„Klimaschutz ist auch immer eine ökonomische Sache“

Mit dem Schleidener Diplom-Geografen Karsten Strätz beschäftigt der Kreis Euskirchen einen Klimaschutzmanager in Vollzeit – Motivierung und Beratung für Privatleute, Unternehmen und Verwaltung

Als professioneller Klimaschützer freut sich Karsten Strätz über jede Anlage von Erneuerbaren Energien, wie hier über die Photovoltaikanlage auf dem Kreishaus. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Als professioneller Klimaschützer freut sich Karsten Strätz über jede Anlage von Erneuerbaren Energien, wie hier über die Photovoltaikanlage auf dem Kreishaus. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kreis Euskirchen – Auf seinem jüngsten Neujahrsempfang hat Günter Rosenke, Landrat Kreis Euskirchen, den Klimaschutz in den Mittelpunkt gerückt und den neuen Klimaschutzmanager des Kreises vorgestellt: Diplom-Geograf Karsten Strätz ist seit rund 100 Tagen im Einsatz. Im Gespräch mit der Eifeler Presse Agentur berichtet er über seine Aufgaben.

„In meinem Beruf geht es viel um Beratung und Motivation. Maßnahmen zum Klimaschutz, gerade wenn dazu neue Technologien zum Einsatz gebracht werden, kosten erst einmal etwas“, so der 32-Jährige. Viele dieser Maßnahmen nutzten aber nicht nur dem Klima, sondern auf Dauer eben auch dem Portemonnaie, so Strätz: „Die Umrüstung etwa auf LED-Beleuchtung amortisiert sich innerhalb von zwei bis drei Jahren.“

Die Zielgruppe seines Wirkungskreises ist groß. Privatpersonen, Kommunen, Unternehmen und auch die Kreishausmitarbeiter sollen für klimaschützende Handlungen sensibilisiert werden. Das kann im Einzelfall durchaus kompliziert und beratungsintensiv sein, wie etwa bei manchen Haussanierungen. Wobei Karsten Strätz nicht alles alleine machen muss: Der Energieberater des Kreises Euskirchen etwa, Manfred Scheff, ist  in der Energieagentur Eifel auch in Kooperation mit der Gemeinde Nettersheim tätig, unterstützt ihn ebenso wie weitere Klimaschutzmanager und Energieberater aus anderen Kommunen.

Andere Maßnahmen seien hingegen sehr einfach, man müsse nur daran denken, so der Klimaschutzmanager: „Etwa das Licht auszumachen, wenn man den Raum verlässt, oder nach Feierabend die Steckdosenleiste am Computer auszuschalten, um keinen Stand-By-Strom zu verbrauchen.“

Erste Sporen in Sachen Klimaschutz hat sich der gebürtige Erftstädter noch während seines Geografiestudiums in Bonn verdient: „Ich habe ein Praktikum bei der Stadt Schleiden absolviert. In dieser Zeit wurde das Klimaschutzkonzept entwickelt.“ Als angehender Geograf konnte er wertvolles Fachwissen beisteuern, arbeitete an dem Konzept mit und machte noch ein Praktikum beim Klaus Novy Institut in Köln, die das Klimaschutzkonzept maßgeblich begleitete.

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Zeitlich passend zu seinem erfolgreichen Studiumsende schrieb die Stadt Schleiden dann eine Stelle als Klimaschutzmanager aus. Strätz: „Da passte alles.“ Auch die Bewerbung: So konnte er im November 2012 seinen neuen Dienst als Klimaschutzmanager in der Nationalparkkommune antreten.

Aufmerksam folgt Karsten Strätz einem Vortrag über Wasserstoff als saubere Lösung für moderne Kraftfahrtzeuge. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Aufmerksam folgt Karsten Strätz einem Vortrag über Wasserstoff als saubere Lösung für moderne Kraftfahrtzeuge. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

„Allerdings ist Klimaschutz bislang keine Pflichtaufgabe der Kommunen und Kreise, was Vor- und Nachteile hat. Die Nachteile liegen auf der Hand“, so der Klimaschutzmanager lächelnd, „Vorteil ist, dass die Stellen staatlich gefördert werden können.“ Wie bei Projektförderungen oft üblich, sind diese allerdings auf drei Jahre begrenzt. Nachdem die seit April 2014 für den Kreis Euskirchen tätige Klimaschutzmanagerin Astrid Müller zur Energieagentur.NRW gewechselt hatte, suchte der Kreis  Ende 2015 einen neuen Klimaschutzmanager.  Es passte wieder alles: Durch seine Tätigkeit bei der Stadt Schleiden hatte er bereits seine Kompetenz unter Beweis gestellt und trat am 1. November 2015 im alten Job, aber neuen Haus seinen Dienst an.

