Studie bestätigt Sorgen rund um Tihange 2

Die Ergebnisse der Studie basieren auf Expertenbeurteilung öffentlich verfügbarer Dokumente – Städteregionsrat Helmut Etschenberg: „Wir haben jetzt einen seriösen Nachweis, dass unsere Region mit hoher Wahrscheinlichkeit von radioaktivem Niederschlag betroffen wäre.“

Städteregionsrat Helmut Etschenberg sieht sich durch die Ergebnisse der Studie in seiner konsequenten Forderung nach Abschaltung des Atommeilers „Tihange 2“ bestätigt. Bild: Andreas Herrmann
Städteregionsrat Helmut Etschenberg sieht sich durch die Ergebnisse der Studie in seiner konsequenten Forderung nach Abschaltung des Atommeilers „Tihange 2“ bestätigt. Bild: Andreas Herrmann

StädteRegion Aachen – Die StädteRegion Aachen hat eine Studie in Auftrag gegeben, die mögliche radiologische Auswirkungen eines Versagens des Reaktordruckbehälters im KKW Tihange 2 für die DreiländerRegion Aachen unter 3000 verschiedenen realen Wetterbedingungen analysiert. „Die Ergebnisse sind verheerend!“, heißt es in einer Pressemitteilung der StädteRegion Aachen. Mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit würde in der Region der Grenzwert für die effektive Dosis zum Schutz von Einzelpersonen um das Dreifache überschritten, der für den Normalbetrieb von Anlagen zulässig ist (=1 Millisievert). Dieser Wert ergebe sich aus der Strahlenschutzverordnung.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aachener Region von einem radioaktiven Niederschlag betroffen wäre, der in Tschernobyl zur Umsiedelung führte, liegt demnach bei 10 Prozent“, so die StädteRegion weiter.

Bei ungünstiger Wetterlage wären die Auswirkungen in dieser Region mit den Städten innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone von Fukushima vergleichbar. Städteregionsrat Helmut Etschenberg sehe sich durch diese Ergebnisse in seiner konsequenten Forderung bestätigt, dass Tihange2 abgeschaltet werden müsse. Sein Fazit: „Solange die Sicherheit nicht nachgewiesen werden kann, ist der Weiterbetrieb von Tihange 2 mit Russischem Roulette vergleichbar und nicht hinnehmbar!“

Die Mitglieder des Städteregionstages und die Medien zeigten hohes Interesse an den Ergebnissen der Studie. Bild: Andreas Herrmann
Die Mitglieder des Städteregionstages und die Medien zeigten hohes Interesse an den Ergebnissen der Studie. Bild: Andreas Herrmann

Die Studie geht von einem Versagen des Reaktordruckbehälters aus. Weite Teile des Bundesgebietes wären betroffen. Professor Dr. Wolfgang Renneberg vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien und der Hauptautor der Studie, Dr. Nikolaus Müllner, stellten die zentralen Ergebnisse jetzt bei einer Sitzung des Städteregionstages vor. Die katastrophalen Auswirkungen würden nicht nur die DreiländerRegion Aachen, sondern über NRW hinaus weite Teile des Bundesgebietes, der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs betreffen.

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Die Ergebnisse der Studie basierten auf Expertenbeurteilung der öffentlich verfügbaren Dokumente. Die Studie zeige auch, dass ein Versagen des Reaktordruckbehälters zu einem schweren Kernschaden und zum Versagen des Sicherheitsbehälters führen könnte. Ein solcher Unfall würde zu einer großen Freisetzung von Radioaktivität führen. Es würde sich um einen Unfall handeln, der gemeinhin als „Super-Gau“ bezeichnet würde und von Experten in der höchsten Schadensklasse (Stufe 7 der Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse INES) einzustufen wäre.

Die Expertenmeinungen, ob der Reaktordruckbehälter auch unter Unfallbedingungen sicher ist und ein Versagen desselben ausgeschlossen werden kann, gingen auseinander. Die deutsche Reaktorsicherheitskommission habe Zweifel daran, dass die für den Betrieb der Anlage geforderten und in den Nachweisen ausgewiesenen Sicherheitsreserven tatsächlich vorhanden seien. Eine Bitte der Bundesregierung, die betroffenen Kraftwerke bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen herunterzufahren, hätten die belgischen Behörden abgelehnt.

Renneberg und Müllner betonten ausdrücklich, dass die Studie nicht die Wahrscheinlichkeit eines Versagens des Reaktordruckbehälters in Tihange 2 bewertet. Professor Dr. med. Alfred Böcking (Facharzt für Pathologie und Mitglied der Ärzte zur Vermeidung eines Atomkrieges) habe einleitend ausgeführt, dass ionisierende Strahlung aus Radioaktivität über verschiedene Mechanismen krank machen könne. „Sie behindert kurzfristig die Teilung von Zellen (Strahlenkrankheit, Missbildungen), verursacht Änderungen (Mutationen) an der Erbsubstanz DNA und bewirkt Zellen mit falschen Chromosomensätzen (Aneuploidie, Leukämien, diverse Krebse)“, so Böcking. Eine medikamentöse Unschädlichmachung oder Ausscheidung von einmal in den Körper aufgenommener Radioaktivität sei nicht möglich.

