Vermögen vermehren in einer Welt ohne Zinsen

In der Bürgerhalle Kommern informierten Finanzexperten von Kreissparkasse Euskirchen und Deka über Risiken und Nebenwirkungen von Niedrigzinspolitik, aber auch über die Chancen für Privatanleger

Die Finanzexperten Holger Glück (v.l.), Vorstandsmitglied KSK, Dr. Holger Bahr, Volkswirtschaftsexperte Deka, und Volker Zart, KSK-Vertriebsdirektor, informierten über Risiken und Chancen in Zeiten der Niedrigzinspolitik. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Die Finanzexperten Holger Glück (v.l.), Vorstandsmitglied KSK, Dr. Holger Bahr, Volkswirtschaftsexperte Deka, und Volker Zart, KSK-Vertriebsdirektor, informierten über Risiken und Chancen in Zeiten der Niedrigzinspolitik. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Mechernich-Kommern – Wie erklärt man Bürgern die Notenbankpolitik mit Bezug auf die Weltwirtschaft, ohne einen staubtrockenen Abend zu produzieren? Die Kreissparkasse Euskirchen (KSK) hatte am vergangenen Donnerstagabend für die rund 150 Besucher in der Bürgerhalle Kommern ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles Rezept: Man nehme die verbindliche Kompetenz des KSK-Vorstandsmitglieds Holger Glück, kombiniere diese mit der Kundenorientierung von KSK-Vertriebsdirektor Volker Zart und würze alles mit der humorvoll-ironischen Vortragsweise des Volkswirtschaftsexperten Dr. Holger Bahr.

„Welt ohne Zinsen – Und was bedeutet das für meine Anlageentscheidungen?“ hieß das Thema des Abends, in den Holger Glück einleitete: „Der Zustand niedriger Zinsen wird uns noch länger begleiten, da die Europäische Zentralbank mit ihrem Präsidenten Mario Draghi alles in ihrer Macht stehende unternehmen wird, um die Inflation in Richtung zwei Prozent zu bringen. Das ist ein historischer Zustand, den wir uns vor einigen Jahren nicht haben vorstellen können, und in dem paradoxerweise der deutsche Finanzminister Schäuble an »seinen« Schulden quasi verdient.“

Als historischen Zustand, der uns noch länger begleiten wird, bezeichnete KSK-Vorstandsmitglied Holger Glück die Niedrigzinssituation. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Als historischen Zustand, der uns noch länger begleiten wird, bezeichnete KSK-Vorstandsmitglied Holger Glück die Niedrigzinssituation. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Die Zinspolitik der Notenbanken werfe nicht nur bei vielen Kunden Fragen zu einer sinnvollen Anlagemöglichkeit auf. Selbst mancher Experte sei sich über den eingeschlagenen Weg der EZB (Europäische Zentralbank) nicht einig. „Diese nicht einfache Welt zu verstehen und damit richtig umzugehen, dabei wollen und werden Ihnen die beiden Referenten des heutigen Abends helfen“, versprach Glück.

So erklärte Dr. Holger Bahr, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deka Bank Frankfurt, dass nicht nur die EZB, sondern weltweit Notenbanken auch etwa in den USA und Japan für niedrige Zinsen sorgten. Bahr: „Doch sind die Notenbanken auch verantwortlich für Lehman Brothers oder die Wirtschaftssituation der einzelnen Länder? Sicher nicht.“

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Die Politik der Notenbanken habe sicherlich Risiken und Nebenwirkungen, sei aber nicht willkürlich, so der Deka-Experte. Sie sei auch sicher nicht die Lösung aller Probleme in allen Ländern. Doch die Niedrigzinspolitik könne anderen Ländern die nötige Zeit verschaffen, strukturelle Probleme in der Volkswirtschaft anzugehen: „Fußkranke Unternehmen können dadurch länger überleben und haben die Chance, doch noch verwertbare Produkte zu entwickeln – es besteht aber das Risiko, dass sich diese Unternehmen nicht genug anstrengen.“

Mit hintergründigem Humor beschrieb Holger Bahr die Weltwirtschaft und den eingeschlagenen Weg der Notenbanken. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Mit hintergründigem Humor beschrieb Holger Bahr die Weltwirtschaft und den eingeschlagenen Weg der Notenbanken. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

EZB-Präsident Draghi halte trotz der Risiken und Nebenwirkungen die Niedrigzinspolitik für die richtige Lösung, auch, um der gefürchteten Deflation zu entgehen, aus der man nur schwer wieder herauskomme, wie man etwa in Japan sehen könne. „Auch Skifahren birgt Risiken und Nebenwirkungen. Wenn Sie stattdessen Auto fahren, gibt es aber auch Risiken“, brachte Bahr es auf den Punkt.

