Sven Regener entführte in die schillernde Welt der Kreuzberger Subkultur

Von Anke Emmerling Kettensägen-Massaker an Raufaser-Tapetenrollen – Lebendige bizarre, oft berlinernde Dialoge mit ungeahntem philosophischen Gehalt

Sven Regener begeisterte in Wittlich das Publikum mit seinen schrägen Geschihten aus Berlin-Kreuzberg. Bild: Harald Tittel/ELF
Sven Regener begeisterte in Wittlich das Publikum mit seinen schrägen Geschichten aus Berlin-Kreuzberg. Bild: Harald Tittel/ELF

Wittlich/Eifel – Einen Auftritt, der die Zwerchfelle erschütterte und Lachtränen hervorrief, hat Sven Regener zur Halbzeit des Literaturfrühlings beim Eifel-Literatur-Festival geboten. Im Atrium des Wittlicher Cusanus-Gymnasiums las der Autor des Kultromans „Herr Lehmann“ aus seinem neuesten Buch „Wiener Straße“ und entführte seine Gäste in die so schräge wie bunte Kiez-Welt Berlin-Kreuzbergs zu Beginn der 1980er Jahre.

Neuigkeitswert haben die Begriffe „volles Haus“ oder „ausverkauft“ beim aktuellen Eifel-Literatur-Festival fast schon nicht mehr. Sie sind zur Regel geworden, auch bei der sechsten Lesung mit Sven Regener in Wittlich. 600 Besucherinnen und Besucher wollten den Mann erleben, der als Musiker und Kopf der Band „Element of Crime“, vor allem aber als literarischer Vater von „Herrn Lehmann“ Popularität erlangte. Sogar aus Aberdeen waren zwei Tickets für seine Lesung geordert worden. Dass damit von Schottland aus ein Trierer seiner in Köln lebenden Schwester zur Begegnung mit einem nach Berlin übergesiedelten Bremer in Wittlich verhelfen wollte, kann im Nachhinein als erster augenzwinkernder Verweis auf den besonderen Esprit der Veranstaltung gewertet werden.

Über 600 Besucher kamen nach Wittlich, um den Bestsellerautor zu erleben. Bild: Harald Tittel/ELF
Über 600 Besucher kamen nach Wittlich, um den Bestsellerautor zu erleben. Bild: Harald Tittel/ELF

Und der äußert sich schon in Regeners ersten Schritten auf die Bühne und das Publikum zu. In Windjacke wie zum jederzeit schnellen Aufbruch gekleidet, scheu aus einer dick umrandeten Brille blickend und eingeführt als jemand, der Rampenlicht eher meidet, überrascht er mit Pragmatismus und trockenem norddeutschem Humor: „Ich habe ein Buch geschrieben über jemand mit ausgeprägter Psychose, und dann komme ich selbst mit so einer armseligen Soziophobie um die Ecke. Das war nicht zu halten“, sagt er, deshalb signiere er auf jeden Fall. Bis dahin aber werde er lesen, lesen, lesen. „Und irgendwann ist Schluss“.

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Gesagt, getan, er stellt sich ans Rednerpult und legt los, gleich mit dem ersten Kapitel von „Wiener Straße“. Ab da braust ein nicht zu bremsender Wirbelsturm durch die Halle. Schnell, fast atemlos, sprudelt Regener die Worte hinaus, als könne das Ende seiner Bandwurmsätze sonst verloren gehen. Seine Arme und Hände wedeln dazu in illustrierender Gestik. Je länger er liest, umso mehr gerät er in Fahrt und desto dynamischer wird seine Performance, die etwas von gelebtem Comic-Strip hat. Denn was da erzählt wird, ist atemberaubend komisch, schräg und aberwitzig. Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben an ganz besonderen Orten schreibt, in diesem Fall in Berlin Kreuzberg Anfang der 1980er Jahre. Hierhin, in die Wiener Straße, hat es außer Herrn Lehmann, der diesmal nur eine Nebenrolle spielt, ein buntes Völkchen von Lebens-, Überlebens- und österreichischen Aktions-Künstlern verschlagen. Sie tragen seltsame Namen wie H.R. Ledigt, P.Immel oder Kacki und tragen nach Kräften zum Schillern des subkulturellen Kosmos bei.

Auch wenn der scheue Autor nicht gern im Rampenlicht steht: Er erfüllte alle Signierwünsche. Bild: Harald Tittel
Auch wenn der scheue Autor nicht gern im Rampenlicht steht: Er erfüllte alle Signierwünsche. Bild: Harald Tittel

Da wird weder vor Kettensägen-Massakern an Raufaser-Tapetenrollen noch der Ausstellung eines verbrannten Kuchens als Kunstwerk in der zur Neuen Nationalgalerie deklarierten Kneipentheke Halt gemacht. Dazwischen gibt´s auch mal eine handfeste „Hauerei“, an der sich zumindest Jürgen 3 aber nur „so symbolisch“ beteiligen will. Auch wird um Putzjobs im Café Einfall gerungen oder um die innovative Geschäftsidee, im Café Kaffee anzubieten. Der Versuch, die Handlung der Geschichte zu erklären, sei hier ihres Wendungsreichtums halber unterlassen. Selbst der Autor verzichtet darauf, auch, „weil sich ja sonst die Mühe nicht gelohnt hat, dass ich das alles aufschreibe“. Es ist auch nicht nötig, sie zu kennen, da allein schon die verblüffend kontrastreich aneinandergereihten szenischen Splitter ein schillernd kaleidoskopisches Bild erzeugen.

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Lebendig wird es durch bizarre, oft berlinernde Dialoge mit ungeahntem philosophischen Gehalt: „Ich bin nicht mehr derselbe, war ich vielleicht auch noch nie“. Bei aller Überzeichnung und absurder Komik scheint durch, dass Regener das Milieu derer, die damals nach einem Weg suchten ihre Vorstellungen von Individualität und Kreativität zu leben, mit viel Empathie gezeichnet hat. Bei all diesen bunten Vögeln schimmert immer wieder ein Hauch der Spießigkeit durch, den sie doch eigentlich ablehnen. Und so mischt sich auch ein bisschen Rührung unter das Zucken der Lachmuskeln. Das Publikum quittiert diesen tollen Abend mit sehr lang anhaltendem Applaus und lässt Regner, der seinen Ruf als Kultautor untermalt hat, erst nach einer Zugabe an den Signiertisch ziehen.

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