Besondere Beschäftigte für normale Betriebe

Seit fünf Jahren vermittelt der Fachdienst „NEW-Job“ der Nordeifelwerkstätten Praktika und Betriebsintegrierte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung am allgemeinen Arbeitsmarkt – Betriebe wie Beschäftigte sehen viele positive Entwicklungen

Beschäftigte und Mitarbeiter von „NEW JOB“ feierten gemeinsam mit NEW-Geschäftsführer Wilhelm Stein (r.) nicht nur das fünfjährige Bestehen des Fachdienstes für die Vermittlung von Praktika und Jobs am ersten Arbeitsmarkt, sondern auch fünf Jahre tatkräftige Inklusion mit Herz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Beschäftigte und Mitarbeiter von „NEW JOB“ feierten gemeinsam mit NEW-Geschäftsführer Wilhelm Stein (r.) nicht nur das fünfjährige Bestehen des Fachdienstes für die Vermittlung von Praktika und Jobs am ersten Arbeitsmarkt, sondern auch fünf Jahre tatkräftige Inklusion mit Herz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Euskirchen-Kuchenheim – Wie immer man sie nennt, ob Menschen mit Behinderung, mit Handicap oder Einschränkungen – immer wird in den Vordergrund gerückt, dass da jemand vermeintlich etwas nicht kann. Der Fachdienst „NEW JOB“ der Nordeifelwerkstätten (NEW) macht genau das Gegenteil, wie Tanja Adolf, Leiterin von „NEW JOB“, jetzt aus Anlass des fünfjährigen Bestehens des Dienstes sagte: „Wir schauen – gerne auch gemeinsam mit Freunden und Freundinnen sowie Familie – wo die Interessen und Stärken der Betroffenen liegen und suchen dann den passenden Job im passenden Betrieb.“ Die Nordeifelwerkstätten bieten an fünf über den Kreis Euskirchen verteilten Standorten Menschen mit Behinderung geschützte Werkstattplätze und vielfältige Förderung und unterhalten mit „NEW JOB“ gewissermaßen eine eigene Arbeitsagentur.

Und das sehr erfolgreich, wie zahlreiche Beschäftigte auf der Jubiläumsfeier am vergangenen Freitag in der Kuchenheimer „Mottenburg“ zeigten. 40 Personen sind es zurzeit, die aus dem geschützten Werkstattbereich der NEW den Schritt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gewagt haben. In einer Bilderschau wurden die Erfolgsgeschichten deutlich. Die Beschäftigten sind im alltäglichen Arbeitsmarkt integriert: ob in Alten- und Pflegezentren, in Kindertagesstätten und Familienzentren, der Verwaltung von Kreis, Stadt, Verbänden oder Gemeinden, in der Bäckerei oder dem Bauunternehmen, als Maler oder Physiotherapeut oder im Forstbetrieb und vielen weiteren Bereichen.

Wie gelungene Teilhabe durch Jobs am allgemeinen Arbeitsmarkt funktionieren kann, berichteten Job-Coach Thorsten Baur (v.l.), Daniela Fehse und Karin Möres von der Gemeindeverwaltung Kall sowie Tanja Adolf, Leiterin „NEW JOB“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Wie gelungene Teilhabe durch Jobs am allgemeinen Arbeitsmarkt funktionieren kann, berichteten Job-Coach Thorsten Baur (v.l.), Daniela Fehse und Karin Möres von der Gemeindeverwaltung Kall sowie Tanja Adolf, Leiterin „NEW JOB“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Auf die Frage nach ihren Erfahrungen äußerten sich die Beschäftigten durchweg positiv. So wie etwa Daniela Fehse, die bei der Gemeinde Kall in der Telefonzentrale arbeitet: „Mein Selbstbewusstsein ist gestiegen, ich bin erwachsener geworden und mittlerweile auch von zuhause ausgezogen.“ Am ersten Arbeitstag am neuen Arbeitsplatz in „freier Wildbahn“ hätte sie noch wahnsinnig Angst gehabt, am zweiten habe sie sich aber entspannt und konnte am dritten schon alleine arbeiten. Mittlerweile ist sie in der Verwaltung bekannt dafür, gerade mit schwierigen Kunden wie verärgerten Bürgern, die ihren Gefühlen lautstark Ausdruck verleihen, sehr gut umzugehen. Daniela Fehse: „Ich lasse die einfach erst einmal schreien und höre zu. Dann frage ich freundlich, ob ich auch mal was sagen dürfte – dann ist die Verblüffung meist groß, und wir können anfangen zu reden.“

