„Ich zeige dir, wer ich bin“

Multinationales Musicalprojekt mit Deutschen und Flüchtlingen von der Pfarrei St. Martin, der Musikschule, dem Emil-Fischer-Gymnasium und der Gesamtschule Euskirchen

Gelebte Integration zeichnet das Musicalprojekt „Home?!“ aus, das von einer Pfarrei und drei Schulen auf die Bühne gebracht wird. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Gelebte Integration zeichnet das Musicalprojekt „Home?!“ aus, das von einer Pfarrei und drei Schulen auf die Bühne gebracht wird. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Euskirchen – Sie singen von Offenheit und Freiheit – und kommen aus Verfolgung, Gewalt, Erschöpfung und Tod. „Das Musicalprojekt ist wirklich etwas ganz Besonderes, hier ziehen verschiedene Institutionen an einem Strang“, berichtet Rita Witt, Vorsitzende der beiden Stiftungen der Kreissparkasse Euskirchen. „Home?!“ heißt die Inszenierung, die die katholische Stadtpfarrei St. Martin zusammen mit der Musikschule Euskirchen sowie dem Euskirchener Emil-Fischer-Gymnasium und der Gesamtschule Euskirchen auf die Bühne bringen wollen. Dabei arbeiten, lernen und lachen 41 Jugendliche aus Nationen wie unter anderem Deutschland, Indien, Irak, Syrien, Italien, Albanien, Kroatien, Griechenland und Iran eng zusammen.

Sie haben neue Freunde gefunden, berichten die Musical-Akteure. Beim Pressetermin am vergangenen Mittwoch sieht man die jungen Künstler im Alter von elf bis 17 Jahren sich umarmen, eng beieinander sitzen und liegen – auch Jungs aus Kulturen, wo das in der Öffentlichkeit verpönt wäre. Obwohl manche erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind, sprechen sie genügend Deutsch – und wer erst ganz frisch nach Deutschland gekommen ist, dem helfen die anderen. Die elfjährige Nada kommt aus Syrien und berichtet: „Wenn man jeden Tag lernt, dann kann man die Sprache schnell beherrschen.“

Wenn Nada singt, zeigt sie deutlich ihre Emotionen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Wenn Nada singt, zeigt sie deutlich ihre Emotionen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Sie fühlt sich einfach gut bei den Proben, hat Freunde gefunden. Drei Schauspieler des Projektes sind allerdings in den vergangenen Monaten abgeschoben worden. „Ich möchte nie zurück in mein Heimatland müssen, ich will für immer hierbleiben“, betont Nada. Wenn sie von dem Musical und dann von ihrer Heimat berichtet, spiegeln sich ihre Emotionen im Sekundentakt in ihrem Gesicht wieder, wechseln von strahlendem Lächeln zu angstvoll aufgerissenen Augen. Ihre Freundin Flawia kommt aus Albanien und hat keinen sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland. Besorgt schaut sie zu ihr. Flawia: „Ich mache mir vor allem Sorgen um meine Eltern, wenn wir weg müssen.“

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Nada hat eine Großmutter in den USA, die sie gerne besuchen würde. Die Versuche von US-Präsident Trump, Menschen aus ihrer Heimat die Einreise zu verwehren, findet sie schlimm. Alaa (17) ist ohne Eltern nach Deutschland gekommen: „Ich fühle mich sehr wohl und willkommen hier. In meinem Heimatland kann ich nicht sein. Dort könnte ich auch nicht wie hier auf der Bühne tanzen.“ Auch der vierzehnjährige Rudi aus Syrien steht zum ersten Mal auf der Bühne, während Hamza aus Indien in seiner Heimat schon vor großem Publikum aufgetreten ist. Lubna aus Syrien hat viel Spaß bei den Proben und freut sich über viele neue Bekannte.

