In Florenzer Schmuckwerkstatt die eigene Zukunft geschmiedet

Von Dagmar Grömping Euskirchenerin Samira Esch ist mit dem Programm „Perspektive Europa“ über sich hinausgewachsen

Samira Esch an ihrem Arbeitsplatz in Florenz. Bild: Privat
Samira Esch an ihrem Arbeitsplatz in Florenz. Bild: Privat

Euskirchen – „Ich bin ein gutes Stück größer geworden“, erklärt Samira Esch mit einem Strahlen im Gesicht. „Ich traue mir viel mehr zu, bin selbstbewusster und komme besser aus dem Quark“, ergänzt die 25-Jährige, deren Herz man vor Begeisterung fast hüpfen hören kann. „Integration durch Austausch“ (IdA) heißt das Zauberwort, das für die Euskirchenerin ganz neue Türen in ihrem Leben öffnete.

Als Teilnehmerin des Projekts „Perspektive Europa – rein ins Arbeitsleben“ liegen erlebnisreiche Monate hinter Esch, in denen sie mit zwölf weiteren jungen Erwachsenen zwei Monate in Florenz (Italien) gelebt und gearbeitet hat. „Ich wollte schon immer mal in andere Länder fahren“, verrät Esch. „Meine Familie ist aber nicht so reiselustig und alleine habe ich mich nicht richtig getraut“.

Bei einem Beratungstermin im Jobcenter EU-aktiv wurde die junge Frau auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, ein Betriebspraktikum im Ausland absolvieren zu können. Nach der ersten Informationsveranstaltung war für Esch klar: „Hier mache ich mit!“ Mit ihrem Motivationsschreiben konnte sie die Organisatoren des Vereins IN VIA Köln überzeugen. Doch bevor es mit gepackten Koffern richtig Süden gehen konnte, stand zunächst eine zweimonatige Vorbereitung auf dem Programm.

Für Samira Esch (rechts) und die anderen Teilnehmer der „Perspektive Europa“ gehörten Ausflüge im Gastland mit zum Programm. Bild: Privat
Für Samira Esch (rechts) und die anderen Teilnehmer der „Perspektive Europa“ gehörten Ausflüge im Gastland mit zum Programm. Bild: Privat

„Wir haben Italienisch gelernt, aber auch viele Informationen über Land und Leute erhalten“, erinnert sich Esch. „In dieser Zeit habe ich immer wieder an mir selbst gezweifelt, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte“, gibt sie offen zu. „Doch mit dem Ziel vor Augen war mir auch klar, dass ich mich nicht unterkriegen lassen will.“ Je mehr sich Esch auf die Herausforderung vorbereitete, desto besser bekam sie ihre Angstgefühle in den Griff. „In der Vorbereitungszeit wurde dieses Wechselbad der Gefühle ebenfalls thematisiert. Dadurch war es viel einfacher, das Auf und Ab von Ängsten und Vorfreude zu akzeptieren“, berichtet Esch.

Auch der „Durchhänger“, der die Teilnehmer nach zwei bis drei Wochen im Gastland heimsuchte, gehörte zu den Prophezeiungen von David Beu und Jelena Iyassu, den beiden Sozialpädagogen von IN VIA, die die Gruppe während der ganzen Projektzeit begleiteten.

Die Goldschmiede von Rocco Prezziosi wurde für Esch in Florenz ihr zweites Zuhause. In dem kleinen Geschäft, das in den Straßen der größten Stadt der Toskana von kauffreudiger Laufkundschaft profitiert, hobelte, feilte und hämmerte Esch Silberstangen zu Ketten, Armbändern oder Ringen. „Je mehr man übt, desto besser wird man dabei“, weiß Esch, für die dieser Beruf immer ein Traum war, heute. Doch auch die Arbeitsmoral der Italiener brachte neue Erkenntnisse. „Jeder kommt zu spät und es ist nie ein Problem“, berichtet Esch und versichert: „Außerdem habe ich viel zu viel Kaffee getrunken!“