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Monika Möres von der Gemeinde Kall ist sehr zufrieden mit Daniela Fehse und freut sich, dass sie durch die Tätigkeit bei der Gemeindeverwaltung stärker in das soziale Leben integriert wird: „Sie geht mit den schwierigen Fällen sehr gelassen um und ist selbstbewusster geworden.“ Ein junger Mann mit Asperger Syndrom, einer Form von Autismus, war schon als Kind naturwissenschaftlich interessiert. Mittlerweile ist er gefragter Mitarbeiter im Zoologischem Forschungsmuseum Koenig in Bonn und präpariert dort Käfer: „Das interessiert mich sehr und meine Aufgaben bringen mir viel Spaß.“ Gut sei auch das Wissen, nicht auf sich allein gestellt zu sein, sondern weiter von einem Job-Coach von „NEW JOB“ begleitet zu werden und notfalls auch wieder in den geschützten Werkstattbereich zurückkehren zu können.

Karin Ulmen, Leiterin der Käfer-Sektion im Museum Koenig, berichtete: „Wir wollten ihm einen guten Start ermöglichen und haben für ein ruhiges Umfeld gesorgt.“ Das habe zum Glück aller Beteiligten sehr gut geklappt. Nicht nur fachlich sei man hochzufrieden: „Es verändert den Blickwinkel, hilft zu verstehen, wie andere die Welt sehen. Gegenseitiges Verständnis ist sehr wichtig.“ Der junge Mann habe sogar in kürzester Zeit den Forschungsstand erweitert, wie Wolfgang Melenk vom Museum Koenig berichtete: „Er hat eine als bislang für ausgestorben erklärte Orchideenart wiederentdeckt und ihren Standort mit Fotos und GPS-Daten dokumentiert.“

Von vielen Betrieben hört Tanja Adolf, dass die Beschäftigten durch die Betriebsintegrierten Arbeitsplätze ein besseres soziales Miteinander erzeugten: „Viele unserer Beschäftigten reagieren sehr sensibel auf Stimmungen und sprechen Dinge direkt an, die andere eher verdrängen. Das ist oft ein Gradmesser für die Leitungskräfte, die dann schneller eingreifen und so für eine bessere Arbeitsatmosphäre sorgen können.“

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Natürlich gibt es wie in allen anderen Bereichen auch einmal Probleme, oft durch Missverständnisse hervorgerufen. „Dann suchen wir gemeinsam nach kreativen Lösungen“, so Tanja Adolf. Denn die Beschäftigten werden weiter von den NEW betreut, haben auch Unfall- und Versicherungsschutz. Überhaupt sei Lösungsorientiertheit eine wichtige Eigenschaft in diesem Bereich, wie Thorsten Baur, Job-Coach bei „NEW JOB“, sagte: „Mich ärgert immer, wenn jemand sagt »das geht nicht» – irgendetwas geht immer.“

Wichtigste Voraussetzungen für einen Menschen mit Behinderung, der auf den ersten Arbeitsmarkt wolle, seien Motivation und Spaß, so Baur: „Alles andere kommt dann von allein.“ Auf die Frage, was die Beschäftigten mit den Betriebsintegrierten Arbeitsplätzen besser hätten anders gemacht, hieß es von ihnen: „Weniger Bammel haben“, „Den Schritt viel früher wagen“ und „Nichts – schließlich habe ich jetzt ja einen Job auf dem Arbeitsmarkt!“. Viele genießen vor allem die höhere Selbstständigkeit als im geschützten Werkstattbereich.

Trotz der vielen Erfolgsmeldungen gebe es aber immer noch einiges zu tun, wie NEW-Geschäftsführer Wilhelm Stein sagt: „Die Arbeitslosenquote unter Menschen mit Schwerbehinderungen ist immer noch deutlich höher als im Allgemeinen.“ Dafür seien aber Interesse und Neugier vieler Betriebe für diese besonderen Beschäftigten gestiegen.

Ohne professionelle Unterstützung und Vermittlung bliebe wohl den meisten Werkstattbeschäftigten der Schritt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt verwehrt. „Als wir merkten, wie wichtig gerade in der Anfangszeit in einem Betrieb eine intensive Betreuung ist, haben wir den Fachdienst NEW JOB gegründet“, so Stein. Dazu habe man Kompetenzen gebündelt, Mitarbeiter weiter qualifiziert und konnte in den ersten drei Jahren zudem auf Fördergelder der „Aktion Mensch“ aufbauen. 2009 wurden mit sehr engagierten und überzeugten Betrieben, Verwaltungen und Einrichtungen im Kreis erste Betriebsintegrierte Arbeitsplätze (BiAP) aufgebaut, die zum Teil heute noch bestehen. Im August 2012 startete der Fachdienst dann offiziell. Weitere Informationen im Internet: www.nordeifelwerkstaetten.de

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