Kaller Bürger und Verwaltung wollen die Energieeinsparziele der Bundesregierung noch übertreffen

Über 30 Ehrenamtler engagieren sich in fünf Arbeitsgruppen – Kommune setzt jetzt vermehrt auf Photovoltaik, Hackschnitzel und Windenergie – Gemeinsam mit dem Kreis Euskirchen wurde als flankierende Maßnahme ein Klimaschutzkonzept auf die Schiene gesetzt, das vom Bund mit 73 000 Euro gefördert wird

 

Im Energieteam engagieren sich Bürger ehrenamtlich für die Umwelt, um zusammen mit der Verwaltung die Energieleitlinie für Kall umzusetzen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall – Beim Ausstoß von Kohlendioxid ist Deutschland noch immer ganz vorne mit dabei. Gerade der Ausstieg aus der Atomenergie bis 2020 könnte das gefährliche Treibhausgas kurzfristig sogar noch einmal ansteigen lassen, zumindest solange, bis ein nachhaltiges, intelligentes und dezentrales Energieversorgungssystem aufgebaut ist. Umso wichtiger ist es, den Folgen des weltweiten Klimawandels und der globalen Erwärmung auch weiterhin entschlossen entgegen zu treten. Dabei sind auch die Bürger vor Ort gefragt. Mit der Verabschiedung ihrer Klimaschutz- und Energieleitlinie, die gemeinsam mit Vertretern des ortsansässigen Energieversorgers Energie Nordeifel (ene) aufgestellt wurde, hat die Gemeinde Kall bereits 2010 ein deutliches Zeichen gesetzt, um auf lokaler Ebene Verantwortung zu übernehmen.

Tobias Feld (hinten), Energieberater der Gemeinde Kall, berichtete über die ehrgeizigen Ziele Kalls zum Schutze der Umwelt. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Doch bei theoretischen Überlegungen ist es seither nicht geblieben, schließlich gilt es, so Bürgermeister Herbert Radermacher, „die CO2-Emissionen in der Gemeinde Kall bis zum Jahr 2020 um weitere 20 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 2009 zu senken“. Ein stolzes Ziel, denn nach jetzigem Kenntnisstand würde dies eine Reduzierung des schädlichen Treibhausgases gegenüber dem Jahr 1990 um mehr als 40 Prozent bedeuten. „Damit würden wir die Ziele der Bundesregierung sogar noch übertreffen“, so Radermacher jetzt während eines Pressegesprächs im Sistiger Bürgerhaus.

Zahlreiche Ergebnisse

Damit dies gelingt, sind gleich fünf Arbeitsgemeinschaften (AG), zusammengeschlossen im Kaller „Energieteam“, in der Gemeinde am Werk. „Das ist ein echtes Novum im Kreis Euskirchen“, sagte Radermacher. Der Bürger müsse beim Klimaschutz mitgenommen werden, das sei auch erklärtes Ziel des Rates der Gemeinde Kall, der die Arbeit der Ehrenamtler daher besonders schätze. Die AGs werden von Energieberater Tobias Feld koordiniert und begleitet.

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Ob energiesparende Straßenbeleuchtung mit LED-Modulen oder mögliche Standorte für Bürger-Windparks – im Energieteam Kall loten Bürger Möglichkeiten aus, die Gemeinde weiter umweltfreundlich zu machen. Bild: Tameer Gunnar Eden/ Eifeler Presse Agentur/epa

In diesen Arbeitsgruppen treffen sich über 30 Ehrenamtler aus Kall einmal im Monat und arbeiten zu unterschiedlichen Disziplinen wie Windkraft, Photovoltaik, Hackschnitzelanlagen oder Beleuchtung. Es handelt sich um offene Arbeitsgruppen, wie Alfred Schmidt, der Erste Beigeordnete der Gemeinde Kall, sagt: „Jeder Kaller Bürger, der etwas zum Thema Energie sagen kann und möchte, kann regelmäßig oder auch sporadisch an den Sitzungen teilnehmen und sich einbringen. Jeder, der noch mitmachen möchte, ist herzlich willkommen.“ Auch Fachleute bringen dort ehrenamtlich ihr Wissen ein, um ein Energiethema letztlich auch mit der notwendigen Kompetenz aufzubereiten. Aus den Teams gibt es mittlerweile zahlreiche Ergebnisse, die am Mittwochabend in Sistig vorgestellt wurden:

Hans-Peter Pütz, Sprecher der AG „Holz“, berichtete, dass als möglicher Standort für eine Hackschnitzel-Heizanlage das Hallenbad Kall ausgemacht worden sei. Es habe bereits ein Ortstermin mit einem Anlagenbauer stattgefunden. Jetzt arbeite die AG an einer Wirtschaftlichkeitsberechnung. Zu diesem Thema waren am Mittwochabend auch eigens Johannes Pinn und Klaus Haderer von der Energiegenossenschaft Eifel (eegon) angereist. Pinn betonte, dass sich das Projekt rechne, wenn man vor allem die Baukosten niedrig halte. Wenn darüber hinaus weitere Gebäude, wie beispielsweise das Feuerwehrgeräthaus, dessen Heizung demnächst ohnehin erneuert werden müsse, mit angeschlossen würden, steige die Wirtschaftlichkeit zunehmend.

Einmal im Monat treffen sich die Arbeitsgruppen des Energieteams Kall, um ihre Ergebnisse auszutauschen und klimafreundliche Pläne für Kall zu schmieden. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Im Energieteam „Wind“ hat man bereits zwei bis drei denkbare Standorte für Windkraftanlagen auf dem Gemeindegebiet untersucht. Dabei geht es um ein Bürger-Windpark-Konzept, das den größtmöglichen Nutzen für die Gemeinde und die Bürger bringen soll. „So arbeiten wir mit an der regionalen Wertschöpfungskette, und die Erträge fließen nicht in andere Regionen ab“, erklärte Alfred Schmidt. Denn dass nach dem Atomstopp die Windenergie auf jeden Fall ausgebaut wird – ob mit oder ohne die Eifeler – daran zweifele derzeit niemand mehr. Die AG „Wind“ legt besonders auf große Transparenz wert und will die Öffentlichkeit bei der Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Sogar eventuelle Verträge sollen öffentlich gemacht und über die Standorte gemeinsam mit den Bürgern entschieden werden. „Wir wollen, dass die Pacht nicht nur an die Landeigentümer, sondern in die Öffentlichkeit zurückfließt, das heißt: in die Orte und Vereine“, so der Tenor der Wind-AG. Und zwar in großzügigem Umfang und nicht nur als „kleine Spende“.

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Die AG „Sonne“ ebenfalls konkret tätig: Die Hauptschule Kall soll im Zuge der Dachsanierung (für die Gelder aus dem Konjunkturpaket II zur Verfügung stehen) in den Sommerferien eine PV-Anlage erhalten (auch wird ein Bürgermodell favorisiert), und auf dem Dach der Grundschule Sistig wird die Gemeinde eine Anlage zum Eigenbetrieb installieren.

 „Fangen nicht bei null an“

In der AG „Beleuchtung“ hat man derweil mögliche Fördermittel für die Straßen- und Innenbeleuchtung aufgetan, so dass die Gemeinde mit der Beleuchtungsinitiative bereits noch in diesem Jahr beginnen kann. In Sachen Straßenbeleuchtung ist aktuell ein Antrag auf Förderung des Austausches von alten Leuchtkörpern gestellt. In Sistig, Scheven, Steinfeld und Golbach sollen 47 Leuchten auf LED-Technik umgerüstet werden.

„Wir haben hier in der Gemeinde Kall den Vorteil, dass wir beim Energiesparen nicht bei null anfangen“, so Bürgermeister Herbert Radermacher, „sondern auf vorbildliche Maßnahmen aus der Vergangenheit aufbauen können.“ Beispielhaft seien hier die bereits errichteten mehr als 140 privaten und gewerblichen Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung in den Sparten Biogas, Photovoltaik und Windkraft zu nennen. Darüber hinaus betreibe die Gemeinde ein eigenes Blockheizkraftwerk.