Laut Böcking seien akute Strahlenschäden in unserer Region wegen der Entfernung zum Glück nicht zu erwarten. Der Mediziner wies in seinem Vortrag ausdrücklich darauf hin, dass uns Radioaktivität nach einem AKW-Unfall mit Staubteilchen aus der Luft erreichen würde und somit eingeatmet und verschluckt werden könne. „Beides lässt sich weitgehend verhindern“, sagt Böcking. „Die mit der Luft ankommende, partikelgebundene Radioaktivität zieht vorbei, so dass danach »nur« noch am Boden abgelagerte Teilchen strahlen“, sagt der erfahrene Zytopathologe. In Räume mit dicht geschlossenen Fenstern und Türen drängen radioaktive Partikel aus der Luft kaum ein.

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Als Vorsorgemaßnahme rät der Facharzt, sich durch die rechtzeitige, richtige Einnahme von Jodtabletten vor Jod 131 zu schützen. Strahlenbedingter Schilddrüsenkrebs könne damit fast vollständig verhindert werden. „Hochdosiertes Jod ist übrigens rezeptfrei in Apotheken erhältlich und hat keine Verfallszeit“, so Böcking. Personen über 45 Jahren sollten sich vorsorglich von ihrem Hausarzt bestätigen lassen, dass ihre Schilddrüse gesund ist, ehe sie hochdosiertes Jod einnehmen würden. Zudem schützten FFP3-Atemmasken vor 95 Prozent der radioaktiven Partikel in der Atemluft. Diese Masken seien für rund 2,- Euro pro Stück im Handel erhältlich.

Böcking warnte ausdrücklich davor, eine radioaktiv kontaminierte Region fluchtartig zu verlassen, „weil man dabei wahrscheinlich viel mehr radioaktive Partikel aufnimmt, als wenn man zu Hause deren Vorbeiziehen abwartet“.

Städteregionsrat Helmut Etschenberg sieht in der Studie eine Bestätigung dessen, was tausende Menschen schon in dutzenden friedlichen Demonstrationen zum Ausdruck gebracht hätten: „Persönliche Betroffenheit“.

„Wir haben jetzt einen seriösen Nachweis, dass unsere Region mit hoher Wahrscheinlichkeit von radioaktivem Niederschlag betroffen wäre, wenn es in Tihange zu einem Super-GAU kommen würde. Ich will damit keine Panik auslösen, aber dennoch ein deutliches Signal an die Bevölkerung senden. Nach Meinung von Experten kann es in Tihange 2 zu einem schweren Unfall kommen, gegen die uns kein Katastrophenschutz dieser Welt schützen kann – der einzige sinnvolle Schutz wäre die Abschaltung von Tihange 2 und Doel 3″, so Etschenberg.

Das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft werde in Kürze über einen Resolutionsvorschlag entscheiden, der ebenfalls die sofortige Schließung von Tihange2 und Doel3 fordere. „Für diese konsequente Haltung danke ich den Mitgliedern des zuständigen Ausschusses und des Parlaments sowie dem Ministerpräsidenten Oliver Paasch sehr“, so der Städteregionsrat. Etschenberg würde sich wünschen, dass dieses Signal auch in der belgischen Bevölkerung wahrgenommen würde.

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Die Studie werde Gegenstand einer weiteren Klage der StädteRegion Aachen gegen Tihange2. Maastricht (NL), Wiltz (Luxemburg) und die StädteRegion Aachen würden diese Klage einreichen. Der Klage würden sich die Fraktionsvorsitzenden aller im Städteregionstag vertretenen Fraktionen und der Personalratsvorsitzende der StädteRegion Aachen als „natürliche Personen“ anschließen.

Etschenberg: „Ich bin sehr froh, dass sich nicht nur alle Fraktionsvorsitzenden des Städteregionstages und der Personalratsvorsitzende, sondern auch ein großes Unternehmen bereit erklärt hat, unsere nächste Klage vor dem Gericht der Ersten Instanz in Belgien persönlich zu unterstützen. Wir müssen alle Mittel ausschöpfen, um mit Nachdruck gegen die maroden Kraftwerksblöcke vorzugehen. Deshalb unterstütze ich gerne die Aktionen von Alemannia Aachen und die Aufstellung der »Stopp-Tihange-Säulen« mit dem gemeinsamen Ziel, diese tickenden Zeitbomben endlich stillzulegen.“ (eB/epa)

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