Ausstellungskonzeption für Vogelsang abgesegnet

Grundkonzeption der zukünftigen Dauerausstellung der NS-Dokumentation Vogelsang einstimmig im Aufsichtsrat genehmigt – Neben dem Ausstellungstitel „Bestimmung: Herrenmensch.“ stehen somit nach mehrjährigen Vorarbeiten unter fachlicher Begleitung des LVR Gliederung, Themenfelder und räumliche Konzeption der Ausstellung fest

So, wie in dieser Fotomontage, soll das Ausstellungs- und Bildungszentrum Vogelsang 2014 einmal aussehen. Bild: vogelsang ip/Mola Winkelmüller
So, wie in dieser Fotomontage, soll das Ausstellungs- und Bildungszentrum Vogelsang 2014 einmal aussehen. Bild: vogelsang ip/Mola Winkelmüller

Schleiden-Vogelsang – „Die NS-Dokumentation wird ab 2014 Kristallisationspunkt der politischen und kulturellen Bildungsarbeit am Erinnerungsort Vogelsang sein“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Johannes Bortlisz-Dickhoff, Vertreter des Hauptgesellschafters LVR. Die Ausstellung könne Kenntnisse über die NS-Zeit vermitteln, historische Zusammenhänge aufzeigen und das Bewusstsein für die Werte der freiheitlichen Demokratie stärken, bestätigte Bortlisz-Dickhoff die auch vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien als Fördergrundlage formulierte Zielsetzung.

In einer von „ip vogelsang“ herausgegebenen Pressemitteilung heißt es weiter, dass Manfred Poth als Vertreter des Kreises Euskirchen die richtungsweisende Bedeutung der NS-Dokumentation für den Standort betont habe: „Die 1,3 Millionen Besucher seit der Öffnung des Standortes am 1. Januar 2006 aber auch die bereits 300 Schulklassen pro Jahr zeigen die ungebrochene Relevanz der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sowie die Chancen von vogelsang ip in der Arbeit gegen Rechts.“

Die wissenschaftliche Erarbeitung der Ausstellungsinhalte leistet die ‚Heidelberg Public History‛ der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Historisches Seminar) um die Professoren Edgar Wolfrum, Cord Arendes und Frank Engehausen. Die Ausstellungsgestaltung erfolgt durch die Arbeitsgemeinschaft „graphische werkstätten feldstraße“, Hamburg und Studio Kaiser Matthies, Berlin, die über Erfahrung in der Gestaltung von Gedenkstätten und Ausstellungen mit NS-Thematik verfügt (z. B. Neuengamme und Ravensbrück).

Architektur und Inszenierung

Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Projektbeirats, der Münsteraner Zeithistoriker Professor Hans-Ulrich Thamer, unterstrich die Rolle und den spezifischen Beitrag von Vogelsang in der NS-Erinnerungslandschaft. Die geplante Ausstellungserzählung gehe bewusst vom Ort Vogelsang aus und beschreibe am Beispiel der „Ordensburgen“ Formierungsprinzipien und Selbstanpassung von Parteikadern in der nationalsozialistischen Zeit. Daneben würden die Architektur und die Inszenierung der „Ordensburgen“ zur Selbstdarstellung der NSDAP und ihrer Gliederungen sowie zum Zweck der Beeindruckung nach innen wie nach außen thematisiert werden.

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Neben der Erforschung der intendierten Ziele und Erwartungen der Partei und der Machthaber richte die Geschichtswissenschaft seit einigen Jahren verstärkt den Blick gleichbedeutend auch auf die Wirkungen, Handlungen und Emotionen der Individuen und der „Volksgemeinschaft“ insgesamt: Professor Edgar Wolfrum, der wissenschaftliche Leiter des Heidelberger Universitätsteams, erläuterte, wie auch in der Vogelsanger Ausstellung dem verordneten Drill, der Indoktrination und der Erziehung zur Gewaltbereitschaft aus der Ordensburgschulung Reaktionen und individuelle Verarbeitung auf Seiten der Lehrgangsteilnehmer gegenüber gestellt werden sollen. Deren Erwartungen wie auch mentale Prägungen durch die Ordensburgschulung würden in Übereinstimmung mit aktuellen Forschungspositionen zur Selbstmobilisierung in der NS-„Volksgemeinschaft“ dargestellt werden.

