Warum 1892 fast ganz Malsbenden abbrannte

Umschlagfoto Jahresheft 2020: Anno 2008, die letzten Tage der Glasproduktion in der Glashütte Oberhausen: Mit Hitzeschutzkleidung überwachten mehrere Arbeiter den Abfluss des flüssigen Glases aus dem Hochofen. Foto: F.A. Heinen
Umschlagfoto Jahresheft 2020: Anno 2008, die letzten Tage der Glasproduktion in der Glashütte Oberhausen: Mit Hitzeschutzkleidung überwachten mehrere Arbeiter den Abfluss des flüssigen Glases aus dem Hochofen. Foto: F.A. Heinen

Jahresheft des Geschichtsforums Schleiden: Mit 300 Seiten noch nie so umfangreich wie in diesem Jahr – Industriegeschichte näher beleuchtet – Schülerwettbewerb ausgelobt

Schleiden – Variatio delectat – die Abwechslung erfreut. Dieser eigentlich als Ratschlag für römische Redner gedachten Empfehlung aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert folgt auch der jetzt vorliegende, inzwischen bereits fünfte Band der Jahreshefte des Geschichtsforums Schleiden. Das Buch wartet mit gleich drei Neuheiten auf. Zum einen ist es mit seinen über 300 Seiten Umfang das dickste der bisher erschienen Hefte der Reihe.

Zum Zweiten wird im Jahresheft 2020 erstmals der Industriegeschichte eine größere Bedeutung beigemessen. Das zeigt schon das Titelbild, das F.A. Heinen 2008 am letzten Produktionstag in der Glashütte in Wiesgen aufnahm. Heinen geht in „100 Jahre chemische Industrie“ dem Ursprung dieses bedeutenden Industriestandorts nach.

Auf dem Parkplatz der Glashütte standen in den 1960er Jahren die Lastwagen der Spediteure. Bild: Sammlung des früheren Betriebsrats
Auf dem Parkplatz der Glashütte standen in den 1960er Jahren die Lastwagen der Spediteure. Bild: Sammlung des früheren Betriebsrats

Drittens hat das Geschichtsforum Schleiden in diesem Jahr erstmals einen Schülerwettbewerb ausgelobt. Nachdem in den vergangenen Jahren Facharbeiten von Oberstufenschülern im Jahresheft abgedruckt wurden, stammen die diesjährigen Schülerarbeiten aus diesem Wettbewerb. Von den eingereichten, durchweg anspruchsvollen Aufsätzen wurden die drei mit der höchsten Punktzahl abgedruckt. Einen Schülerwettbewerb wird es auch im kommenden Jahr geben.

Das Thema Industriegeschichte nähere unter die Lupe zu nehmen, schien sinnvoll, weil der Nordeifelraum ein Schwerpunkt industrieller Tätigkeit war. Die Arbeiten über die Glashütte und über Dampfmaschinen im Schleidener Raum von Manfred Achenbach greifen diesen Themenkomplex auf. Auch die, wenn auch weitgehend vergebliche Suche nach Kupfer auf den Höhen rund um Schleiden gehört in dieses Sachgebiet. Norbert Toporowsky ist dem spannenden, selbst von Fachleuten nicht aufgegriffenen Thema nachgegangen. Mit den Pulvermühlen in Malsbenden und Olef hat sich der Olefer Alfred Käßbach beschäftigt. Durch sie wurde nach dem Abzug der Eisen- und Bleiindustrie um 1860 die wirtschaftliche Notlage in Schleidener Tal ein wenig gemildert.

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Arbeiter kurz vor der Werksschließung während einer Pause im Aufenthaltsraum. Foto: F.A. Heinen
Arbeiter kurz vor der Werksschließung während einer Pause im Aufenthaltsraum. Foto: F.A. Heinen

Spannend liest sich der von dem verstorbenen Gemünder Willi Kruff aufgeschriebene Augenzeugenbericht seiner Großeltern von der Katastrophe 1892, als fast ganz Malsbenden abbrannte. Den Aufsatz aus dem Nachlass von Willi Kruff stellte dessen Sohn Albert dem Geschichtsforum zur Verfügung. Darin wird auch aufgeklärt, wieso der Brand ausbrach.

Auch die Geschichte herausragender Persönlichkeiten findet ihren Niederschlag in dem neuen Jahresheft. Klaus Stüber steuerte eine Dokumentation über den Gemünder Geschichtsforscher Wilhelm Günther bei. Prof. Dr. Wolfram Wette und Karl-J. Lüttgens beleuchteten das Leben und Sterben der Pfarrer Leo Bauer und Wilhelm Herrmann aus Hellenthal, die sich der Vereinnahmung der Religion durch das NS-Regime widersetzten.

Neubau der Küferei Käßbach um 1910 mit dem Arbeiterstab, v.l. Wilhelm Dautzenberg, Hermann Hilger, Jean Käßbach (Sohn des Betriebsinhabers), Karl Goretzky, Johann Hilger, Johann Klinkhammer und Peter Mauel. Foto: Sammlung A. Käßbach
Neubau der Küferei Käßbach um 1910 mit dem Arbeiterstab, v.l. Wilhelm Dautzenberg, Hermann Hilger, Jean Käßbach (Sohn des Betriebsinhabers), Karl Goretzky, Johann Hilger, Johann Klinkhammer und Peter Mauel. Foto: Sammlung A. Käßbach

Auch die Kirchengeschichte kommt nicht zu kurz. Manfred Konrads hat „Die kirchlichen Verhältnisse in Wollseifen im Jahre 1721“ dokumentiert. Die Kirchenhistorie spielt auch in der Darstellung der Harperscheider Geschichte eine zentrale Rolle, die der 1969 verstorbene Karl Collas verfasste.

Die Landwirtschaft darf in einer Eifeler Geschichtsdokumentation nicht fehlen: Die Geschichte der Wasser- und Stierwiesengenossenschaft Nierfeld von Wilfried Hermanns gehört in diese Kategorie. Auch die bei der Leserschaft sehr beliebten Kurzbeiträge, Anekdoten und Dorfgeschichten von Alfred Wolter aus Dreiborn sind aus den Jahresheften des Geschichtsforums Schleiden nicht mehr wegzudenken.

Der Betriebsratsvorsitzende Heinz Keupgen betrachtete 2008 auf dem Vorfeld der Glashütte die letzte vom Fließband gelaufene Weinflasche. Foto: F.A. Heinen
Der Betriebsratsvorsitzende Heinz Keupgen betrachtete 2008 auf dem Vorfeld der Glashütte die letzte vom Fließband gelaufene Weinflasche. Foto: F.A. Heinen

Für Abwechslung ist also auch in diesem Heft hinreichend gesorgt. Es ist einerseits eine anregende Lektüre, kann aber auch für den ein oder anderen Anreiz sein, selbst im Geschichtsforum aktiv zu werden.

Das Jahresheft 2020 ist eine lesenswerte und kurzweilige Lektüre, nicht nur für Leser aus dem Schleidener Stadtgebiet. Das Heft mit über 300 Seiten und über 120 Abbildungen in schwarz-weiß kostet 6 Euro.

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Es kann gekauft werden in der Sleidanus Apotheke in Schleiden, in den Buchhandlungen Pavlik in Kall und Wachtel in Gemünd. Auf der Internetseite des Geschichtsforums kann das Heft auch online bestellt werden. (eB)

www.gf-sle.de

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