Doch damit nicht genug, lässt die Gemeinde Kall jetzt, quasi als flankierende Maßnahme zu den Energieeinsparbemühungen, zusammen mit der Gemeinde Dahlem und dem Kreis Euskirchen ein Klimaschutzkonzept erarbeiten. Dafür erhalten die drei Partner 73.000 Euro und damit 65 Prozent der Kosten für die Konzepterstellung durch ein Fachbüro. Die Fertigstellung ist auf Mai 2012 terminiert.

Landrat Günter Rosenke, von dem die Initiative ausging und der die Kommunen mit ins Boot geholt hatte, erhielt im Frühjahr den Bewilligungsbescheid des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Daraufhin ist ein externes Fachbüro mit der Erstellung des Klimaschutzkonzeptes beauftragt worden. „Dabei geht es um kurz-, mittel- und langfristig orientierte Maßnahmen zum Schutz des Klimas“, teilte Bürgermeister Radermacher mit. Berücksichtigt werden dabei bereits laufende Aktivitäten wie zum Beispiel die der BioenergieRegion Eifel. Darüber hinaus würden die Energieversorger beteiligt, die Politik, Verwaltungen sowie regionale Institutionen wie die Zukunftsinitiative Eifel, die Eifel Energiegenossenschaft und auch das Handwerk, die Landwirtschaft, Kirchen und Vereine.

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Vertreter der „Energie Nordeifel“ (ene), allen voran Geschäftsführer Dieter Hinze, haben sich denn auch bereits bei der Aufstellung der Energieleitlinie mit eingebracht. Denn das Konzept der Gemeinde Kall passt in die Neuausrichtung des ortsansässigen Energieversorgers, der die Eifel bis 2030 mit 100 Prozent regenerativer Energie versorgen und das Versorgungsgebiet damit energiewirtschaftlich autark machen möchte.

„Der wichtigste Arbeitsbaustein des Klimaschutzkonzepts ist die Erstellung einer kreisweiten CO2-Bilanz“, so Radermacher. Gleichzeitig zeige das Konzept Möglichkeiten zur Minderung des CO2-Ausstosses auf. Neben der energetischen Sanierung von Gebäuden zur Reduzierung des Energieverbrauchs soll es, so der Verwaltungschef, auch Informationskampagnen und Wettbewerbe im Bereich Stromsparen geben. Das Konzept soll in knapp einem Jahr abgeschlossen sein.

Die Eigenmittel des Kreises in Höhe von knapp 31.000 Euro wurden aufgrund der Bedeutung des Projektes in den Haushalt 2011/12 eingestellt. Die Kommunen müssen lediglich noch Eigenmittel in Höhe von gut 3.700 Euro aufbringen.

„Wenn wir solche Dinge gemeinsam angehen, dann kommt auch etwas Vernünftiges dabei heraus“, sagte Landrat Rosenke im Vorfeld des Pressegesprächs. Mittlerweile hat sich auch die Gemeinde Hellenthal von dem Konzept überzeugen lassen und ist noch mit dabei.

Weiterhin hat die Gemeinde Kall mit Tobias Feld als eine der ersten Kommunen im Kreis Euskirchen einen eigenen Energieberater eingestellt. Der 38-Jährige findet es spannend, für eine Kommune arbeiten zu dürfen und Kall bei der Umsetzung der Energieleitlinie behilflich zu sein. Des Weiteren bieten Feld und die AG Energieberatung des Energieteams Kall jeden Donnerstag zwischen 17 und 18 Uhr eine Stunde lang für die Bürger im Rathaus eine kostenlose Energieberatung an. Man kann den Experten aber auch anrufen unter 0 24 41/8 88 41.

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Alfred Schmidt, der derzeit in Sachen Klimabilanz mit seinem von der ene zur Verfügung gestellten E-Mobil mit gutem Beispiel voranfährt, betonte, dass Rat und Verwaltung froh sind, „mit Tobias Feld jemanden in den eigenen Reihen zu haben, der das Thema Energiesparen professionell angeht und es auch koordiniert“.

Eifeler Presse Agentur/epa

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