Über Erfahrungen der Flüchtlinge von der Einengung bis zu abgeworfenen Fesseln berichtet das Musical „Home?!“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Über Erfahrungen der Flüchtlinge von der Einengung bis zu abgeworfenen Fesseln berichtet das Musical „Home?!“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Fridolin kommt aus Deutschland und begleitet als Pianist: „Das ist gut zu sehen, wie sich Menschen aus verschiedensten Ländern, die sich zuerst fremd sind, zusammenfinden, gemeinsam Spaß haben und ein Musical auf die Beine stellen. Das ist echte Integration, so lernt man mit Spaß die deutsche Kultur und Sprache kennen – ich finde, das muss man unterstützen!“

Das fand auch Rita Witt. Die Bürgerstiftung der Kreissparkasse Euskirchen (KSK) gehört zu den Hauptsponsoren. Rita Witt: „Ich bin einfach begeistert, wie viel Herzlichkeit hier überall zu spüren ist, wie gut die Jugendlichen und Lehrer zusammenarbeiten.“ Weitere Förderer sind die katholische Stadtpfarrei St. Martin, der Rotary-Club Euskirchen, der Rotary-Club Euskirchen-Burgfey, der Lions-Club Euskirchen-Nordeifel und die Bürgerstiftung der Stadt Euskirchen „Wir für EUch“.

Durch eine private Spende von Elke Ulmer-Smith an die Pfarrei St. Martin ist das Projekt erst entstanden, wie Jule Rüber berichtet: „Wir wollten etwas Besonderes mit dem Geld anfangen. In Gesprächen mit Christian Wolf, Leiter der Musikschule Euskirchen, entwickelte sich die Idee, das Geld für ein Musical mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu verwenden.“ Auch das Euskirchener Emil-Fischer-Gymnasium und die Gesamtschule Euskirchen waren schnell zu begeistern. Anfangs sollte das Projekt auf 20 Kinder beschränkt sein, wie die begleitende Künstlerin Katerina Giannakopoulou sagt: „Aber als wir gesehen haben, wie viel das in den Jugendlichen bewegt, konnten wir keinen draußen lassen – 41 Teilnehmer stellen uns vor Herausforderungen, aber das ist es wert.“

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Sängerin und Schauspielerin Katerina Giannakopoulou motiviert ihre Schützlinge mit vollem Einsatz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Sängerin und Schauspielerin Katerina Giannakopoulou motiviert ihre Schützlinge mit vollem Einsatz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Am Anfang hätten sie kaum heraushören können, wer eine gute Stimme hat: „Viele waren noch so ängstlich, dass sie kaum einen Ton herausbekommen haben. Zu sehen, wie selbstbewusst und gut die jetzt sind, ist wunderschön.“ Die Sängerin und Schauspielerin schwärmt auch von der guten Zusammenarbeit mit den Schulen: „Im Deutschunterricht etwa wird mit unserem Textbuch mit den Schülern gearbeitet.“ Wolfgang Ferber, Lehrer am Emil-Fischer-Gymnasium, hatte vor eineinhalb Jahren eine internationale Klasse in seiner Schule ins Leben gerufen: „Eltern und Schüler haben sich teilweise mit Tränen in den Augen bei mir bedankt, dass die Kinder in die Schule gehen dürfen.“ Die Jugendlichen zeichneten sich durch hohen Lerneifer aus. Im Musical können sie zeigen, aus welchem Land sie kommen. „Ich zeige dir, wer ich bin“ ist eine Textzeile des Musicals, im dem ausschließlich deutsche Liedtexte vorkommen.

Etwas Besonderes sei die liebevolle Atmosphäre bei den Proben, wie Katerina Giannakopoulou und Tänzer Lucas Theisen immer wieder betonen. Die Kids hingen ständig zusammen, würden Körperkontakt pflegen, sich gegenseitig unterstützen und anfeuern. Katerina Giannakopoulou: „Das ist eine tolle Gruppe, die mit viel Leidenschaft dabei ist!“

Die Aufführung von „Home!?“ soll am Mittwoch, 21. Juni, im Stadttheater Euskirchen stattfinden. Die Bühnenbildgestaltung will die Schleidener Künstlerin Maf Räderscheidt übernehmen, finanziert über das „You are welcome“-Projekt der „Aktion Mensch“ des Deutschen Roten Kreuzes. Inhaltlich soll es um die Erfahrungen der Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Deutschland und das Ankommen dort gehen, sowohl aus der Sicht der Neubürger als auch aus der Sicht der Deutschen.

Eifeler Presse Agentur/epa

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