„Kampf um jeden Azubi“

Kreis Euskirchen veranstaltete im Kulturraum der Energie Nordeifel („ene“) eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema Fachkräftemangel – Unternehmen im Kreis müssen zukünftig vor allem ihre eigenen Mitarbeiter mobilisieren – Maßnahmen bei „ene“ und „Deutsche Mechatronics“ als vorbildlich vorgestellt

Wie man Mitarbeiter dauerhaft für sein Unternehmen gewinnen kann erklärten Karl Heinz Moll (v.l.) von der Deutschen Mechatronics, Elke Breidenbach, Leiterin Regionalagentur Aachen, Roswitha Stock, Leiterin Agentur für Arbeit Brühl, Landrat Günter Rosenke sowie Ökonomie-Experte Prof. Dr. Gottfried Richenhagen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall – „Menschen mit Migrationshintergrund, Hauptschüler und ältere Leute, die aus dem Ruhestand reaktiviert werden – so sehen die Fachkräfte von morgen aus“, mit dieser überspitzten These eröffnete Prof. Dr. Gottfried Richenhagen von der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) am Dienstagabend sein Impulsreferat im Kulturraum der Energie Nordeifel („ene“). Eingeladen hatte die Arbeitsgruppe „Wirtschaft und Arbeit“ des Kreises Euskirchen im Rahmen ihrer Veranstaltungen zum demografischen Wandel. An die 70 Interessierte, darunter viele Unternehmer, waren nach Kall gekommen, um sich vor Ort über das Thema „Personalgewinnung“ informieren zu lassen.

 

In einer Expertenrunde gaben die Referenten Tipps, wie man dem drohenden Fachkräftemangel begegnen kann. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Angesichts der voranschreitenden Überalterung der Gesellschaft, die zu einem zunehmenden Fachkräftemangel führen wird, stellte Prof. Richenhagen Konzepte vor, die diesem Mangel entgegenwirken sollen. Seine wichtigste Forderung lautete: „Mobilisieren Sie Fachkräfte aus den eigenen Reihen!“ Ausbilden und Weiterentwickeln seien die beiden wichtigsten Aufgaben, die Unternehmen heute leisten müssten. Vor allem müsse die Flexibilität der Arbeitnehmer erhöht werden. Niemand könne mehr 40 Jahre seines Lebens in einem Unternehmen dieselbe Tätigkeit ausführen. Diese Zeiten seien endgültig vorbei.

 

Erhard Poth, Personalchef bei der „ene“, berichtete von 53 Azubis, die in den vergangenen Jahren in der „ene“ ausgebildet wurden. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Neben der Förderung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit seien aber auch die so genannten „immateriellen Ressourcen“ von großer Bedeutung, d.h.: Unternehmer müssten Strategien entwickeln, um Arbeitnehmer auch dauerhaft an die Firma zu binden. Für den Fachkräftemangel machte Richenhagen auch das viel zu selektive Schulsystem verantwortlich: „Es gibt immer noch jede Menge hoch motivierter Immigranten, die keinen Zutritt in unser Bildungssystem finden.“

Auch beim öffentlichen Dienst werde es in den nächsten Jahren Probleme geben. Hier würden allein in den nächsten sieben Jahren 35 Prozent ausscheiden. Nachwuchs sei aber kaum in Sicht.

„Gerade in einem ländlich geprägten Raum wird es immer schwieriger, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden“, erinnerte Landrat Günter Rosenke in seiner Begrüßung an das Problem der geringen Geburtenzahlen und der Abwanderung von jungen, gut ausgebildeten Menschen in die Ballungszentren. Rosenke ließ deutlich werden, dass der Fachkräftemangel die stärkste Bedrohung für Wohlstand und Wirtschaft in Deutschland ist. Bis 2025 würden allein 6,5 Millionen Fachkräfte fehlen.

Auf großes Interesse bei Unternehmen von der Caritas bis zu Banken stieß der Vortragsabend zur Personalgewinnung in der „ene“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Ulrich Schirowski, Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (AGIT), lobte den Kreis Euskirchen dafür, dass man sich hier bereits seit 2007 mit dem Thema Demografiewandel auseinandersetze. „Was hier geleistet wird ist wegweisend für die Region, der Kreis Euskirchen hat in der Wirtschaftsregion Aachen eine Vorreiterrolle“, so Schirowski.

Menschen in den Mittelpunkt stellen

Mit einer Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent stehe der Kreis Euskirchen besser da als viele andere Kreise, sagte auch Roswitha Stock, Leiterin der Agentur für Arbeit Brühl. Auch liege das Einkommensniveau über NRW-Durchschnitt. Dennoch werde man 20 Prozent weniger Schulabgänger im Jahr 2020 haben. Roswitha Stock prophezeite daher einen „Kampf um jeden Azubi“.

Prof. Dr. Gottfried Richenhagen von der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) gab pointierte Tipps, wie man dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Dass gerade die Eifeler Betriebe an ihrem Image arbeiten müssen, damit sie von jungen Leute überhaupt wahrgenommen werden, dies wurde auch in der anschließenden von Elke Breidenbach, Leiterin der Regionalagentur Aachen, moderierten Podiumsdiskussion deutlich, in der Maria Breuer, Technik-Agentur Euskirchen, Elke Witzmann von „ac.consult“, Christof Gladow von der Struktur- und Wirtschaftsförderung des Kreises Euskirchen, Josef Weingarten, Jobcenter EU-aktiv, und Nina Walkenbach, Regionalagentur Aachen, miteinander diskutierten. „Die Unternehmen können auf ihren Internetseiten noch so tolle Technik vorstellen, wenn man dort keine Menschen sieht und damit den guten Geist des Unternehmens, dann werden sich Studierende kaum für den Betrieb interessieren“, so Elke Witzmann.

In Sachen Fachkräftegewinnung wurden abschließend zwei Firmen aus dem Kreis Euskirchen als vorbildlich vorgestellt. Erhard Poth, Personalleiter bei der „ene“ und seit 1974 im Unternehmen, betonte, dass „ene“ und KEV längst das Gros ihrer Fachkräfte aus den eigenen Reihen rekrutiere. Dafür biete man den Mitarbeitern zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten an. „Wir halten aber auch Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern, die ins Ausland gegangen sind, denn viele von denen kommen eines Tages doch in die Eifel zurück“, so Poth. Weiterhin betraue man längst auch weibliche Kräfte mit Leitungsaufgaben.

Karl Heinrich Moll, Personalleiter der Deutschen Mechatronics Mechernich, berichtete, dass man die Qualifizierungsmaßnahmen in seinem Unternehmen gar verdreifacht und die Azubi-Quote verdoppelt habe. „Wir bieten unseren Auszubildenden darüber hinaus eine vorzeitige unbefristete Übernahme an“, so Moll.
Iris Poth, Wirtschaftsförderin des Kreises Euskirchen, wies abschließend darauf hin, dass die nächste Veranstaltung zum demografischen Wandel am 28. September stattfindet. Dann drehe sich alles um die Familienfreundlichkeit in den Unternehmen.
Eifeler Presse Agentur/epa

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