„Eine Schule für alle Kinder“

In Blankenheim wächst mit 116 Kindern aus 30 Dörfern der Region nach und nach eine neue Gesamtschule heran – Neben dem normalen Unterricht werden unter anderem auch AGs für Reiten, Nähen, Schwimmen, Tanzen, Fußball, Schach und Theater angeboten – Ab Februar kann man seine Kinder für den nächsten Jahrgang anmelden

Besonderen Spaß haben die Kinder beim Unterricht an der interaktiven Schultafel, dem so genannten Smartboard. Bild: GS
Besonderen Spaß haben die Kinder beim Unterricht an der interaktiven Schultafel, dem so genannten Smartboard. Bild: GS

Blankenheim/Nettersheim – Man braucht nicht nur eine ganz besondere pädagogische Vision, man braucht auch ein starkes verwaltungspolitisches Rückgrat, um in Zeiten des allgemeinen Schulsterbens eine neue frische Bildungseinrichtung aus der Taufe zu heben. Pädagogen, Eltern und Verwaltungsfachleute haben in den Gemeinden Blankenheim und Nettersheim lange Zeit gemeinsam an einem Tisch gesessen, um Pläne zu entwickeln für eine interkommunale Gesamtschule, die die bildungspolitische Infrastruktur beider Gemeinden dauerhaft stärken soll. Wenn man die Schule, die seit Beginn dieses Schuljahrs in Betrieb ist, besucht, dann spürt man noch deutlich den Geist dieses Aufbruchs und den Willen, etwas aufzubauen, was von Bestand ist.

Derzeit werden gerade einmal vier Klassen der Jahrgangsstufe 5 unterrichtet, aber Jahr um Jahr soll fortan ein neuer Jahrgang hinzukommen, eine Riesenchance also, die Schule organisch wachsen und sich entwickeln zu lassen.

Schulleiterin Eva Balduin und ihr Stellvertreter Henning Schneider sind mit großer Begeisterung bei der Sache. „Wir machen hier zwar einiges anders als in anderen Schulen, aber nicht, um einfach nur modern zu sein, sondern um damit klare pädagogische Konzepte verwirklichen zu können“, sagt Balduin.

Was zunächst auffällt, das sind die zahlreichen Arbeitsgemeinschaften (AGs), die für die ersten 116 Schülerinnen und Schüler angeboten werden. Da stehen unter anderem Reiten, Schwimmen, Nähen, Tanzen, Fußball, Schach, Theater und Musik auf dem Programm. Darüber hinaus können die Kinder gemeinsam den Schulgarten pflegen oder eine Schülerzeitung erstellen.

Henning Schneider und Eva Balduin leiten die Geschicke der Gesamtschule Blankenheim-Nettersheim. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Henning Schneider und Eva Balduin leiten die Geschicke der Gesamtschule Blankenheim-Nettersheim. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

„Das ist zugegeben alles sehr ambitioniert und wird nicht zuletzt möglich durch das große Elternengagement“, berichtet Henning Schneider. Da Ganztagsunterricht herrscht, bedeute dies für die Kinder, dass sie an drei Tagen bis zur achten Stunde unterrichtet würden. „Nur zwei Mal gibt es dabei Nachmittagsunterricht, das andere Mal können die Kinder dann an einer AG  teilnehmen“, so Schneider. Damit wolle man vor allem eine Überforderung der Schüler entgegenwirken.

„Das Erwerben sozialer Kompetenz steht bei allen Veranstaltungen im Vordergrund“, sagt die Schulleiterin. „Wir gehen respektvoll mit den Kindern um, erwarten dieses Verhalten aber auch von den Schülern.“

Mittags wandern die Kinder, die aus 30 verschiedenen Dörfern der Region stammen, in den Jugendhof Finkenberg. Dort wird zu Mittag gegessen. Dass das Essen dort sehr gut sein muss, verraten die Schülerzahlen: Von den 116 Kindern der Ganztagsschule speisen dort 113 zu Mittag. Zahlen, von denen andere Schulmensen in der Region nur träumen können.

„Wir starten morgens mit einem gemeinsamen Beginn“, erläutert Eva Balduin weitere Besonderheiten der neuen Schule. „In einem gemeinsamen Stuhlkreis  tauschen wir uns aus, die Kinder dürfen Kritik üben, wenn ihnen etwas nicht gefallen hat, manchmal starten wir auch mit einem Lied in den Tag.“

In der fünften Stunde ist „Lernzeit“

„Auch dahinter verbirgt sich eine pädagogische Idee“, erläutert Henning Schneider, der 14 Jahre lang an der Gesamtschule Bergheim unterrichtet hat und das System „Gesamtschule“ bestens kennt. „Gewissermaßen üben wir damit bereits Dinge wie Mitbestimmungsrecht und Kritikfähigkeit ein und leisten einen Anteil zur politischen Bildung.“

Nach vier Stunden „normalem“ Unterricht ist die fünfte Stunde der „Lernzeit“ vorbehalten. In dieser Stunde kann sich jeder Schüler eigenständig den Raum und damit den Lehrer aussuchen, bei dem er etwas lernen oder seine Pflichtaufgaben erledigen möchte.