So sei auch der Ausstellungstitel „Bestimmung: Herrenmensch.“ zu verstehen: „Die Lehrgangsteilnehmer in den Ordensburgen wurden dazu bestimmt, zukünftige ‚Herrenmenschen‘ im Sinne der NS-Weltanschauung zu werden. Diese ‚Bestimmung‛ führte aber bei den dazu Auserwählten auch zu Reaktionen, Gefühlen, Haltungen und Handlungen – bis hin zur aktiven Beteiligung von Ordensburgangehörigen an Massenmord und Holocaust während des Zweiten Weltkrieges“, berichtete Wolfrum.

Kontakte zu Zeitzeugen

Klaus Ring, wissenschaftlicher Referent von „vogelsang ip“ und einer der Ausstellungskuratoren, ging insbesondere auf die notwendige Grundlagenforschung ein: „Selbst Archivdokumente mussten für Vogelsang erst einmal recherchiert und erschlossen werden, denn am Ort hatte sich – außer den Gebäuden – aus der NS-Zeit so gut wie nichts erhalten.“ In diesem Zusammenhang hob Ring die teilweise jahrzehntelange, verdienstvolle Arbeit regionaler Forscher hervor, die für die aktuellen Archivrecherchen unverzichtbare Vorarbeit geleistet hätten.

Parallel zu den Recherchen des Heidelberger Wissenschaftsteams wurden von „vogelsang ip“ aus zahlreiche Kontakte zu Zeitzeugen wie ehemaligen Adolf-Hitler-Schülern oder Nachfahren von ehemaligen Ordensburgangehörigen geknüpft und intensiviert. Die wissenschaftliche Basis konnte vor allem durch Video-Interviews mit diesen Zeitzeugen erheblich erweitert werden, wobei dieses Projekt auch nach der Ausstellungseröffnung fortgeführt werden soll.

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Private Nachlässe

„Durch Schenkungen, gezielte Ankäufe und die Übernahme von privaten Nachlässen und Sammlungen konnte inzwischen ein umfassender Bestand historischer Fotos und Filme, Objekte und Dokumente zusammengetragen werden“, berichtete Ring. „Nicht zuletzt der jüngst erfolgte spektakuläre Fund der beiden – kopflosen – Adlerplastiken vom früheren ‚Adlerhof‛ im Verfüllschutt der ersten Nachkriegszeit kann die Ausstellung um dreidimensionale Exponate bereichern.“

Bereits jetzt werde die spätere, auf der Ausstellung aufbauende Vermittlungsarbeit vorbereitet, betonte Julia Schmidt, wie Ring Kuratorin der NS-Dokumentation. „Die frühere ‚Ehrenhalle‛ im Turm wird zusätzlich zur 700 Quadratmeter umfassenden Hauptausstellung fester Bestandteil des Ausstellungsbesuches und der pädagogischen Programme sein.“ Darüber hinaus sollen die für die Besucher frei zugänglichen Außenexponate, beispielsweise der „Fackelträger“, die „Thingstätte“ und ein „Kameradschaftshaus“, Referenzpunkte der Ausstellung werden. Auch der zukünftig über einen Außenaufzug barrierefrei erschlossene Turm mit seinem Panoramablick über den Denkmalbereich sei für die Vermittlungsarbeit von Bedeutung.

Vertiefende Wechselausstellungen sollen ab 2014 den Besuch zusätzlich anreichern. Ebenso seien Fachveranstaltungen wie Filmreihen, fachwissenschaftliche Vorträge, Workshops und Symposien geplant, um den Erinnerungsort Vogelsang über die neue Ausstellung hinaus als spezifischen Ort der kulturellen und politischen Bildung zu etablieren, umriss Schmidt abschließend den Ausblick in die Zukunft.

(Quelle: vogelsang ip)

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