Digitale Zauberlehrlinge drehten Balladen-Videos

Deutschunterricht mit Tablet: Am Städtischen Johannes-Sturmius-Gymnasium setzt man auf moderne Technik als Lernmotivation – Stadt Schleiden treibt die Digitalisierung der Schulen mit großen Schritten voran –  Hier geht es direkt zu Videobeitrag

Hier wird eine Szene aus Goethes „Zauberlehrling“ in Szene gesetzt. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Hier wird eine Szene aus Goethes „Zauberlehrling“ in Szene gesetzt. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Schleiden – „Der Knabe im Moor“, „Der Erlkönig“, „Der Zauberlehrling“ oder „John Maynard“, das sind Balladen, die selbst ältere Generationen noch aus der Schule kennen. Damals hieß es meist nur „Auswendig lernen, bis es sitzt!“ Und die Note richtete sich nach der Anzahl der Hilfestellungen durch den Lehrer, die nötig wurden, wenn es nicht mehr weiterging im Text und danach, ob man die Verse wie eine Zeitungsnachricht oder eben wie ein Gedicht vorgetragen hatte. Heute steht weit mehr die Arbeit mit dem Text im Vordergrund, und das auswendige Hersagen der Texte, vor allem vor Publikum, ist eher seltener geworden.

Für die Videoarbeit werden die Tablets von Lehrerin Judith Hülshorst ausgegeben und der Empfang vermerkt. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Für die Videoarbeit werden die Tablets von Lehrerin Judith Hülshorst ausgegeben und der Empfang vermerkt. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Einen ganz neuen Versuch, sich Herrn von Ribbeck, Paddy Fingal oder Nis Randers anzunähern, unternahm jetzt die siebte Klasse am Städtischen Johannes-Sturmius-Gymnasium (JSG) in Schleiden. Da der Schulträger im vergangenen und im laufenden Jahr erhebliche Investitionen in den Ausbau der digitalen Infrastruktur der Schule getätigt hat, beschloss Deutschlehrerin Judith Hülshorst Ernst mit der digitalen Bildung zu machen. Ihre Idee war es, aus den klassischen Balladen mit Hilfe von Tablets und entsprechender Software Videoproduktionen anzufertigen und diese dann quasi als Kinoabend den Eltern und Familienangehörigen zu präsentieren.

Ganz neu einsteigen in die digitale Technik musste die Schule dabei allerdings nicht, da, wie Schulleiter Georg Jöbkes berichtete, es auch in der Vergangenheit bereits eine weit überdurchschnittliche technische Ausstattung an der Schule gab, wie beispielsweise den Info-Raum, das Selbstlernzentrum, die Laptop-Klassensätze, interaktive Whiteboards und eine große Zahl an Dokumentenkameras, eine Ausstattung, die aber nun durch den Start in den Tablet-Klassenunterricht eine weitere Steigerung erfahren habe.

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Auch ein Tablet erspart das Lesen nicht: Bevor Schillers „Handschuh“ verfilmt werden kann, muss man den Text erst einmal gelesen und verstanden haben. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Auch ein Tablet erspart das Lesen nicht: Bevor Schillers „Handschuh“ verfilmt werden kann, muss man den Text erst einmal gelesen und verstanden haben. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

„Parallel zur Arbeit mit den Tablets hatten die Schüler die Aufgabe, ein Portfolio anzulegen, in dem die Arbeitsabläufe der Videoproduktion protokolliert werden mussten“, so Hülshorst. Der klare Anspruch sei von vornherein gewesen, während des Elternabends wirklich gute Produktionen abzuliefern, die primär aus der Arbeit am Text resultieren sollten, der dann erst die technische Umsetzung zu folgen hatte.