„Besonders beliebt ist der Raum der Stille“, berichtet Eva Balduin. „Wenn es an der Schule einmal hektisch und laut zugeht, genießen es viele Kinder, sich hier zu erholen. Sprechen ist in dem Raum nämlich verboten.“

Im Gebrauch der neuen Medien ist die Gesamtschule ebenfalls ihrer Zeit voraus. Neben der konventionellen Tafel gibt es auch White-Boards, die direkt vom Internet aus mit Informationen gespeist werden können. „Besonders der naturwissenschaftliche Unterricht profitiert davon“, berichtet Schneider, da die White-Boards quasi Beamer, Filmprojekter und zahlreiche andere Gerätschaften ersetzten.

Ein Besuch in der Wildniswerkstatt gehört natürlich mit zum Lehrplan der Gesamtschule Blankenheim-Nettersheim, um den Kindern neue Zugänge zur Natur zu vermitteln. Bild: GS
Ein Besuch in der Wildniswerkstatt gehört natürlich mit zum Lehrplan der Gesamtschule Blankenheim-Nettersheim, um den Kindern neue Zugänge zur Natur zu vermitteln. Bild: GS

 

„Alle 14 Tage findet bei uns eine Schulversammlung statt, an der alle Lehrer und Schüler teilnehmen“, so Balduin. In dieser Versammlung wird vor allem Kindern, die etwas Besonders im Unterricht geleistet haben, eine Plattform geboten, um beispielsweise das auswendig gelernte Gedicht, einen Aufsatz, ein Lied oder ein Sketch einem größeren Kreis vorzustellen. „Auch die Schulversammlung dient dem Zweck, gestärkte selbstbewusste Jugendliche in die Gesellschaft zu entlassen, denn wer schon von klein auf vor einem größeren Publikum aufgetreten ist, dem fällt es im späteren Leben weitaus leichter vor anderen Menschen zu agieren“, so Eva Balduin weiter, die zuvor zwölf Jahre lang an der Hauptschule Nettersheim unterrichtete, die sie zuletzt auch leitete.

„Die Gesamtschule Blankenheim-Nettersheim ist eine Schule für alle Kinder“, betonen die beiden Schulleiter unisono. Besonders für Spätentwickler sei sie geradezu ideal, da die Entscheidung für den Schulabschluss nicht bereits in frühen Jahren getroffen zu werden brauche. „Wir halten aus diesem Grund auch noch an den 13 Schuljahren bis zum Abitur fest“, so Balduin. Denn es habe sich gezeigt, dass viele Kinder mit dem zunehmenden Schulstress und Leistungsdruck nicht klar kämen.

„Hohe Durchlässigkeit nach oben“

Die Klassen fünf und sechs werden an der Gesamtschule im Klassenverband unterrichtet. In der 6. Klasse gibt es dann eine erste Neigungsdifferenzierung und man kann beispielsweise zwischen einer Naturwissenschaft und einer Sprache wählen. Ab dem 7. Schuljahr kommen Erweiterungs- und Grundkurse hinzu. Die Klassen 8 und 9 werden schließlich leistungsdifferenziert unterrichtet. „Die Schüler können aber zwischen Grund- und Leistungskursen wechseln, so dass bei uns an der Schule eine hohe Durchlässigkeit nach oben herrscht“, berichtet Schneider.

Leider darf die Schule aus gesetzlichen Gründen in jedem Jahrgang nur 116 neue Schüler aufnehmen. „Bei der letzten Anmeldung mussten wir daher einige Kinder vertrösten“, so die Schulleiterin. Bei der nächsten Anmeldephase, die vom 7. bis 14. Februar stattfindet, sollten sich die Eltern, die ihr Kind an der Gesamtschule anmelden möchten, also besser nicht bis zum letzten Tag Zeit lassen.

Wie es in der Schule zugeht, das kann man am Samstag, 30 November, von 10 bis 14 Uhr beim „Tag der offenen Tür“ in Erfahrung bringen. Anmeldungen sind nicht nötig, jeder Interessierte ist herzlich willkommen.

www.gesamtschule-blankenheim-nettersheim.de

Eifeler Presse Agentur/epa

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