Zehn Jahre „Chilleria“

Thomas-Eßer-Berufskolleg und Nordeifelwerkstätten ziehen positive Bilanz ihres innovativen Integrationsprojekts – Markus Wilden: „Wir fühlen uns hier gewollt“

Das Team der „Chilleria“ zusammen mit Vertretern von TEB und NEW freuen sich über „Zehn Jahre Chilleria“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Das Team der „Chilleria“ zusammen mit Vertretern von TEB und NEW freuen sich über „Zehn Jahre Chilleria“. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Euskirchen – Seit zehn Jahren gibt es im Thomas-Eßer-Berufskolleg (TEB) nun schon die „Chilleria“, ein Projekt der Nordeifelwerkstätten (NEW). Bis zu neun Menschen mit Handicap, eine Fachkraft und ein FSJ-ler sorgen dafür, dass den 2400 Schülerinnen und Schülern des TEB, von denen in Spitzenzeiten bis zu 1800 vor Ort sind, nicht während des Unterrichts der Magen knurrt. Grund genug für Schulleiter Jürgen Tilk und Markus Wilden, Leiter der NEW-Werkstattstandorte Kuchenheim und Kall, jetzt eine Bilanz zu ziehen.

„Die Cafeteria ist ein Erfolgsmodell und zu einem festen Bestandteil in unserem Schulalltag geworden“, berichtete Tilk. Man könne durchaus von einer Win-win-Situation für TEB und NEW sprechen. „Die beabsichtigte Integration gehandicapter Menschen in unser Schulleben ist nicht nur voll gelungen, sondern braucht schon seit langem nicht einmal mehr thematisiert zu werden“, so der Schulleiter.

Das war zu Beginn noch anders, wusste die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Rutwalt-Berger, die sich an die ersten Tage der Einrichtung erinnern konnte. „Damals wurden unsere Schülerinnen und Schüler eigens für den Kontakt mit den NEW-Mitarbeitern sensibilisiert. Das ist heute nicht mehr nötig.“ Die Cafeteria-Bediensteten seien vielmehr längst ein Teil der Schule geworden. Hätten sich die Schüler zu Beginn noch übervorsichtig verhalten, habe sich das Zusammenleben sehr schnell normalisiert und es hätten sich persönliche Beziehungen aufgebaut.

TEB-Leiter Jürgen Tilk (v.l.) und Markus Wilden, Leiter der NEW-Werkstattstandorte Kuchenheim und Kall, sehen in der „Chilleria“ ein echtes Erfolgsmodell für Inklusion. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
TEB-Leiter Jürgen Tilk (v.l.) und Markus Wilden, Leiter der NEW-Werkstattstandorte Kuchenheim und Kall, sehen in der „Chilleria“ ein echtes Erfolgsmodell für Inklusion. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

„Die Identifikation mit dem TEB geht so weit, dass sich die meisten der hier arbeitenden NEWler eher dem TEB als uns zugehörig fühlen“, freute sich auch Markus Wilden, für den dies ein Beweis für die Richtigkeit der NEW-Philosophie ist, nämlich innovative Wege zur Inklusion von Menschen mit Handicap zu gehen. Für einige dieser Menschen sei die Arbeit sogar ein Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt, sie wechselten beispielsweise zum CAP-Markt nach Kuchenheim.

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„Hier im TEB kommen unsere Leute oft zum ersten Mal mit dem normalen Arbeitsalltag in Berührung“, berichtete Wilden weiter. „Wenn die Pausenglocke läutet, dann heißt es: Hände aus den Hosentaschen und los!“ Wer diesem Stress gewachsen sei, dem mache schließlich auch das normale Arbeitsleben nicht mehr so viel aus.

„Aber das Wichtigste ist: Wir fühlen uns hier gewollt“, so Wilden. Gerade in den Anfangsmonaten habe man große Unterstützung über normale Dienstzeiten hinaus vom Lehrerkollegium und den beiden Hausmeistern erhalten. „Ohne diese Unterstützung hätten wir das Projekt nicht so rasch umsetzen können“, ist sich der Werkstattleiter sicher.

„Die NEW-Cafeteria ist ein Gewinn für unsere Schule“, so Tilk, „zum einen machen sich jetzt nicht mehr Horden von Schülerinnen und Schülern in der Pause auf den Weg in den nächsten Supermarkt, zum anderen lässt es sich mit ihnen weitaus besser arbeiten, wenn sie keinen Hunger haben.“

Und damit das nicht geschieht, geht es in der „Chilleria“ schon jeden Tag ab 7.30 Uhr los. Bis 14 Uhr kann man hier frühstücken, Kaffee trinken, Snacks kaufen oder auch auf Bestellung zu Mittag essen. Dienstags und donnerstags begleiten die NEW-Mitarbeiter sogar den Nachmittagsunterricht von 17 bis 20 Uhr, und selbst am Samstag halten sie die Schülerverpflegung von 7.30 Uhr bis 13 Uhr aufrecht. Und auch wenn man als Schüler mal seinen Schreibkram vergessen hat, die NEW-Leute helfen einem aus der Patsche. So kann man sich vor Ort auch mit Blöcken und Ordnern eindecken.

„Die Qualität der Cafeteria ist so gut, dass viele Kollegen das NEW-Catering-Team auch privat für Feiern buchen“, so Tilk. Beim Sommerfest oder runden Geburtstagen der Schule erhalte man ebenfalls große Unterstützung von den „Chilleria“-Bediensteten.

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Der TEB-Integrationsbeauftragte Horst Auweiler gehört zu jenen Lehrern, die die Kooperation mit den NEW intensiv begleiten. Bereits ein Jahr nach dem Start des Projekts „Chilleria“ nahm man auch gemeinsam am KURS-Projekt (Kooperationsnetz Unternehmen der Region und Schulen) teil, berichtete er. „Unsere Berufsschüler haben bei den NEW beispielsweise ein Praktikum absolviert und dabei gute Erfahrungen gemacht“, so Auweiler. Auch heute noch sei die Cafeteria keine Einbahnstraße, sondern die Berufsschüler profitierten ebenso von dem unternehmerischen Knowhow der NEW. „Das Etikett Integration brauchen wir an unserer Schule allerdings nicht mehr, wir leben Inklusion, ohne noch darüber nachzudenken“, so Auweiler. Dem konnte auch David Höfner nur zustimmen, der die als zuständiger Lehrer die Cafeteria seit sechseinhalb Jahren koordiniert.

Um die Cafeteria im TEB in Betrieb nehmen zu dürfen, mussten die NEW sich damals an einer Ausschreibung des Kreises Euskirchen beteiligen. „Es war eines unserer ersten Projekte in dieser Richtung, und wir waren froh, als wir die Ausschreibung gewonnen hatten“, erinnerte sich Wilden. Von den Erfahrungen, die man am TEB gemacht habe, hätte man schließlich gelernt und sich weiterentwickelt. Heute wird beispielsweise auch die Kantine in der Kreissparkasse Euskirchen (KSK) sehr erfolgreich von Menschen mit Handicap geleitet. Inklusion ist auch dort längst kein Thema mehr.

Für die Zukunft haben das TEB und die NEW nicht nur vom Speiseplan aus gesehen noch viele schöne neue Ideen. Es wird vielmehr derzeit auch überlegt, ob vielleicht die Einrichtung einer Außengastronomie sinnvoll sein könnte.

Eifeler Presse Agentur/epa

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