Wirtschaftswissenschaften seien ein besonderes Feld, in dem man hinterher immer schlauer sei: „Es ist nicht wie beim Wasser, dass bei jedem wiederholten Versuch bei 100 Grad den Aggregatzustand wechselt und zu Dampf wird und bei dem man weiß, dass es auch beim nächsten Mal wieder so sein wird“, erklärte Holger Bahr. Man könne die Gründung der EU eben nicht zehnmal wiederholen, Wirtschaftsfaktoren seien nicht replizierbar.

Ein emotionsloser Blick auf die weltweite Konjunktur zeige aber, dass es den Deutschen – ohne jede Euphorie allerdings – doch recht gut ginge. Die Weltwirtschaft wachse um etwa drei Prozent, das dürfe für vieles reichen, nur eben nicht, um Finanzexperten in Sicherheit zu wiegen. In Deutschland etwa gebe es mit 1,5 Prozent ein solides Wachstum trotz aller herrschenden Probleme und unerwarteter Aufwendungen etwa durch die Flüchtlingsströme. „Das ist allerdings auch das Ergebnis von Reformbemühungen, die seit zehn, zwölf Jahren auf dem Weg sind – andere Länder fangen erst jetzt damit an.“

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Dem Publikum legte Volker Zart ans Herz, Ziele und Wünsche ihrer Vermögensanlagen ehrlich zu kommunizieren, damit der Berater die passende Lösung finden kann. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Dem Publikum legte Volker Zart ans Herz, Ziele und Wünsche ihrer Vermögensanlagen ehrlich zu kommunizieren, damit der Berater die passende Lösung finden kann. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Keinerlei Hoffnung konnte er auf eine schnelle Wende der Niedrigzinspolitik machen: „Eine langsame Anhebung erwarte ich erst für Mitte 2019.“ Durch die Zinspolitik seien diverse Vermögenswerte wie Kunstobjekte, gute Bordeauxjahrgänge oder Immobilien gefragter und deshalb im Preis gestiegen. „Aktien sind aber im Vergleich mit anderen Anlagewerten günstig, wichtig ist aber eine realistische Risikobewertung“, mahnte der Volkswirtschaftsexperte. Denn Aktien ohne Risiko brächten keinen Zins, zinsträchtige Aktien seien aber auch nicht ohne Risiko. Bahr: „Deshalb wünsche ich Ihnen alles Gute, vor allem aber Mut und Zuversicht, Entscheidungen zu treffen.“

Wie man zu solchen Entscheidungen gelangt, erklärte Volker Zart, KSK-Vertriebsdirektor für Privatkunden. Das Beobachten des Anlagemarktes sei allerdings sehr zeitintensiv: „Ich bin »Kernbanker« und merkte trotzdem schnell, dass ich einfach nicht die Zeit habe, mich kontinuierlich damit gewissenhaft zu beschäftigen. Der Markt ändert sich dafür einfach zu schnell.“

Deshalb käme selbst er als Finanzexperte nicht umhin, sich an Spezialisten zu wenden. Diese seien aber selbst in der momentanen schwierigen Situation in der Lage, die Renditechance für Vermögen zu erhöhen. Zart: „Diese Berater klären mit Ihnen erst einmal gewissenhaft ihre individuelle Situation, denn es gibt weder eine Patentlösung noch ein dauerhaft gültiges Rezept.“

Rund 150 Besucher verfolgten aufmerksam den über dreistündigen Abend über Anlagemöglichkeiten in Niedrigzinzzeiten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Rund 150 Besucher verfolgten aufmerksam den über dreistündigen Abend über Anlagemöglichkeiten in Niedrigzinzzeiten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Als erstes gelte es, die sogenannten Lebensrisiken abzusichern – was ist etwa bei dramatischen Lebenseinschnitten durch Unglücke. Danach sei die Altersvorsorge dran. Auf diesem Fundament könne man dann auf Anlagewerte bauen, muss aber auch Situationen wie Notfallliquidität klären – wie viel Geld sollte kurzfristig, mittelfristig und langfristig angelegt werden, ohne dass man kurzfristig durch unvorhergesehene Ereignisse in finanzielle Engpässe geraten kann.

