„Bürger haben es jetzt selbst in der Hand“

Nahversorgung im Kaller Höhengebiet ist auf Dauer nur mit Bürgerengagement aufrechtzuerhalten – Alte Schule in Sistig könnte neues Dorf-Zentrum werden – Bürgermeister Radermacher bittet Bewohner, sich an der Fragebogenaktion zu beteiligen, damit ein Bedarfsplan erstellt werden kann

 

Heinz Frey (links) und Jürgen Spelthann vom „DORV-Zentrum“ erläuterten, wie eine funktionierende Nahversorgung auf Dauer im Kaller Höhengebiet aussehen kann. . Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall-Sistig – „Es ist eine schleichende Krankheit. Man bemerkt sie kaum, doch auf einmal ist sie da.“ – So umschrieb der Kaller Bürgermeister Herbert Radermacher den drohenden Verlust der örtlichen Grund- und Nahversorgung im Kaller Höhengebiet. Der Ort Sistig nehme zwar derzeit noch eine wichtige Funktion als Versorgungszentrum wahr, doch aufgrund des demografischen Wandels könne dies schon bald anders aussehen. Der Verwaltungschef hatte die Bürger der Höhengebiete daher ins Bürgerhaus Sistig eingeladen, um diese darüber informieren zu lassen, wie man auch weiterhin im Höhengebiet eine Nahversorgung aufrecht erhalten kann, vorausgesetzt, die Bürger packen selber mit an. Mehr als 40 Bürger waren der Einladung gefolgt.

Bürgermeister Herbert Radermacher appellierte an die Bürger, sich für das Projekt Dorf-Zentrum zu engagieren. Noch sei man zeitig genug unterwegs, um das Leben in den Dörfern auch weiterhin lebenswert zu erhalten. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Rat und Verwaltung der Gemeinde Kall ist das Problem der gefährdeten Nahversorgung in einigen Orten bereits seit längerer Zeit bekannt. Gemeinsam hat man sich daher entschieden, dieser Entwicklung massiv gegenzusteuern. Mit Alexander Sobotta, Regionalmanager der LEADER-Region-Eifel, wurde daher ein modellhaftes Nahversorgungsprojekt auf den Weg gebracht, dass von der EU gefördert wird. Glücklicherweise steht die Eifel mit dem Problem nicht alleine da, und es gibt bereits Lösungen, die anderswo schon gut funktionieren.

Heinz Frey und Jürgen Spelthann vom mehrfach ausgezeichneten „DORV-Zentrum“ aus Jülich-Barmen stellten vor, wie eine gebündelte örtliche Nahversorgung auch in der Eifel aussehen könnte. „Neben Lebensmitteln gehören vor allem Dienstleistungen, die sozialmedizinische Versorgung sowie Kommunikation und Kultur zu den tragfähigen Säulen einer funktionierenden Nahversorgung“, so Heinz Frey. Mit den Erfahrungen der „DORV“-Fachleute, „DORV“ steht dabei für „Dienstleistungen und Ortsnahe RundumVersorgung“, möchte die Gemeinde Kall gemeinsam mit den Ortsvorstehern, den Gewerbetreibenden vor Ort sowie allen interessieren Bürgern versuchen, das noch vorhandene Versorgungssystem zu stützen und nach Möglichkeit sogar weiter auszubauen.

Zum Einstieg in die Informationsveranstaltung sahen die Bürger einen Film über das funktionierende „DORV-Zentrum“ in Jülich-Barmen. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Dazu gehört auch der ÖPNV, eine schnelle Internetanbindung, Energieeinsparung und Dorfgestaltung. In einem ersten Schritt können die „DORV“-Fachleute die bereits bestehenden Einrichtungen wie Metzgereien oder Bäckereien beraten. „Ziel aber sollte sein, dass eine komplette Nahversorgung einmal als Ladengemeinschaft unter einem Dach stattfindet“, so Frey. In einem solchen Dorf-Zentrum könnte unter anderem auch ein Mal die Woche ein Arzt Sprechstunde halten, man könnte dort sein Kraftfahrzeug anmelden, ein Café wäre denkbar, ein Familienzentrum, ein Geldautomat, ein Lieferdienst, ein Einkaufstaxi oder ein Post- und Paketdienst. Was genau ein solches Dorf-Zentrum alles anbietet, liegt letztlich am Bedarf der Bürger und hängt von dem ab, was diese umzusetzen in der Lage sind.

Noch rechtzeitig genug

In Sistig hatten sich die Fachleute bereits die „Alte Schule“ als idealen Ort für ein Dorf-Zentrum ausgeguckt. „Wenn man davon ausgeht, dass es im Kaller Höhengebiet ein Einkaufspotenzial von 5,5 Millionen Euro pro Jahr gibt, dann wird deutlich, dass ein solches Zentrum überlebensfähig ist, sobald nur ein Teil dieses Geldes zukünftig vor Ort ausgegeben wird“, so Frey. Dazu reiche es aus, wenn jeder Bürger der Höhengebiete nur einen Euro pro Tag im Dorf-Zentrum ausgebe. „Wenn wir unser Einkaufsverhalten ändern, dann sparen wir nicht nur Zeit und Geld, sondern erhalten auch noch den Wert unserer Immobilie“, so Frey weiter. Denn Immobilien in infrastrukturschwachen Regionen verlören rapide an Wert. Frey wusste bereits von Häusern im Hunsrück zu berichten, die man für einen Euro erwerben kann.

Der Sistiger Eckhart Fiebrich meinte: „Wenn es gelingt, allein den Nahversorgungs-Bestand zu erhalten, dann ist es schon ein lohnendes Ziel“. Ortsvorsteher Karl Vermöhlen betonte, dass es letztlich auch darum gehe, die Infrastruktur für alte Menschen aufrechtzuerhalten. Nur so könne das innerörtliche Leben als Ganzes lebendig gehalten werden.

„Wir sind noch rechtzeitig genug unterwegs, um das abzuwenden, was auf uns zukommen könnte“, zeigte sich auch Bürgermeister Radermacher begeistert von der Idee des Dorf-Zentrums. Als Nächstes gehe es jetzt darum, den Bedarf bei der Bevölkerung abzufragen. Hier wurde bereits gemeinsam mit den Ortsvorstehern ein Fragebogen erarbeitet. Damit wollen jetzt Bürger, die sich für ihre Nahversorgung engagieren wollen, von Haus zu Haus gehen. Die Gemeinde Kall sucht diesbezüglich aber noch weitere Interviewer. Aus anderen Nachfragen wissen die „DORV“-Fachleute, dass man auf diese Weise bis zu 85 Prozent der Bevölkerung erreichen kann und damit schließlich ziemlich genau weiß, was die Bürger möchten. Der Bürgermeister bittet alle, die sich bei dem Projekt noch mit einbringen wollen, sich direkt bei Ortsvorsteher Karl Vermöhlen oder bei Markus Auel von der Struktur-, Wirtschafts- und Tourismusförderung unter 02441/888-45 zu melden.

„Die Bürger haben es jetzt selbst in der Hand, wie ihre Nahversorgung einmal aussehen wird“, so der Verwaltungschef. Für Radermacher gehört die Sicherung der Nahversorgung neben der Mobilitätssicherung im Alter und der Energieleitlinie zu den drei wichtigen und miteinander eng vernetzten Themen, mit denen sich die Gemeinde Kall auch in Zukunft schwerpunktmäßig auseinandersetzen möchte.

Eifeler Presse Agentur/epa

Kommentar verfassen