„Die Motivation war riesig“, freute sich Hülshorst. Am Anfang sei zwar eine gewisse Scheu vorhanden gewesen, aber die jungen Leute hätten sich sehr rasch in die Arbeit gestürzt und sich beispielsweise eigenständig die passenden Schnittprogramme besorgt, so dass hier ein weiterer Lerneffekt durch „learning by doing“ entstanden und die Selbständigkeit der Schüler gefördert worden sei. „Die Kinder wurden ruckzuck zu Experten, die sich dann gegenseitig etwas beibringen konnten, da musste ich aufpassen, hinterherzukommen“, so die Lehrerin. Die Klasse sei durch das Projekt sehr stark zusammengeschweißt worden: „Und, das Wichtigste: Die Kinder kommen jetzt in die Klasse und haben wieder Lust auf Deutschunterricht.“

Per eigenem Tablet kann Lehrerin Judith Hülshorst die Arbeitsaufgaben oder bereits bearbeiteten Videos an die entsprechenden Arbeitsgruppen versenden. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Per eigenem Tablet kann Lehrerin Judith Hülshorst die Arbeitsaufgaben oder bereits bearbeiteten Videos an die entsprechenden Arbeitsgruppen versenden. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Auch für die Eltern sei es spannend gewesen, zu sehen, was ihre Kinder alles zu leisten imstande seien. Hülshorst: „Viele der jungen Leute sind über sich selbst hinausgewachsen. Und auch wenn nicht alles perfekt gewesen ist, so hat doch die Tatsache, dass Kinder der siebten Klasse diese Produktionen erstellt haben, kleine filmtechnische Mankos mehr als relativiert.“ Dem Nachwuchs wurde einiges abverlangt: Er schlüpfte in schräge Kostüme, war mal Schauspieler, mal Regisseur, mal Kameramann bzw. –frau, mal Storyboard-Schreiber, Cutter oder einfach nur für die „special effects“ zuständig.

Durch den digitalen Unterricht, so die Deutschlehrerin, würden Kompetenzen gefördert, die man so vorher nicht habe fördern können. Doch auch auf Lehrerseite müsse man den Unterricht ganz neu denken und Hemmungen abbauen. Das sei auch mit Fort- und Weiterbildung verbunden und erfordere Offenheit vom Lehrer. „So habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn ich am Tablet nicht mehr weiter wusste, mir die Kinder helfen konnten. Das verband uns auf ganz neue Weise.“

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Diese vier Schüler waren für Goethes „Zauberlehrling“ zuständig und hatten sich dazu einiges einfallen lassen. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
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Der stellvertretende Schulleiter Stefan Marenbach: „Gemeinsam mit der Stadt Schleiden treiben wir die Digitalisierung an unserer Schule mit großen Schritten voran.“ Das beginne bei der Klassenraumausstattung: In jedem Unterrichtsraum gebe es ein Laptop mit Internetanschluss sowie eine Dokumentenkamera, mit der Vorlagen über einen Beamer an die Wand geworfen werden könnten. „Das hat für die Praxis große Vorteile, weil ein Lehrer nicht groß überlegen muss, in welchem Klassenraum er heute unterrichtet, sondern er kann immer auf diesen Grundstock multimedialer Ausstattung zurückgreifen“, so Marenbach.

Neben den 80 Laptops und Computern könne man seit diesem Schuljahr auch auf 64 Tablets, die in einem eigenen fahrbaren Transportkoffer aufbewahrt würden, zurückgreifen. Auch diese könnten in allen Unterrichtsräumen in Betrieb genommen werden, da alle Räume über W-LAN verfügten.

Die multimedialen Bildungsinhalte schössen derzeit wie Pilze aus dem Boden und erleichterten das Lernen im Unterricht, betonte der stellvertretende Schulleiter. Fakt sei darüber hinaus, dass von der digitalen Technik ein hoher Motivationseffekt für die Schülerinnen und Schüler ausgehe. „Es ist faszinierend, den jungen Leuten zuzuschauen, wie versiert sie mit den Geräten umgehen“, freute sich der Technikexperte am JSG.

„An dieser Schule wird die digitale Welt gelebt“, bestätigte auch der Schleidener Bürgermeister Udo Meister und berichtete, dass das JSG in einem nächsten Schritt an das Glasfasernetz angeschlossen werde. „Die Digitalisierung des Gymnasiums wird auch weiterhin intensiv fortgeführt und Lehrer und Lehrerinnen in den Stand versetzt, ihren Unterricht hinsichtlich der Arbeit mit digitalen Medien neu zu organisieren“, versprach Meister. Dazu sei man gerade in der Beschaffung von 40 zusätzlichen Lehrer-Tablets zur optimalen Unterrichtsvorbereitung.

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