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„Ich kann nur empfehlen, dem Berater gegenüber wirklich Ihr Herz auszuschütten – nur wenn Sie ehrlich über Voraussetzungen wie Lebenssituation und Risikobereitschaft, Ziele und Wünsche sprechen, kann der Experte die richtige Lösung für Sie finden“, so der Vertriebsdirektor. Denn aus den Angaben erstelle der Berater eine individuelle Mischung aus verschiedenen Anlagen mit unterschiedlichen Laufzeiten.

Oft seien Anleger bei etwa 70 Prozent kurzfristiger Anlagen mit Laufzeiten von unter einem Jahr, 20 Prozent für ein bis vier Jahre und zehn Prozent für mehr als vier Jahre. Renditeträchtiger könne aber etwa 25 Prozent kurzfristige Anlagen, 25 Prozent für mittelfristige und 50 Prozent bei langfristigen Anleihen sein. Volker Zart: „Wichtig ist aber, die gefundene Lösung regelmäßig zu überprüfen, mindestens einmal im Jahr.“

Bei der abschließenden Fragerunde des Publikums wurde etwa angemerkt, dass man doch mehr Geld zur Verfügung stellen könne. Bahr: „Ach ja, das Helikoptergeld – Draghi kreist über uns und wirft für jeden 10.000 Euro ab, am besten pro Monat.“ Der Bäcker würde dann aber sehr schnell mitkriegen, dass da mit dickem Portemonnaie eingekauft wird und folgerichtig den Preis für Brot erhöhen – und schnell dürften wir dann die Brötchen mit 10.000-Euro-Scheinen bezahlen und seien in der Inflation.

Auf die Frage nach dem „Brexit“, das Ausscheiden des Vereinigten Königreiches aus der Eurozone, sagte Bahr, dass er das einerseits sehr gelassen sehe – „Die Briten würden einen starken Handelspartner mit großem Interesse von Investoren etwa aus dem arabischen Raum verlieren, die EU nur einen kleinen“ – andererseits aber auch besorgt sei – „denn dann hätte ich Urlaubssperre gerade zur Fußball-EM!“, scherzte er. Ebenso augenzwinkernd bemerkte er, dass die Schotten sich über den „Brexit“ riesig freuen würden, denn dann könnten sie sich von den Engländern lossagen und rein in die EU. „Deshalb glaube ich, dass die Briten die richtige Entscheidung, nämlich für die EU, treffen werden“, vermutete Holger Bahr.

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Auf die Frage, ob er bei der AfD irgendeine Finanzpolitik erkennen könne, meinte Bahr: „Ich unterscheide nur zwischen den etablierten Parteien und denen, die eine Alternative zu sein scheinen. Die schrauben gerade erst einmal ein rechtspopulistisches Programm zusammen. Wenn die sich aber einer Wirtschaftspolitik wie bei der französischen Front Nationale nähern, wird mir angst und bange.“

Nach der Höhe der Überziehungszinsen gefragt, informierte Bahr: „Dies ist notwendig, weil dadurch für die Bank einfach auch hohe Kosten entstehen“, gab danach aber schmunzelnd das Mikro an Holger Glück weiter. Der erklärte: „Für einen Überziehungskredit müssen wir stets ausreichend Eigenkapital bereithalten. Mit diesem »reservierten« Geld kann die Bank dann nicht anderweitig arbeiten. Deshalb ist es wie bei den Anlagen: Es geht immer um eine individuelle Lösung. Unsere Berater können mit Ihnen bei einem mittel- oder langfristigen Bedarf nach einer zinsgünstigen Lösung durch einen gut kalkulierten Kredit suchen.“

Eifeler Presse Agentur/epa

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