„Es gibt in unserem Land eine Handvoll Verwaltungen, die für den Klimaschutz eine eigene Stabsstelle haben, hier beim Kreis Euskirchen ist der Klimaschutzmanager der Wirtschaftsförderung zugeordnet“, berichtet Strätz. Das passe gut, denn die Beratung in Klimaschutzfragen von Unternehmen sei ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Und letztlich seien es eben auch die kleinen und mittleren Unternehmen der Region, die etwa durch Sanierungen oder dem Angebot von Technologien Klimaschutzmaßnahmen umsetzen und ermöglichen.

Netzwerke in Sachen Klimaschutz schaffen ist eine der Aufgaben, die Klimaschutzmanager Karsten Strätz im Kreishaus übernommen hat. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Netzwerke in Sachen Klimaschutz schaffen ist eine der Aufgaben, die Klimaschutzmanager Karsten Strätz im Kreishaus übernommen hat. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Generelle Aufgabe des Klimaschutzmanagers ist die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes des Kreises Euskirchen. Dadurch soll auch die Maßgabe der nordrhein-westfälischen Landesregierung von Juni 2011 umgesetzt werden: Die Treibhausgas-Emissionen, vor allem des klimaschädlichen CO2, sollen in Nordrhein-Westfalen bis 2020 um mindestens 25 Prozent und bis 2050 um mindestens 80 Prozent gegenüber dem Stichjahr 1990 reduziert werden.

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Karsten Strätz: „Deshalb werde ich Anfang 2017 auch den Kohlenstoffdioxyd-Ausstoß im Kreis Euskirchen bilanzieren.“ Verschiedene Maßnahmen aus dem Klimaschutzkonzept und auch neu entwickelte Projekte seien bereits umgesetzt oder laufen derzeit: Dazu gehören das Pilotprojekt „Taxibus Plus“, LEADER-Projekte wie die Carsharing-Aktionen mit dem Elektroauto der ene-Unternehmensgruppe in Freilingen und im Bad Münstereifeler Höhengebiet „Am Thürne“, telefonische und persönliche Beratung in Klimaschutzfragen von Privatpersonen und Unternehmen, die Veranstaltung „Fair Future“ für sämtliche Schulen im Kreisgebiet, aber auch die Vernetzung verschiedener Akteure, Koordination von Förderanträgen, der Planung einer Hackschnitzelanlage im kreiseigenen Abfallwirtschaftszentrum in Strempt und vieles mehr.

In seiner Freizeit geht der Kreis-Klimaschutzmanager gerne klettern. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
In seiner Freizeit geht der Kreis-Klimaschutzmanager gerne klettern. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Auch der „Sanierungstreff“ und Haus-zu-Haus-Kampagnen gehört dazu, wie der Klimaexperte sagt: „Dazu suchen wir im gesamten Kreis besonders sanierungswürdige Wohngebiete aus und starten dann in einzelnen Bereichen eine konzertierte Aktion, in der vier Wochen lang der Energieberater Manfred Scheff kostenlos vor Ort persönlich und individuell sinnvolle Sanierungsmöglichkeiten aufzeigt.“

Etwa ein- bis eineinhalb Stunden dauern die jeweiligen Gespräche, dazu werden im Vorfeld die in Frage kommenden Hausbesitzer angeschrieben, ob sie von diesem Serviceangebot Gebrauch machen wollen. 33 Prozent Anteil hätten die privaten Haushalte am Gesamtenergiebedarf im Kreis Euskirchen – ein großes Einsparpotenzial ist dort also gegeben. Die Wirtschaft mache etwa 25 Prozent aus.

Größter Energieverbraucher mit 42 Prozent ist aber die Mobilität. „Viele Familien in der Eifel haben zwei Autos. Dabei stehen die meisten 23 Stunden am Tag rum“, gibt Karsten Strätz zu bedenken. Wenn man emotionslos überlege, welche Fahrten wirklich notwendig sind, könne man oft schon kräftig einsparen – nicht nur CO2-Ausstoß, sondern auch Spritgeld. Dazu seien Kraftfahrzeuge oft nur mit einer Person besetzt – er selbst kommt mit einer vierköpfigen Fahrgemeinschaft zur Arbeit.

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Auch aufs Rad umzusteigen sei sinnvoll – wobei Strätz ein Elektrofahrrad in der hügeligen Eifel für besonders sinnvoll erachtet. „Man muss es einfach einmal ausprobieren, es gibt viele, die sind so begeistert davon, dass sie auch im Winter damit fahren“, sagt der Klimaschützer. Viele Alltagsfahrten könnten so CO2-frei unternommen werden.

Auch das Elektroauto bringe großen Fahrspaß, Drehmoment vom Start weg und Leistung ohne Schaltlöcher. Die Reichweite der elektrisch betriebenen Fahrzeuge werde immer höher: „Es ist toll, dass der Kaller Energiedienstleister ene sein E-Mobil für verschiedene Projekte und Testfahrten zur Verfügung stellt – solche Technologien muss man einfach einmal selbst erleben, damit man begeistert wird“, betont Karsten Strätz.

