Leben jüdischer Bürger wieder sichtbar gemacht

In der Gemeinde Kall wurde mit 23 Stolpersteinen an das Schicksal jüdischer Bürger erinnert – Große Anteilnahme von Seiten der Bevölkerung 

Künstler Gunter Demnig freute sich über den besonders großen Andrang in Kall. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall – 23 Stolpersteinen, die an jüdische Bürger Kalls erinnern, wurden am Freitagmorgen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung von Künstler Gunter Demnig an mehreren Orten in Kall verlegt. Die Aktion startete vor der VR-Bank, wo zunächst die Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine Georg Toporowsky und Horst Thiesen Grußworte an die gut 60 Menschen, darunter zahlreiche Schüler, richteten. Anwesend war auch der Rabbiner Mordechai Bohrer von der jüdischen Gemeinde Aachen. Bohrer freute sich besonders, dass es Nichtjuden waren, die heute an die Schicksale ehemaliger Mitbürger erinnerten.

„Wir möchten mit dieser heutigen Verlegung von 23 Stolpersteinen an das Schicksal jüdischer Menschen erinnern, die hier in Kall in unserer Nachbarschaft lebten, in den Vereinen aktiv waren, die mit den anderen Kindern die Schulbank teilten, die hier zu Hause waren“, so Toporowsky, Pastoralreferent für das Netzwerk Kirche im Nationalpark Eifel, in seiner Ansprache. Diese Heimat sein ihnen in der nationalsozialistischen Zeit genommen worden, die Synagoge und die jüdische Volksschule habe man verwüstet, „die Kaller Juden emigrierten, flohen oder wurden deportiert und ermordet“.

Bürgermeister Herbert Radermacher (rechts) und Horst Thiesen begrüßten die gut 60 Zuschauer. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Bürgermeister Herbert Radermacher (rechts) und Horst Thiesen begrüßten die gut 60 Zuschauer. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Mit der Verlegung der „Stolpersteine“ wolle man deutlich machen, „dass diese Menschen zu uns gehören, dass wir ihnen einen sie ehrenden Platz in unserem Ort geben möchten. Wir möchten ihre Namen und ihr Leben hier im Ort wieder sichtbar machen.“

Die Würde und der Wert jedes Menschen, unabhängig davon aus welchem Land er stamme, an welchen Gott er glaube und welche Eigenschaften er habe,  sei unantastbar, so Toporowsky. „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass man gut mit ihm umgeht. Uns ist bewusst, dass dies bedeuten kann, in Widerspruch zu treten zu denen, die diese demokratische und menschliche Grundhaltung ablehnen.“

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Aus der Ferne, so Toporowsky, seien an diesem Tag auch Mirjam Bruderman und Susanne Friedman bei der Verlegung der Steine mit dabei, die als Kinder eine Zeitlang in Kall aufwuchsen und  heute Israel leben, sowie Esther Künstlicher geborene Nolting und ihr Sohn Rolf, die heute in Schweden leben.

Erhard Poth und Herbert Milz (v.r.) von der "ene" sahen beio der Verlegung ihrer gesponserten Steine zu. Elvira Scheuer versah die Gedenkstätte anschlißend mit Blumen. Bild: Eden/epa
Auch Erhard Poth und Herbert Milz (v.r.) von der „ene“ sahen beio der Verlegung ihrer gesponserten Steine zu. Elvira Scheuer versah die Gedenkstätte anschließend mit Blumen. Bild: Eden/epa

Horst Thiesen stellte sodann den Künstler Gunter Demnig vor, der seit 1997 – damals noch illegal – bereits mehr als 36.000 Stolpersteine verlegt hat. „In über 750  Orten in ganz Europa erinnern sie an die Verfolgten des Naziregimes und haben sich zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt. Und trotz dieser eindrucksvollen Zahl bleibt jeder Stolperstein etwas Besonderes, etwas ‚Ein-Maliges‘“, so Thiesen.

Erinnert wird fortan mit den Stolpersteinen an Hermann Nathan, Pensionär im Barbara-Kloster,Selma Vohs und ihre Tochter Gisela vom Büchel, an die Familien der Geschwister Nathan aus der Aachener Straße – Norbert und seine Frau Selma, seine Schwester Julia Levy und ihren Sohn Erich, an Hedwig Nolting und ihre Kinder Ella, Norbert, Hildegard, Ruth und Esther, an die Familien der Geschwister Katz –  Siegfried und seine Ehefrau Johanna, Rosa und ihr Ehemann Isaak Roer, Isaak und Jenny Katz mit den Kindern Karola und Richard aus der Gemünder Straße, an Julia Katz und Esther Bergstein.

