Ministerpräsidentin Kraft sprach im Kreishaus mit jungen Flüchtlingen

Die Landeschefin nahm sich viel Zeit, um aus erster Hand Informationen zu bekommen – Gasteltern-Konzept des Kreises Euskirchen findet bundesweites Interesse

Selfie mit Ministerpräsidentin: Hannelore Kraft nahm sich auch Zeit für Erinnerungsaufnahmen. Foto: S. Vanselow / Kreismedienzentrum
Selfie mit Ministerpräsidentin: Hannelore Kraft nahm sich auch Zeit für Erinnerungsaufnahmen. Foto: S. Vanselow / Kreismedienzentrum

Euskirchen – NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat sich im Euskirchener Kreishaus mit minderjährigen Flüchtlingen und deren Gastfamilien getroffen. Rund zwei Stunden, so heißt es in einer Pressemitteilung aus dem Kreis, habe sich Hannelore Kraft Zeit genommen, um ausgiebig mit den Jugendlichen und ihren neuen Familien zu sprechen – über Freud und Leid im Alltag, über Sorgen und Nöte, über Pläne und Perspektiven. „Was hier geleistet wird, ist vorbildlich, hier ist eine richtig gute Struktur aufgebaut worden“, habe eine sichtlich beeindruckte Ministerpräsidentin nach der Gesprächsrunde in Richtung Landrat Günter Rosenke und Jugendamtsleiter Erdmann Bierdel gesagt.

Im Kreis Euskirchen hat fast die Hälfte der jugendlichen Flüchtlinge eine Gastfamilie gefunden, 80 Prozent von ihnen haben ehrenamtliche Vormünder. „Wir tun alles, damit sich bei uns auch die Flüchtlinge wohlfühlen können“, sagte Landrat Rosenke in Anlehnung an der Kreismotto „Kreis Euskirchen – einfach wohlfühlen“. Anschließend übergab er das Wort an Jugendamtsleiter Erdmann Bierdel, der das erfolgreiche und bundesweit beachtete Gasteltern-Konzept vorstellte. „Von Anfang an stand bei uns nicht nur die Versorgung der Jugendlichen im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage der besten Integration!“

Hannelore Kraft war nicht nach Euskirchen gekommen, um viel zu sagen, sondern um zuzuhören. Und deshalb nahm sie ihre Kaffeetasse und ging von Tisch zu Tisch, wo die Gasteltern mit den jungen Flüchtlingen saßen. Und sie nahm sich viel Zeit, um aus erster Hand Informationen zu bekommen – so viel Zeit, dass ihr eng getakteter Zeitplan an diesem Vormittag gehörig durcheinander gewirbelt wurde.

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Zuhören, Eindrücke aufnehmen, Anregungen mitnehmen: Hannelore Kraft im Gespräch mit einer Gastfamilie und einem Flüchtling. Foto: S. Vanselow / Kreismedienzentrum
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Sie heißen Ibrahim, Jawid, Alireza, Mahmoud und Mahdi, sind zwischen 15 und 17 Jahre alt und stammen aus Afghanistan, Syrien und Palästina. Nach wochen- bzw. monatelanger Flucht sind sie vor einigen Monaten in Deutschland angekommen – in einem für sie völlig fremden Land. Dass sie trotz aller schrecklichen Fluchterlebnisse mittlerweile einen entspannten Eindruck machen und im besten Sinne angekommen sind, verdanken sie zu einem großen Teil ihren Gastfamilien, die sie aufgenommen haben.

„Man muss helfen!“ Auf diesen kurzen Nenner brachten Jörg und Katharina Schmidt ihre Motivation, warum sie mit dem 15-jährigen Ibrahim Shukair einen Palästinenser/ Syrer aufgenommen haben, der mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet war. „Ibrahim ist eine Bereicherung für uns als Familie“, betont Katharina Schmidt, die sich auch freut, dass ihr Sohn Leander als treibende Kraft mit dafür gesorgt hat, dass die Familie jetzt Zuwachs bekommen hat. An den sehr großen Hund und die fünf Katzen der Familie hat sich Ibrahim mittlerweile gewöhnt. Sein größter Wunsch: Er möchte Friseur werden. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht, denn in seiner alten Heimat hat er bereits mehrere Jahre als Jungfriseur gearbeitet. Klar, dass seine neue Familie und deren Freunde jetzt auch hin und wieder in den Genuss eines neuen, modischen Haarschnitts kommen.

Ähnlich positive Erfahrungen wie Familie Schmidt hat auch Hanna Limper mit ihrer Familie (einschließlich Großeltern) gemacht. Hier gehört der 17-jährige Mahdi Gholam Hosseini schon fest zur Familie. Der junge und sehr sportliche Afghane ist in seiner neuen Familie sehr glücklich. In der alten Heimat habe er sich sehr vieles für seine Zukunft gewünscht – „und alles ist bisher in Erfüllung gegangen“, sagt er in sehr gutem Deutsch. Dass seine Gastfamilie den Vollwaisen jetzt sogar adoptieren will, macht sein Glück perfekt.

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Pläne und Träume haben sie alle, die jungen Menschen, die im Kreis Euskirchen eine neue Heimat in einer Gastfamilie gefunden haben. Der eine möchte Zahnarzt werden, der andere Ingenieur. Hannelore Kraft hörte aufmerksam zu, als die jungen Menschen über ihr altes und neues Leben berichteten, über die Aufnahme in ihre neue Familien, über die Sehnsucht nach den alten Freunden, über ihren Schulalltag und ihre Freizeitaktivität mit neuen Freunden und im Verein. Und sie nahm so manche Anregung mit in die politische Debatte, was man im Detail noch verbessern kann.

Das größte Problem ist nach ihrer Erfahrung der Frust über das oft sehr langwierige Anerkennungsverfahren mit einer manchmal unklaren Bleibeperspektive. „Die Politik schiebt da den schwarzen Peter hin und her, aber Tatsache ist auch: Wir sind da nicht Herr des Verfahrens, das liegt in den Händen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge“, so die Landeschefin. Dem stimmte auch Jugendamtsleiter Erdmann Bierdel zu: „Es ist und war schwierig, mit dem Jugendlichen an einer Perspektive zu arbeiten, wenn die Jugendlichen keinen Glauben an eine Perspektive haben.“ Sein Appell: „Den Menschen, die faktisch bei uns bleiben werden, sollten wir auch entsprechende Integrationsangebote machen, wenn wir wollen, dass sie sich nach unseren Regeln verhalten.“

Einig waren sich nach der Gesprächsrunde alle Beteiligten: Einen besseren Weg zur Integration als in einer Gastfamilie kann es nicht geben!

Das Jugendamt sucht weiterhin engagierte Menschen, die einen geflüchteten Jugendlichen bei sich aufnehmen. Bei Interesse und/oder Fragen stehen der Abteilungsleiter der Abteilung Jugend und Familie, Erdmann Bierdel (02251/15 641, Email: erdmann.bierdel@kreis-euskirchen.de) sowie der Leiter der Sozialen Dienste, Benedikt Hörter (02251/15639, Email: benedikt.hoerter@kreis-euskirchen.de) zur Verfügung. (eB/epa)

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