Auch die freie Zeit, in der organisierte Stadtbesichtigungen, Ausflüge nach Siena, Pisa oder San Gimignano, Museen oder Events auf dem Programm standen, wurde für Esch zu einem bunten Strauß an Erfahrungen. „Am meisten Spaß hat es mir gemacht, alleine meine Umgebung zu erkunden.“ Ob bei ausgedehnten Spaziergängen, der Mittagspause im Park oder beim Nachtleben von Florenz, immer wieder gehörten bereichernde Gespräche mit wildfremden Menschen dazu. „Früher hätte ich mich niemals getraut, einfach jemanden anzusprechen“, erklärt Esch, warum diese Erlebnisse besonders bedeutsam für sie waren und sind. „Die Menschen dort gehen sehr offen aufeinander zu, sind viel entspannter. Dabei ist mir bewusst geworden, dass auch ich mit meinem eigenen Verhalten hier etwas bewirken kann. Wenn ich jetzt jemanden auf der Straße einfach nur anlächle, kommt direkt Positives zurück.“

„Das Programm IdA ist ein tolles Angebot für junge Erwachsene, die ihren Weg noch nicht gefunden haben“, erklärt Stefanie Kühnhenrich. „Es ist großartig zu erleben, dass die Teilnehmer nicht nur neue berufliche Perspektiven für sich entdecken, sondern vor allem viel über sich selbst lernen“, so die Teamleiterin des Jobcenters EU-aktiv, für die IdA zu einer Herzensangelegenheit geworden ist.

„Ich bin ein anderer Mensch geworden“, lautet bestätigend das Fazit von Esch, die nun in Deutschland eine Ausbildung in einer Bäckerei beginnt. „Das Programm war das Beste, das mir in den letzten sieben Jahren passiert ist.“

Perspektive Europa – rein ins Arbeitsleben

Das Projekt Perspektive Europa wird im Rahmen des IdA Programms (Integration durch Austausch) durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert und richtet sich an junge Erwachsene zwischen 18 und 27 Jahren, die Leistungen vom Jobcenter erhalten. Dabei ist es unerheblich, ob bereits einen Ausbildung absolviert oder abgebrochen wurde. Auch Schulabgänger, die nach einer Anschlussperspektive suchen, können an dem Programm teilnehmen. Die insgesamt sechs Monate sind in drei Phasen Vorbereitung, Auslandspraktikum und Vermittlung eingeteilt.

Die erste Phase umfasst Vorbereitung auf das Gastland, Sprachtraining, interkulturelles Training, Bewerbungstraining, Skype-Interviews mit Kooperationspartnern in den möglichen Gastländern Schweden, England oder Italien. Zum Auslandspraktikum (zwei Monate) gehört die Unterbringung im Gastland, das Betriebspraktikum, ein vertiefter Sprachkurs, begleitende Kultur- und Freizeitangebote in der praktikumsfreien Zeit und sozialpädagogische Begleitung. Im Rahmen der anschließenden zweimonatigen Vermittlung erfolgt die Nachbereitung des Auslandspraktikums. In Kooperation mit den Jobcentern erfolgt Unterstützung bei der Ausbildungsplatz- und Arbeitssuche, sowie vertiefte Bewerbungstraining und Unterstützung bei Vorstellungsgesprächen.

Am Projekt beteiligt sind neben den Jobcentern Kreis Euskirchen, Rhein-Erft-Kreis, Köln, Bonn und Rhein-Sieg-Kreis, der Verein IN VIA Katholischer Verband für Mädchen und Frauensozialarbeit Köln und während des Auslandspraktikums als Transnationaler Partner MoverLab.

Für Interessierte junge Erwachsene im Alter zwischen 18-27 Jahren, die Leistungen vom Jobcenter erhalten, findet am Dienstag, 11. Juli, 13.30 Uhr, eine Informationsveranstaltung bei der Agentur für Arbeit, Thomestraße 17, Raum 021, in Euskirchen statt. Teilnehmer des jetzigen Projektes und Vertreter von IN VIA werden von ihren Erfahrungen im Ausland berichten und stehen für alle Fragen bereit. Anfang August 2017 startet der nächste Durchgang des Projektes. Die Reise geht wieder nach Florenz. Für weitere Informationen und Anmeldung steht Stefanie Kühnhenrich unter Telefon 02251-7760210 zur Verfügung.

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