Dreck, mit super-schmalen, dreistöckigen Betten, die sich mehrere Menschen teilen mussten.“ Obwohl die Schüler am Ende des Wonnemonats Mai in Auschwitz waren, ausgerüstet mit dicken Thermojacken und Regenschirmen, sei ihnen ständig kalt gewesen. In Erinnerung an die dürftige Häftlingskleidung der Deportierten sagte sie: „Die müssen unglaublich gefroren haben.“

Zahlreiche Fotos dokumentieren die Studienfahrt. Das Durchschreiten des Tors mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“, das in den zigtausenfachen Tod führte, machte die Schüler tief betroffen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Zahlreiche Fotos dokumentieren die Studienfahrt. Das Durchschreiten des Tors mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“, das in den zigtausenfachen Tod führte, machte die Schüler tief betroffen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Besonders in Erinnerung sei ihr aber der See gewesen, in der die Asche aus den Verbrennungsöfen geworfen wurde. „Es waren so viele Menschen, dass die Leichen nicht immer vollständig verbrannten. Die übrig gebliebenen Knochen wurden zertrümmert und auch in den See geworfen. Diese Knochensplitter sind noch zu sehen. Ein See mit zertrümmerten Menschen – das war das Schrecklichste für mich.“

Anne Geier wurde im Stammlager bewusst, dass dort ganz normale, unschuldige Menschen ermordet wurden: „Diese Menschen wurden geliebt und haben selbst geliebt. Wir wollen sie nicht vergessen!“ Manon Lacoste erzählte, wie sich jeder der Reisegruppe einen Stein genommen und darauf einen der Namen von Millionen in der Nazizeit Ermordeten geschrieben habe. „Wir haben die Steine dann nacheinander in einen Fluss geworfen und den Namen gerufen, ihn so wieder in die Welt hinausgetragen. Vielleicht war ich der letzte Mensch, der an diesen Ermordeten erinnert hat.“ Am Ausgang des Ausstellungsraumes hatten die Schüler weitere Steine mit den Namen von Opfern des Rassenwahns gelegt und baten die Besucher, sich einen Stein zu nehmen und es den Schülern auf dem Nachhauseweg gleichzutun, um gegen das Vergessen zu kämpfen.

Karl-Heinz Daniel von der Kreissparkasse Euskirchen dankte den Schüler, weil sie gegen das Vergessen und damit für die Aussöhnung der Völker kämpften. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Karl-Heinz Daniel von der Kreissparkasse Euskirchen dankte den Schülern, weil sie gegen das Vergessen und damit für die Aussöhnung der Völker kämpften. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Lehrer Michael Mombaur machte keinen Hehl daraus, dass eine solche Fahrt nicht aus eigenen Mitteln zu finanzieren sei. Er dankte deshalb für die finanzielle Unterstützung der Bethel-Stiftung, des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk sowie der Kreissparkasse Euskirchen: „Ich danke aber nicht nur für die Zuwendungen, sondern auch für das Interesse, das sie an den Schülern zeigen.“ So sagte Karl-Heinz Daniel vom Vorstandsstab der KSK, dass kaum ein Ort für das schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte stünde wie Auschwitz. Er zeigte hohen Respekt vor den Schülern, die sich an einem solchen Ort den Erinnerungen an die unvorstellbar schrecklichen Taten stellten. „Wir können zwei Lehren daraus ziehen“, so Daniel, „erstens, dass so etwas nie wieder passieren darf. Und zweitens: Nur, wenn wir nicht vergessen, können wir erreichen, dass andere Völker uns verzeihen.“