„23 Namen – 23 Steine – 23 Menschen. 20 von ihnen haben den Holocaust nicht überlebt. Die jüngsten Opfer, Gisela Vohs und Erich Levy, waren gerade erst 16 Jahre alt“, so Thiesen weiter.

Nach der Verlegung wurden die Stolpersteine mit Blumen versehen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Nach der Verlegung wurden die Stolpersteine mit Blumen versehen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Thiesen bedankte sich sodann im Namen des Arbeitskreises bei allen, die durch ihre Unterstützung die Stolperstein-Verlegung möglich gemacht hatten. So wurden die Steine zum einen durch die Übernahme einer Patenschaft finanziert haben, zum andern hatten regionale Unternehmen das Projekt unterstützt. Bei der „Energie Nordeifel“ (ene), dem regionalen Energiedienstleister, hatte darüber hinaus im Vorfeld ein Benefizkonzert  mit Rolly Brings und Pia Fridhill stattgefunden. Die Künstler waren unentgeltlich aufgetreten. Zudem hatte die „ene“ die drei Steine für Ruth, Ella und Norbert Nolting gesponsert. Schüler des Zusatzkurses Geschichte am Hermann-Josef-Kolleg Steinfeld hatten darüber hinaus die Geschichte der Familie Nolting aus Kall recherchiert. Auch Schüler des Berufskollegs Eifel nahmen die Schicksale Kaller Juden unter die Lupe. Zusammen  hatte man bei der „ene“ eine Dokumentation dieser Forschungsergebnisse gezeigt.

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Gunter Demnig hat bereist über 36.000 Stoplersteine verlegt. Bild: Eden/epa
Gunter Demnig hat bereits über 36.000 Stolpersteine verlegt. Bild: Eden/epa

Für die politische und organisatorische Unterstützung, bedankte sich Thiesen besonders bei Bürgermeister Herbert Radermacher sowie Rat und Verwaltung der Gemeinde Kall. Radermacher betonte in seiner Ansprache, dass diese Unterstützung von allen Fraktionen gleichermaßen begrüßt wurde. „Darüber hinaus ist die Gemeinde Kall von Anfang beim Eifeler Bündnis gegen Rechts dabei“, so der Bürgermeister. Er erinnerte auch daran, dass sich bereits im vergangenen Sommer in Kall ein Arbeitskreis mit Vertretern von Kirchen, Schulen sowie interessierten Bürgern gebildet habe, der sich um die Aufklärung der Schicksale Kaller Juden bemüht habe. Radermacher: „Es ist wichtig, auch nachfolgenden Generation deutlich zu machen, wohin Antisemitismus und Rassismus führen. Dass wir immer über diesen Teil unserer Geschichte stolpern, dafür verlegen wir heute diese Steine.“

Der evangelische Pfarrer Christoph Ude stellte sodann die Familien Katz und Roer vor, für die Demnig vor der VR-Bank die Stolpersteine verlegte. Demnig freute sich besonders über den großen Anklang, den diese Aktion in Kall gefunden hatte und vor allem über das Engagement der Schülerinnen und Schüler. Er ist es gewohnt, seine Stolpersteine auch unter weniger Interesse zu verlegen und hat für seine Tätigkeit auch schon mehrmals Morddrohungen erhalten.

Nachdem die Stolpersteine verlegt und Blumen für die Opfer niedergelegt worden waren, zog der Tross weiter zur Aachener Straße 26. Dort wurde den Familien Nolting, Levy und Nathan gedacht, deren Schicksale Schülerinnen und Schüler des Hermann-Josef-Kollegs in Steinfeld sowie des Berufskollegs Eifel nachgespürt hatten.

Weiter ging es zum Haus „Auf dem Büchel 22“, wo an Selma und Gisela Vohs erinnert wurde. Am Parkplatz Berufskolleg erinnerte Malte Duisberg an Hermann Nathan, und an der Gemünder Straße 9 Helmut Büth an Familie Katz und Esther Bergstein.

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Die Steinfelder Schülerinnen, Mareike Duisberg und Franziska Klein, untermalten die Stolpersteinaktion mit Musikbeiträgen.

Eifeler Presse Agentur/epa

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