Solche „Impulsgeber“ seien notwendig. Auch der Kreis Euskirchen selbst sei ein Vorreiter in vielen Klimaschutzdingen, etwa bei der LED-Beleuchtung auf dem Kreishausparkplatz, durch die jährlich 79 Prozent gegenüber der vorherigen Beleuchtung weniger Strom verbraucht werde.

Weil seit 2013 alle Kreisliegenschaften mit Grünstrom aus dem kreiseigenen Gasmotorenkraftwerks des Abfallwirtschaftszentrums versorgt werden, könnten jährlich nicht nur 1.500 Tonnen Kohlendioxyd-Emissionen eingespart werden, sondern auch 50.000 Euro.

Strätz: „Klimaschutz kann sich also schnell auch finanziell lohnen. Dazu gibt die eigene Energieproduktion – etwa durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach oder Firmengelände – ein gutes Gefühl.“ Zusammen etwa mit Speichertechnik im eigenen Haus, die gerade kräftig entwickelt wird, sei theoretisch sogar eine fast vollständige Unabhängigkeit von „Strom von außen“ möglich. Selbst ein Elektroauto stelle einen gewissen Speicher für die eigene Solaranlage dar und kann die oft als problematisch dargestellte Frage des Netzausbaus entschärfen.

„Oft geht es in meinem Beruf darum, etwas anzustoßen und zu erklären“, sagt Strätz. So sei die Fassadendämmung auch wegen der Amortisationszeiten in die Kritik geraten – ein wenig zu Unrecht: „Bei den Berechnungen sind nämlich meist sämtliche Kosten berücksichtigt worden – die Kosten, die man eh für eine normale Fassadensanierung hätte bezahlen müssen – etwa Gerüst, Handwerkerstunden, Farbe – muss man aber seriöserweise abziehen.“ Und wem Styropor als Material unheimlich sei, der könne mittweile auch auf ökologische Baustoffe zurückgreifen.

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Geschätzt seien Energieberater und Klimaschutzmanager von Verwaltungen, weil sie wirtschaftlich unabhängig seien und somit eine wichtige Voraussetzung für seriöse Beratung gewährleisteten. Das sei allerdings auch zweischneidig, so Karsten Strätz: „Viele fragen nach Firmenempfehlungen. Die darf ich aber nicht geben.“ In Vorbereitung sei aber eine „Energieeffizienzpartner-Liste“: In einem Kriterienkatalog werden gerade Firmen nach ihren Qualifikationen befragt. Wer bestimmte Voraussetzungen erfülle, käme auf die Liste, die dann veröffentlicht werden soll, das könne erste Anhaltspunkte für Kompetenzen geben.

Als generellen Tipp rät Strätz gerade bei Reparaturen oder Neuanschaffung von Energieverbrauchern genau hinzuschauen und sich beraten zu lassen. So gebe es etwa bei der Energieagentur eine Liste von stromsparenden Haushaltsgeräten: „Die Anschaffung etwa eines A++ Kühlschrankes ist vielleicht zuerst etwas teurer, lohnt sich aber auf Dauer.“ Grundlasten wie Stand-By-Verbräuche mancher Geräte können ebenfalls echte Energiefresser sein.

Das Vorantreiben Erneuerbarer Energien, Förderanträge etwa für Elektro- und Hybridfahrzeuge für den Fuhrpark des Kreises, Infokampagnen oder das Planen der Klimaschutzmesse „EnerKom“ in Gemünd gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben.

„Klimaschutz ist immer auch eine ökonomische Sache so Strätz. Oft seien Anreize wie Fördergelder, finanzielle Einsparpotenzielle, Imagesteigerung oder einfach mehr Spaß wie beim E-Bike notwendig. Letztendlich dienten aber auch alle strukturstärkenden Maßnahmen dem Klimaschutz: „Wenn etwa der Dorfladen wiedereröffnet wird, können weitere Fahrten mit dem Auto vermieden werden“, gibt Strätz zu bedenken.

Klimaschutz könne auch mit Urlaubsplanung zu tun haben, so der Familienvater, der in seiner Freizeit gerne einmal die Gitarre zur Hand nimmt und begeisterter Sportkletterer ist: „Meinen bislang schönsten Urlaub hatte ich bei einer Familienradtour – vom Bodensee bis nach Köln!“ Mit den Kindern im Fahrradanhänger, dazu Zelt und Zubehör für die Zwischenübernachtungen, galt es zwar, manchen anstrengenden Anstieg zu bewältigen, aber dafür ging es bergab um so leichter – und zudem war der gemeinsame Spaß auch noch CO2-neutral.

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Etwas für den Klimaschutz tun könne jeder, zumindest mit der richtigen Beratung. Wie wichtig dies sei, könne man fast täglich in den Nachrichten sehen. Auch dass die Nationen nach der Klimaschutzkonferenz in Paris endlich an einem Strang ziehen wollen, sei ein deutliches Zeichen, sagt Karsten Strätz: „Damit wird offiziell bekundet, dass es da ein dringendes Problem gibt, das wir nur gemeinsam bewältigen können.“

Eifeler Presse Agentur/epa

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