Mehr Muskeln oder mehr Hirn bei der Energiewende?

Die Bundesnetzagentur fordert den schnellen Ausbau der Stromnetze ebenso wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Denn um regenerative Energiequellen optimal nutzen zu können, bedarf es einer neuen Infrastruktur – und zwar nicht nur in den überregionalen Transportnetzen, sondern auch in den Verteilnetzen vor Ort. Doch was ist dafür nötig und welche Maßnahmen sind in der Eifel zu erwarten? Wir  fragten hierzu Helmut Klaßen, Geschäftsführer der KEV.

Frage: Warum ist der Netzausbau so wichtig?

Helmut Klaßen ist Geschäftsführer der KEV und Experte in Sachen "Intelligente Netze". Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Helmut Klaßen ist Geschäftsführer der KEV und Experte in Sachen "Intelligente Netze". Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Helmut Klaßen: Schlicht und ergreifend um auch in Zukunft unsere Stromversorgung zu sichern. Die Anforderungen an das Stromnetz haben sich in den vergangenen Jahren stark geändert. Früher war die erforderliche Stromerzeugung durch die Kraftwerke gut vorausplanbar. Durch den erheblichen Zubau von Windenergieanlagen und tagsüber auch durch Photovoltaikanlagen verändert sich die Menge an erzeugtem Strom mittlerweile ständig, kurzfristig und ist schwierig prognostizierbar. Wenn viel Sonne scheint oder Wind weht, kann aus einem bestimmten Gebiet auch viel Strom geliefert werden, fehlt diese Erzeugung, müssen stattdessen die Verbraucher mit Strom von außerhalb versorgt werden. Last und Lastflussrichtung wechseln also. Im Energiekonzept der Bundesrepublik Deutschland wird die Windenergie als tragende Säule  der künftigen Energieversorgung genannt. Der neue Windenergieerlass der Landesregierung in NRW befördert daher gerade in der windhöffigen Mittelgebirgsregion der Eifel einen weiteren Ausbau.

Was muss sich jetzt ändern?

Klaßen: Die Frage ist nun, ob wir dieser Herausforderung nur mit „Muskelkraft“ begegnen und mehr Kupfer und Aluminium in die Erde packen, also zusätzliche und stärkere Leitungen verlegen, oder  auch mit intelligenten Lösungen die Netze optimieren.

Das heißt?

Klaßen: Wir benötigen im Grunde Stromnetze, die sich dem tatsächlichen Strombedarf und der aktuellen Stromerzeugung flexibel anpassen. Möglich wäre das durch den Einsatz modernster Informations- und Kommunikationstechnologie: Stromerzeuger und Verbraucher sind dabei an Messgeräte angeschlossen, diese sind wiederum durch Datenleitungen vernetzt. Der erzeugte Strom kann dadurch zielgerichteter zum Verbraucher gelenkt werden. Die Steuerung übernimmt ein virtuelles Kraftwerk, das sich ständig an den tatsächlichen Bedarf anpasst. Damit dieses „Smart Energy“ genannte System mit den „Smart Grids“, wie die intelligenten Netze genannt werden, funktioniert, braucht es allerdings Energiespeicher. Die gibt es zwar bereits vereinzelt, beispielsweise in Form von Pumpspeicherkraftwerken, sie sind aber aufgrund der topographischen Anforderungen und der hohen Besiedlungsdichte nur an wenigen Stellen realisierbar. Wenn zu viel Strom vorhanden ist, wird Wasser in hochgelegene Speicherbecken gepumpt. Wenn in Spitzenzeiten viel Strom benötigt wird, wird das Wasser wieder abgelassen und treibt Turbinen zur Stromerzeugung an. Darüber hinaus fehlt aber noch eine weitere wirtschaftliche und umwelt-freundliche Technologie, um im großen Maßstab Strom zu speichern.

Gibt es auch dezentrale Speichermöglichkeiten?

Klaßen: Vor über 40 Jahren wurde bereits ein Konzept zur Energiespeicherung entwickelt, das gerade in der Eifel viel genutzt wurde: Die Wärme-speicher-Raumheizung, besser als Nachtspeicheröfen bekannt. Da die großen Wärmekraftwerke in den last-schwachen Zeiten der Nacht wegen der langen Wiederanfahrzeiten nicht abgeschaltet werden konnten bzw. ein Teillastbetrieb wirtschaftlich nicht möglich war, wurde die überschüssige Energie in der Nacht in Speicherheizgeräten in Wärme umgewandelt, in einem keramischen Material gespeichert und stand dann zur Wohnraumbeheizung tagsüber zur Verfügung. Vorstellbar wäre eine solche Energiespeicherung mit moderner Technik  beim Endkunden auch in einem Netz der Zukunft, zur Erzeugung und Speicherung von Wärme zur Raumheizung und Warmwasserbereitung.

Was hätten solche „intelligenten“ Netze für Vorteile?

Klaßen: Der erzeugte Strom könnte durch intelligente Netze sehr effizient genutzt werden, also ebenso wirtschaftlich wie umweltfreundlich, und kommt nur dort an, wo er gerade gebraucht wird. Das hilft auch, den Strompreis stabil zu halten. Durch intelligente Stromnetze könnten regenerative Energiequellen optimal genutzt und unsere Abhängigkeit von Stromerzeugung durch fossile Brennstoffe gemindert werden. Wir halten in unserem Versorgungsgebiet ein „grünes Eifelnetz“, also eine Versorgung der Eifel mit 100 Prozent Ökostrom aus eigener Erzeugung, bis 2030 für durchaus machbar und arbeiten bereits an verschiedenen Konzepten. Die Energie Nordeifel hat mit zwei großen Solarparks schon wichtige Schritte in die richtige Richtung unternommen und plant weitere Projekte der regenerativen Energieerzeugung. Dabei sollen Kommunen und Bürger von Anfang an einbezogen werden. Für die Umsetzung der „Intelligenten Netze“ fehlt es zurzeit allerdings noch an der notwendigen Technik. Aber daran wird mit Hochdruck gearbeitet.

Gibt es schon konkrete Projekte?

Klaßen: Aktuell unternehmen wir die ersten vorbereitenden Schritte, damit wir, sobald die erforderlichen Technologien erhältlich sind, mit der Umsetzung eines „Smart Grid“ beginnen können. So rüsten wir gerade  fünf Transformatorenstationen in unserem Netzgebiet mit fernsteuer-baren Schaltanlagen aus und installieren die hierzu notwendige Kommunikationstechnik. Ziel ist hierbei zu untersuchen, mit welchen Möglichkeiten bei einem „Smart Grid“ die erforderliche Netzintelligenz bis zur sogenannten letzten Meile gebracht werden kann.

Was kann man jetzt schon tun?

Klaßen: Wichtig ist aber nicht nur, Energie intelligent zu erzeugen und zu verteilen, sondern auch Energie einzusparen. Der Bürger kann oft dadurch den Verbrauch reduzieren, indem er z.B. alte Kühl- und Gefriergeräte durch moderne energiesparende Modelle ersetzt. Außerdem kann das komplette Abschalten von ungenutzten Geräten statt „Standby-Betrieb“ viel bringen. Mit den kommenden intelligenten Zählern („Smart Meter“) kann der Kunde seinen Stromverbrauch quasi in Echtzeit genau verfolgen und damit sein Verbrauchsverhalten analysieren. Um Stromfressern auf die Spur zu kommen, verleihen wir auch Energiemessgeräte an unsere Kunden.

Eifeler Presse Agentur/epa

6 Gedanken zu „Mehr Muskeln oder mehr Hirn bei der Energiewende?“

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