Von Leidenschaft, Intimität und Alltagsbeobachtung

Von Anke Emmerling – Zsuzsa Bánk liest in Wittlich aus ihrem kunstvollen Briefroman „Schlafen werden wir später“

Die Lesung von Zsuzsa Bank zog besonders viele weibliche Besucher an. Foto: Harald Tittel / Eifel-Literatur-Festival.
Die Lesung von Zsuzsa Bank zog besonders viele weibliche Besucher an. Foto: Harald Tittel / Eifel-Literatur-Festival.

Wittlich – Einen Abend der sensiblen und poetischen Töne erlebten 500 Besucherinnen und Besucher des Eifel-Literatur-Festivals jetzt beim Auftritt der vielfach preisgekrönten Schriftstellerin Zsuzsa Bánk in Wittlich. In der Aula des Cusanus-Gymnasiums las sie aus ihrem aktuellen Roman „Schlafen werden wir später“. Das Buch ist ein Briefwechsel zweier Frauen in den Vierzigern, die ihre sehr unterschiedlichen Lebensentwürfe reflektieren.

Auffallend viele weibliche Besucher sind zur 11. Veranstaltung des aktuellen 13. Eifel-Literatur-Festivals nach Wittlich gekommen. Denn an diesem Abend mit der ungarisch stämmigen Autorin ZsuZsa Bánk geht es um zwei Frauenschicksale, Erfahrungen, in denen sich besonders Frauen wiederfinden können, sowie um eine Form von Kommunikation, wie sie vor allem von Frauen gepflegt wurde und wird.

Die Lektüre „Schlafen werden wir später“ ist angelehnt an die Kultur des empfindsamen Briefromans, wie sie im 18. Jahrhundert beispielsweise durch Sophie von La Roche zur Blüte gebracht wurde. Zsuzsa Bánk schickt zwei Protagonistinnen in einen drei Jahre währenden, intimen Mail-Austausch, in dem sie banales Alltagsgeschehen genauso intensiv reflektieren wie große Lebensthemen und ihr Verhältnis zur Literatur. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein: Márta ist Schriftstellerin und lebt mit Ehemann und drei Kindern in der Großstadt Frankfurt. Johanna ist Lehrerin, kinderlos, von ihrem Partner verlassen und wohnt auf dem Land im Schwarzwald.

Sie teilen jedoch gemeinsame Kindheitserfahrungen und das Lebensalter Anfang Vierzig. Und für beide steht die Frage im Raum, wie es nun, da schon so viele Weichen gestellt sind, in ihren Leben eigentlich noch weitergehen kann. In den Passagen, die die Autorin vorliest, steht vor allem die Bewältigung eines Alltags im Vordergrund, der wenig Raum für positive Erwartungen lässt. Márta, die schreiben muss, damit die materielle Situation ihrer Familie nicht noch prekärer wird und schreiben will, weil es ihr ein inneres Bedürfnis ist, kämpft gegen den Verlust von Lebensenergie: „Meine Kinder saugen mich aus“.

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Johanna, die neben ihrem Beruf an einer Dissertation über Annette von Droste Hülshoff arbeitet, kämpft gegen den Schmerz des Verlassenseins und die Angst, dass später nichts von ihr bleiben wird. ZsuZsa Bánk kleidet die Befindlichkeiten der beiden Frauen in überaus poetische, empfindsame Formulierungen, lässt die beiden Lyrik von Droste Hülshoff und andere Werke der Weltliteratur zitieren, nutzt Metaphern und Naturbilder, um Seelenleben sichtbar zu machen.

Im anschließenden Gespräch mit Festivalleiter Dr. Josef Zierden beschreibt die Autorin, wie schwer es war, für ihre Protagonistinnen einen jeweils individuellen Ton zu finden, der noch dazu von ihrem eigenen abweicht. Auch erklärt sie, die beiden Charaktere bewusst gegensätzlich gestaltet und mit Ambivalenzen ausgestattet zu haben: „Ich mag janusköpfige Sachen“, sagt sie. Besonders interessant sind Einblicke, welche persönlichen Erfahrungen der Autorin ins Werk eingeflossen sind. Wie ihre Protagonistin Márta findet auch Zsuzsa Bank, dass weder Familienleben noch soziales Leben mit Schreiben vereinbar ist: „Schreiben hat etwas Autistisches“.

Wie Márta hat sie eine Hassliebe zur Großstadt Frankfurt, kann sich ihr aber nicht entziehen, um den Traum vom Landleben zu verwirklichen. Schließlich erfahren die Zuhörerinnen und Zuhörer noch, dass „Schlafen werden wir später“ von Barbara Honigmanns „Alles, alles Liebe“ inspiriert ist und sich die Autorin mit dem Aufbruch ins Genre Briefroman einen lang gehegten Wunsch erfüllt hat. Besonders ihre weiblichen Gäste lässt Zsuzsa Bank fasziniert zurück.

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