„Hinter dieser Waffel ist ein Mensch“

Wenn durch belastende Situationen bei der Arbeit eine psychische Erkrankung zu Tage tritt, wird oft auch gesellschaftlich abgehängt – Der Fachdienst NEW JOB bietet Unterstützung, Weiterbildung und Vermittlung in Praktika und Arbeitsplätze durch wertschätzende individuelle Förderung

Spaß und Kreativität in der Schreibwerkstatt von NEW JOB haben Willi (v.l.), Denise, Journalist Tameer Eden, Sylvia, Arpana, Job-Coach Thorsten Baur und Jasmin. Foto: Holger Klee
Spaß und Kreativität in der Schreibwerkstatt von NEW JOB haben Willi (v.l.), Denise, Journalist Tameer Eden, Sylvia, Arpana, Job-Coach Thorsten Baur und Jasmin. Foto: Holger Klee

Euskirchen – Kommen zu Überforderung im Beruf persönliche Probleme hinzu, eventuell noch verstärkt durch Mobbing, leidet der Mensch – manchmal so sehr, dass er davon krank wird. Damit können körperliche Symptome einhergehen, aber auch psychische Verhaltensweisen, die anderen als auffällig erscheinen. Kommt dann Unverständnis der Mitmenschen hinzu, hören die Betroffenen schnell Sprüche wie „Du hast doch einen an der Waffel!“. – „Aber hinter dieser Waffel ist ein Mensch!“, weiß Jasmin, die sich ihren Platz auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zurück erkämpfen möchte, und dabei die Unterstützung von NEW JOB nutzt.

Als Mensch mit Stärken und Schwächen gesehen statt als „behindert“ abgestempelt zu werden, ist ihr selbstverständlich wichtig – und genau das findet sie beim Fachdienst NEW JOB, deren Überbau die Nordeifelwerkstätten (NEW) sind. Die NEW-Unternehmensgruppe ist Dienstleister rund um die Belange von Menschen mit verschiedensten Behinderungen, vier Werkstattstandorten und weiteren Beschäftigungsmöglichkeiten im gesamten Kreis Euskirchen. Job-Coach Thorsten Baur betonte, dass es in seiner Arbeit bei NEW JOB um eine sehr individuelle Förderung geht, bei dem nicht die betreute Person „arbeitsmarktgerecht“ gemacht wird, sondern nach genau der Arbeitsmöglichkeit gesucht wird, die zu dem Menschen passt. Parallel gibt es verschiedene Maßnahmen zur Persönlichkeitsentwicklung, unter anderem auch eine Schreibwerkstatt für journalistisches und kreatives Schreiben, die Baur seit zwei Jahren zusammen mit dem Journalisten Tameer Eden anbietet.

Beim jüngsten Treffen der kreativen Runde sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch verschiedene Anreize Geschichten entwickeln, etwa aus selbst gestellten Szenen mit Spielfiguren oder anhand von originalen Pressebildern. Eden: „Ich bin begeistert, wie schnell die Gruppe mittlerweile interessante Storys entwickeln kann. In den Anfängen der Schreibwerkstatt war noch manchmal etwas Überredungskunst nötig, damit jemand aus der Runde seine Ergebnisse vortrug – jetzt präsentieren alle zu Recht stolz und ohne Zögern ihre selbst geschriebenen Geschichten.“

Folgender Artikel könnte Sie auch interessieren:
Nordeifelwerkstätten übernehmen gleich zwei Bundeswehrkantinen

Denise verfasst in ihrer Freizeit eine Fantasy-Geschichte und berichtete, wie sehr ihr die Schreibwerkstatt dabei geholfen habe: „Etwa bei dem sinnvollen Einbau von wörtlicher Rede. Auch in unseren Interviews fühle ich mich durch die vielen Tipps jetzt sehr wohl.“ Denn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen erarbeiten Material für ein Magazin der NEW, in dem sie sich gegenseitig, aber auch andere Beschäftigte und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der NEW vorstellen. Arpana sagte, dass sie sich durch die Anregungen besser ausdrücken könne. Willi bekommt Anregungen für seine Geschichten, die er schreibt – mehrere davon sind gedruckt erschienen, etwa in der Anthologie „Eine Portion Leben, süß-sauer“. Sylvia, die in ihrem Arbeitsleben in einer Bücherei arbeitet, hat durch die Workshops weitere Hilfsmittel zum kreativen Schreiben an die Hand bekommen. Und Jasmin hat wieder zu ihrem Hobby Schreiben zurückgefunden.

Einig sind sich alle darin, dass sie ohne die Unterstützung durch NEW JOB nicht an dem Punkt wären, an dem sie heute stehen. Dazu gehöre nicht nur der persönliche Zuspruch oder die Vermittlung von passenden Praktikums- und Arbeitsplätzen. Denise: „Ich habe hier mehr Selbstbewusstsein entwickelt und kann jetzt besser Grenzen setzen.“ Sylvia berichtete von ermüdendem und wenig hilfreichem Bewerbungstraining aus der Zeit, ehe sie in die „NEW-Welt“ eintrat: „Da habe ich an drei Praktikumsstellen nur Misserfolge erlebt und musste dann ständig üben, Bewerbungen zu schreiben.“ Als sie dann die hilfreichen Hände der NEW JOB ergriffen habe, fand das Team genau den richtigen Außenarbeitsplatz für sie – an dem Sylvia seit mittlerweile fünf Jahren erfolgreich mit viel Freude und Motivation tätig ist: „Ohne diese Unterstützung wäre das sehr schwer geworden.“

Folgender Artikel könnte Sie auch interessieren:
Euskirchener Karnevalisten verschieben bevorstehende Session um ein Jahr

Willi arbeitet in der Küche eines Cafés und hätte nur einen einzigen Verbesserungswunsch an NEW JOB, deren Job-Coaches die Menschen an den Außenarbeitsplätzen betreuen und regelmäßig besuchen: „Es wäre toll, wenn sich die Beschäftigten öfter zum Austausch treffen würden.“ Dem stimmten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu: Die Gemeinschaft und Arbeit in Gruppen wie bei der Schreibwerkstatt bringe nicht nur Spaß, die Wertschätzung, die sie dabei erfahren, helfe auch in vielen anderen Bereichen. Seit 2012 wurden mehr als 30 Fortbildungen von NEW JOB für die Beschäftigten umgesetzt. Das vielseitige Angebot reichte von „gesunder Ernährung“, über „Umgang mit Stress“ bis zu arbeitsplatzbezogenen Seminaren wie „Umgang mit demenziell veränderten Senioren und Seniorinnen“.

Eifeler Presse Agentur/epa

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

12 + 20 =