Am Eingang der Ausstellung wird der Besucher mit einem Stück nachgebauter Schiene und einem großformatigem Foto der berühmt-berüchtigten Rampe von Auschwitz eindrücklich in das Thema geleitet. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Am Eingang der Ausstellung wird der Besucher mit einem Stück nachgebauter Schiene und einem großformatigem Foto der berühmt-berüchtigten Rampe von Auschwitz eindrücklich in das Thema geleitet. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Erich Bethel von der Bethel-Stiftung erinnerte daran, dass es nicht um Schuld gehe, sondern um Verantwortung. Ihn ärgere, dass, während andere Länder wie England drei Millionen Pfund für die Erinnerung an den Holocaust etwa durch Studienfahrten bereitstelle, die Bundesregierung keinen Cent gebe und sich auf den Föderalismus zurückziehe: „Das sei Ländersache. Wir verhandeln jetzt mit den Bundesländern. Eines – übrigens im Osten – hat schon gesagt, dass es kein Interesse habe, daran zu erinnern.“

Dr. Sabine Dirhold, stellvertretende Landrätin Kreis Euskirchen, sagte: „Es braucht Mut, sich an einem solchen Ort seiner Geschichte zu nähern – das ist eine andere Art, als in Form von Zahlen und Daten aus Büchern.“ Filme wie „Die Welle“ oder „Das Experiment“, die auf realen Geschehnissen beruhen, zeigten, wie schnell Menschen zu unmenschlichen Taten bereit seien und die Gefahr von Wiederholung ebenso real sei. Sabine Preiser-Marian, Bürgermeisterin Bad Münstereifel und Schirmherrin der Ausstellung, erinnerte daran, dass die Ermordeten wie der Bad Münstereifeler Jude Oskar Nathan Freunde, Vereinskameraden, Nachbarn gewesen seien. So sei Nathan im Turnverein, in der Freiwilligen Feuerwehr, im Gesangsverein und Stadtratsmitglied gewesen. Am 1. April 1933 sei er aus den Vereinen ausgeschlossen, 1942 deportiert und in Minsk ermordet worden.

Zäenon Gross gehörte zu den Gästen der Ausstellungseröffnung. Sein Vater war Holocaust-Überlebender, der bis zu seinem Tod dem Münstereifeler Michael-Gymnasium als Zeitzeuge eng verbunden war. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Zäenon Gross gehörte zu den Gästen der Ausstellungseröffnung. Sein Vater war Holocaust-Überlebender, der bis zu seinem Tod dem Münstereifeler Michael-Gymnasium als Zeitzeuge eng verbunden war. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Unter den vielen Gästen war auch Zäenon Gross, Sohn des Holocaust-Überlebenden Jerzy Gross, der nur überlebte, weil er auf der berühmten „Schindlers Liste“ stand. Er sagte: „Als Auschwitz befreit wurde, konnten die Befreier nicht glauben, was dort geschehen war.“ Der vor zwei Jahren gestorbene Jerzy Gross hatte das St.-Michael-Gymnasium immer wieder besucht, seine Erlebnisse in der Nazizeit und im Konzentrationslager geschildert. Schulleiterin Annett Schorlepp: „Das Interesse der Schüler war immer so groß, dass wir die Vorträge in weitere Räume übertragen mussten.“ Sie bewege die starke Gemeinschaft, die unter den Schüler durch dieses Thema entstanden sei.

Zäenon Gross: „Das, was hier heute in der Ausstellungseröffnung passiert, ist genau das, was mein Vater immer wollte. Er hat keinen Hass empfunden auf die Deutschen, er wollte nur eines, und das hat er mir sogar auf dem Sterbebett als letzte Worte mitgegeben: Sorge dafür, dass nicht vergessen wird!“

Die Ausstellung ist noch bis Freitag, 8. Juli, von 8.20 Uhr bis 13.30 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. Gezeigt werden Ausschnitte aus den Reisetagebüchern der Schüler, Fotos, Ausschnitte aus dem Videotagebuch und künstlerische Umsetzungen. Die Erlebnisse von Jerzy Gross sind auch in dem Buch „Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste“ festgehalten. Weitere Informationen im Internet unter www.spiel-mir-das-lied-vom-leben.de

Eifeler Presse Agentur/epa

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