Dem traurigen Schicksal der Kaller Familie Nolting nachgespürt

Schülerinnen und Schüler des Hermann-Josef-Kollegs in Steinfeld sowie des Berufskollegs Eifel haben eine kleine Ausstellung zum Leben der Kaller Juden zusammengetragen, die noch bis Ende Juni zu sehen ist

Die Schülerinnen und Schüler des Hermann-Josef-Kollegs Steinfeld stellten am Samstagabend bei der Energie Nordeifel gemeinsam mit einigen Lehrern sowie Schulleiter Heinrich Latz (rechts) die Arbeitsergebnisse vor. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Die Schülerinnen und Schüler des Hermann-Josef-Kollegs Steinfeld stellten am Samstagabend bei der Energie Nordeifel gemeinsam mit einigen Lehrern sowie Schulleiter Heinrich Latz (rechts) die Arbeitsergebnisse vor. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall – Bevor am Samstagabend im Kulturraum der Energie Nordeifel („ene“) Rolly Brings und Pia Fridhill mit ihren Musikern zum Benefizkonzert für die geplante Verlegung von „Stolpersteinen“ in Kall aufspielten, zeigten die Schülerinnen und Schüler des Zusatzkursus Geschichte am Hermann-Josef-Kolleg in Steinfeld in einer kleinen Ausstellung, was sie über die Kaller Familie Nolting herausfanden. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin Nicole Dingmann hatten die 31 Schüler der Jahrgangsstufe 12 in mehreren Gruppen der Geschichte der Familie mit ihren fünf Kindern nachgespürt. Dazu wurden Recherchen in den USA, in Schweden und in Köln angestellt.

Neben einem Stammbaum der Familie Nolting präsentierten die jungen Leute das Schicksal einzelner Familienmitglieder, so von Hedwig Nolting, geb. Nathan, die 1892 geboren wurde und zuletzt in der Hauptstraße 26 (heute Aachner Straße 26) in Kall gewohnt hat. Nachdem sie 1914 den Kaller Händler Carl Nolting heiratete, der evangelisch war, bekam sie fünf Kinder: Norbert, Ella, Ruth, Hildegard und Esther, die nach den „Rassegesetzen“ als Halbjuden galten. 1939 wurde Hedwig Nolting aus der Kölner Hansemannstraße nach Maidanek deportiert. Die Schüler spürten dem Schicksal ihrer Kinder nach: Ella starb im Konzentrationslager Theresienstadt. Norbert, der eine Schrotthandlung in Kall betrieb, wurde ins Konzentrationslager nach Riga deportiert, wo er außerhalb des Lagers Brot organisierte und erwischt wurde. Die Lagerwache erhängte ihn vor den Augen seiner Schwester Hildegard. Hildegard überlebte den Holocaust und zog nach Florida. Sie betrat nie wieder deutschen Boden. Ruth wurde nach Polen deportiert. „Ihr Schicksal ist bis heute ungewiss“, so die jungen Leute. Esther schließlich überlebte in Schweden. Sie besuchte bereits mehrmals Kall und wurde dort auch schon im Rathaus empfangen.

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Hubert Büth freute sich über weitere Mosaiksteinchen, aus denen sich die Geschichte der Kaller Juden zusammensetzen lässt.  Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Hubert Büth freute sich über weitere Mosaiksteinchen, aus denen sich die Geschichte der Kaller Juden zusammensetzen lässt. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Hubert Büth aus Kall, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Kaller Juden beschäftigt, freute sich, dass die Schüler so reges Interesse an der Geschichte der Familie Nolting zeigten. „So können wir der Geschichte der Kaller Juden immer noch ein kleines Mosaiksteinchen mehr hinzufügen“, sagte er. Auch merkte er an, dass man manche Details vor 20 Jahren wohl noch gar nicht herausbekommen hätte. „Damals waren die Menschen noch verschlossener und haben noch bewusst zu manchen Dingen geschwiegen. Doch heute, wo es nur noch wenige sehr alte Augenzeugen gibt, wollen diese endlich ohne Rücksichtnahme die Wahrheit erzählen.“

Mit zahlreichen Stolpersteinen will die Gemeinde Kall noch in diesem Jahr an jüdische Mitbürger erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt beziehungsweise ermordet wurden. Bislang konnten bereits 23 Menschen ermittelt werden, die in Kall ansässig waren und während der NS-Zeit deportiert wurden.

Pfarrerin Siegrid Frenzen-Stöhr präsentierte die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Eifel. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Pfarrerin Siegrid Frenzen-Stöhr präsentierte die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Eifel. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Der Pastoralreferent für das Netzwerk Kirche im Nationalpark Eifel, Georg Toporowsky, erinnerte sich kürzlich während einer Pressekonferenz im Kulturraum der Energie Nordeifel („ene“) an die Anfänge zu dieser Idee: „Mit der kirchlichen Veranstaltung ‚Weg der Erinnerung‘ haben wir im November 2010 erstmals an die jüdischen Bewohner in Kall erinnert“, berichtete er. Man habe sogar eine Überlebende zu dieser Veranstaltung einladen können. Einige Politiker hätten daraufhin mehr über die Geschichte der jüdischen Mitbewohner wissen wollen. Gemeinsam habe man dann einen Arbeitskreis gegründet, um dieses düstre Kapitel der Kaller Geschichte aufzuarbeiten.

Für die Familie Nolting aus Kall erstellten die Schüler einen Stammbaum. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Für die Familie Nolting aus Kall erstellten die Schüler einen Stammbaum. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Während sich einige Schüler des Hermann-Josef-Kollegs um den Familienstammbaum der Noltings kümmerten, beschäftigten sich andere mit dem Holocaust allgemein sowie mit der NS-Zeit in Kall. Die Schülerinnen und Schüler haben darüber hinaus selber einen Stolperstein gestiftet, der gemeinsam mit den anderen Steinen Anfang September im Kernort von Kall verlegt werden soll.

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Auch Schüler des Berufskollegs Eifel, dessen Schulgebäude direkt an den jüdischen Friedhof der Gemeinde grenzt, nahmen sich der Schicksale einiger Kaller Juden an. Unter der Leitung der evangelischen Pfarrerin Siegrid Frenzen-Stöhr, die ebenfalls als profunde Kennerin der jüdischen Geschichte in Kall gilt, spürten sie der Familiengeschichte der in Kall gestorbenen Juden nach. Hier stand vor allem das Leben von Gisela Vohs und Erich Levy im Fokus. Geplant ist, eine Broschüre über die Arbeitsergebnisse drucken zu lassen und weitere Recherchen anzustellen.

Die Schüler-Ausstellung ist noch bis Ende Juni in der VR-Bank und im Kaller Rathaus zu sehen.

Eifeler Presse Agentur/epa

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