Betreuungsvereine unter Druck

Caritas macht anlässlich bundesweiter Aktionswoche „Wir sind da – in Ihrer Nachbarschaft“ auf angespannte finanzielle Situation im Betreuungsbereich aufmerksam

Caritasvorstand Franz Josef Funken (l.) lobte die beispielhafte Unterstützung des Kreises Euskirchen in Bezug auf Betreuungsvereine, dennoch klafft eine finanzielle Lücke. Foto: Carsten Düppengießer
Caritasvorstand Franz Josef Funken (l.) lobte die beispielhafte Unterstützung des Kreises Euskirchen in Bezug auf Betreuungsvereine, dennoch klafft eine finanzielle Lücke. Foto: Carsten Düppengießer

Euskirchen – „Wenn ich den Betreuungsverein nicht gehabt hätte, wäre ich heute noch obdachlos“, sagt Heinz Breuer, der im Jahr 2000 nach einem Schlaganfall seinen Beruf in einer großen Kölner Brauerei nicht mehr ausüben konnte. „Mein ganzes Leben geriet aus den Fugen“, erzählt er heute. Er begann zu spielen, konnte Miete und Stromrechnungen nicht mehr bezahlen. Das Familienleben begann zu leiden, irgendwann sah sich sein Sohn der Situation nicht mehr gewachsen.

Als der Betreuungsverein der Caritas für Breuer zuständig wurde, war er ohne festen Wohnsitz und stand buchstäblich auf der Straße. Wilfried Schmitz, Berufsbetreuer bei der Caritas Euskirchen, kümmerte sich zunächst um die nötigsten Dinge: „Herr Schmitz brauchte eine Wohnung und der Kühlschrank musste gefüllt werden.“ Wichtig war ihm, neben der Unterstützung bei Behördenangelegenheiten und beim Umgang mit seinen Finanzen, dass man ins Gespräch kam und die nötigen Dinge gemeinsam auf den Weg brachte.

Als Heinz Breuer hörte, dass die Caritas mit MdB Detlef Seif im „Café Insel“ über die Arbeit des Betreuungsvereins sprechen wird, war ihm wichtig, seine Geschichte zu erzählen. Breuer: „Sie haben mir geholfen, dann helfe ich ihnen, wenn ich kann.“

Denn Hilfe kann die Caritas, wie fast alle Betreuungsvereine in Deutschland, laut Caritasvorstand Franz Josef Funken gut gebrauchen. „Seit 2005 sind die Pauschalen für die Arbeit unserer gesetzlichen Betreuer nicht erhöht worden“, berichtet Funken. Dies führe zu massiven Problemen. „Wir erwarten für das laufende Jahr ein Defizit in Höhe von 50.000 Euro, welches wir aus Eigenmitteln ausgleichen müssen“, so der Caritas-Chef.

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Dazu Detlef Seif: „Das bestehende Modell bedarf einer Überarbeitung. Wir haben in Berlin eine Studie zur gesetzlichen Betreuung auf den Weg gebracht. Das Gesamtergebnis erwarten wir für Mitte 2017, die Vergütungsfrage wird mit Priorität bearbeitet. Hier werden für Ende 2016 Ergebnisse erwartet“. Dieses Vorgehen sei notwendig, um auf Grundlage fundierter Daten und Erkenntnisse zukunftsfähige Lösungen für die gesetzliche Betreuung auf den Weg zu bringen, zumal einem entsprechenden Gesetz die Länder im Bundesrat zustimmen müssten.

Dies sei laut Funken auch dringend erforderlich. Allein im Kreisgebiet haben in den vergangenen Jahren zwei Betreuungsvereine freier Träger ihren Dienst eingestellt. „Wenn die Betreuungsvereine verschwinden, stehen die ehrenamtlichen Betreuer ohne Hilfe und Begleitung da“, erklärt Schmitz. Seif: „Der Staat ist haushaltspolitisch dumm, wenn er hier nicht nachbessert, denn ohne Ehrenamt wird es für die Gesellschaft teurer.“

Denn neben den eigentlichen Betreuungen leisten Betreuungsvereine sogenannte Querschnittsaufgaben. Diese umfassen Maßnahmen, um es gar erst nicht zu einer Betreuung kommen zu lassen, sowie die Gewinnung, Qualifizierung, Beratung und Begleitung von ehrenamtlichen Betreuern. Diese fördern der Kreis Euskirchen jährlich mit über 10.000 Euro und das Land mit 8.000 Euro. „Der Kreis Euskirchen ist hier beispielhaft“, betont Funken.

Rund 30 ehrenamtliche Betreuer unterstützt die Caritas Euskirchen in ihrer Arbeit. Maggie Flacke ist eine von ihnen. In den vergangenen 25 Jahren hat sie fünf psychisch erkrankte Frauen betreut. Sie ist überzeugt, dass ehrenamtliche Betreuer auf die Unterstützung durch Betreuungsvereine angewiesen sind. Neben rechtlichen und verwaltungstechnischen Problemen sei gerade die Möglichkeit des Austauschs in schwierigen moralischen Fragen für sie eine große Hilfe: „Eine von mir betreute Frau hatte Brustkrebs. Ich sollte entscheiden, ob die Brust abgenommen oder erhalten wird.“ Und noch eine Entwicklung bereitet Maggie Flacke Sorge: „Die Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind, werden jünger und haben heute mehr Probleme als früher.“ (epa)

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