Rezension: „Kismet war gestern“ von Markus Saga

Saga Kismet war gesternIn Markus Sagas neuem Roman „Kismet war gestern“ begleiten wir Philipp Küchler auf eine dreitägige „touristische Nostalgietour“ nach Berlin. Philipp, so erfährt man, ist alleinerziehender Vater, hat eine kleine Tochter, die er beim Opa in der Eifel in guten Händen weiß und besitzt ein kleines Restaurant, das gerade genug abwirft, um zu überleben. Berlin, das war jedoch für Philipp einmal seine Arbeitsstätte, als er noch Lobbyist der Pharmaindustrie war und seine Aufgabe darin bestand, „den Dialog zwischen Wirtschaft und Politik zu fördern“.

Die drei Tage in der Hauptstadt werden zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Philipp ist auf der Suche nach Spuren seiner jugendlichen Träume und Hoffnungen sowie nach Erinnerungen an die Türkin Ayla, die er liebte und mit der er damals in der Hauptstadt die Ereignisse rund um den Terroranschlag des 11. Septembers erlebte. Erst viel später erfährt man, dass seine Tochter aus der Beziehung zu Ayla stammt. Überhaupt besteht der Roman aus lauter Mosaiksteinchen, die erst nach und nach Philipps Geschichte erkennen lassen. Er selbst bezeichnet sich als „spätes Kind aus achtundsechzig“, das seine Jugend erlebte, „als die grüne Revolution noch nicht in Designerklamotten herumirrte“.

Doch seine Generation bekannte sich nur unklar zu den eigenen Idealen. Sie ließ sich vielmehr treiben, nahm ihr Schicksal nicht in die eigenen Hände. So glitt auch Philipp schließlich ohne große Widerstände in ein Berufsleben, in das er eigentlich nie gewollt hatte. Ob Erinnerungen an Wohngemeinschaft und Studium, an gestorbene Freunde, an flüchtige sexuelle Erlebnisse oder aber an Ayla, die in ihrer zunehmenden Assimilierung an den Westen die eigenen Wurzeln verliert, zur Gelegenheitsprostituierten wird und schließlich nur noch auf der Flucht ist: die Figuren des Romans scheinen allesamt weit mehr von Strukturen beherrscht zu werden als von ihrem eigenen Willen.

Saga zeigt uns zunächst individuelle Geschichte als einen nicht gelingenden Prozess, der aus lauter Versatzstücken, aus Träumen, Idealen, falschen Entscheidungen und unklaren Selbsteinschätzungen besteht, die kein Ganzes ergeben, die aber auch nicht an eine Art übergeordneter Weltgeschichte geknüpft sind, aus denen sie Sinn und Zwangsläufigkeit beziehen. „Wir vertrauten darauf, dass unsere Träume eine Chance hatten.“ Aber dieses Vertrauen erweist sich als trügerisch, der eigene Lebensentwurf als nicht existenzfähig.

Mitten im Buch wird auf den Terroranschlag vom 11. September 2001 Bezug genommen, beziehungsweise es wird erzählt, wie dieser in Berlin wahrgenommen wurde, nämlich als Ereignis, das die Menschen sprachlos lässt und das als das Ende von Geschichte und damit als Krieg verstanden wird. In einer zentralen, in einer Disko spielenden Szene gelingt es Saga, die geistige Erstarrung der Gesellschaft, ihre sprachlose Reaktion auf den Terror sinnbildlich zu fassen: Während die „Partygemeinde“ sich im Kreis dreht und ihre abgehackten Bewegungen „zur ebenso stupiden Wiederholung gehämmerter Worte“ vollzieht, von denen man nur „throw“, „life“ und „away“ versteht, zeigen die Bildschirme und Leinwände rund um die Tanzfläche plötzlich die zusammenbrechenden „Twin Towers“, woraufhin das Partyvolk in ein „frenetisches Gebrüll“ ausbricht.

Der Titel „Kismet war gestern“ weist allerdings auf einen Ausweg aus der nur noch als emotionalen Reflex erlebten Geschichte und ist gewissermaßen auch Kampfansage an das vermeintlich über einen verhängte Schicksal. So hat Philipp nicht nur seinen Job in Berlin gekündigt und ist in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um ein Restaurant zu eröffnen und sein Schicksal quasi selbst in die Hand zu nehmen, er greift – und das ist viel wichtiger – auch wieder zu Stift und Block, um sich schreibend mit sich selbst und seinem Leben auseinanderzusetzen. Für das Gelingen seiner eigenen Geschichte weiß er sich fortan selbst verantwortlich. Und sein erzähltes Leben als sprachbewusste Reflexion von Geschichte erhält jene Bedeutungspotenziale, die sein nur gelebtes Leben sich wünschte. Man kann dem fein komponierten Buch des in der Eifel geborenen Autors nur viele aufmerksame Leser wünschen.

Markus Saga: Kismet war gestern. Verlag Ralf Liebe: Weilerswist 2011. 12,80 €. 197 Seiten. ISBN 978-3-941037-81-6

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