„Gefahrenabwehr ist das Verhindern von Erkrankungen“

Die Eifeler Presse Agentur sprach mit dem Chefarzt der Abteilung Rehabilitation am St. Joseph-Krankenhaus in Sankt-Vith, dem Sistiger Karl Vermöhlen, der in Belgien eine Covid-19-Station leitet, über die aktuellen Entwicklungen bezüglich der Pandemie im Kreis Euskirchen – Krankenhäuser im Kreis kamen nie an die Grenzen – Kosten der Anmietung der Eifelhöhen-Klinik als Notreserve durch den Kreis Euskirchen wurden bislang nicht veröffentlicht

Als Chefarzt der fachübergreifenden Rehabilitation in der Klinik St. Joseph im belgischen St. Vith hat Karl Vermöhlen ab Mitte März die neu geschaffene COVID-Abteilung übernommen. Foto: Schott-Fotografie.de
Als Chefarzt der fachübergreifenden Rehabilitation in der Klinik St. Joseph im belgischen St. Vith hat Karl Vermöhlen ab Mitte März die neu geschaffene COVID-Abteilung übernommen. Foto: Schott-Fotografie.de

EPA: Herr Vermöhlen, wie einsam fühlen Sie sich derzeit?

Karl Vermöhlen: (lacht) Sie spielen auf unser letztes Interview von Mitte Mai an, das Sie überschrieben hatten: „Man fühlt sich als jemand, der kritisch nachfragt, oft recht einsam.“ Tja, im Zusammenhang mit der Anmietung der Eifelhöhen-Klinik durch den Kreis Euskirchen, könnte man sagen: Prophetische Worte.

EPA: Aber was haben Sie denn gegen Gefahrenabwehr im Zusammenhang mit einer potenziellen zweiten Welle bei Covid-19?

Karl Vermöhlen: Gar nichts, im Gegenteil: Ich bin ein großer Befürworter einer Gefahrenabwehr.

EPA: Aber Sie haben sich doch öffentlich immer wieder vehement gegen eine Anmietung der Eifelhöhenklinik ausgesprochen.

Karl Vermöhlen: Weil man unter Gefahrenabwehr bei einer Pandemie etwas ganz anderes verstehen muss als bei einem plötzlichen Massenanfall von Verletzten. Solange wir kein Medikament gegen SARS-CoV-2-Virus haben, ist Gefahrenabwehr das Verhindern von Erkrankungen. Dies gelingt aktuell nur über Schutztestungen in Bereichen, die wir in den vergangenen Wochen als besonders gefährdet erkennen mussten: Seniorenheime, Einrichtungen der Behindertenhilfe, Massenunterkünfte wie Zentrale Unterkünfte für Flüchtlinge. Sobald die Infektionstätigkeit wieder zunehmen sollte, müssen dort Testungen bei Bewohnern und Personal starten. Das ist übrigens das, was ich seit Wochen fordere. Gesundheitsminister Spahn sagt es schon lange, und auch das MAGS in NRW ist auf diese Linie eingeschwenkt.

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EPA: Passiert das im Kreis Euskirchen denn nicht?

Karl Vermöhlen: Nein, bisher nicht – auch wegen Personalengpässen und bis dahin nicht geklärter Kostenübernahme. Letzteres ist nun aber klar geregelt. In Einrichtungen der Pflege können Tests im Rahmen der Kontaktpersonennachverfolgung ab dem ersten Verdachtsfall von den Gesundheitsämtern angeordnet werden. Die Durchführung von Reihentests in diesen Einrichtungen ist nach Ermessen der Gesundheitsämter möglich. In Wohnformen für Menschen mit Behinderung sind ab dem ersten Verdachtsfall regelhafte Testungen ab dem ersten Verdachtsfall alle drei bis vier Tage auf Veranlassung des Gesundheitsamtes vorgesehen. Das ist jetzt offizielle Linie des MAGS in NRW. Und das wird dann wohl auch im Kreis Euskirchen so passieren.

EPA: Dann würde man bisher unerkannte Fälle, die andere anstecken, früher entdecken?

Karl Vermöhlen: Das ist der Plan, der dahintersteckt. DAS ist Gefahrenabwehr bei einer Krankheit, für die es noch kein Medikament gibt. So ist es übrigens in Österreich schon seit vielen Wochen. Und wir haben erlebt, dass die Österreicher noch erfolgreicher bei der Pandemiebekämpfung waren als wir in Deutschland.

EPA: Apropos Medikamente, da werden doch auch neue Therapien vorgeschlagen?

Karl Vermöhlen: Ja. Die Medizin hat ja in dieser Pandemie sehr schnell neues Wissen gewonnen. Deshalb ist das auch kein Zeichen einer Wissenschaftsschwäche, wenn sich Empfehlungen ändern. Das ist Wissenschaft: Forschen und Analysieren von Daten, das neues Wissen schafft! Wir wissen, dass die Trump-Empfehlung des Malariamittels Chloroquin nicht nur wirkungslos, sondern wegen tödlicher Nebenwirkungen sogar schädlich ist. Dafür haben wir neue Erkenntnisse, dass Prednisolon oder das Virusmedikament Remdesivir Verläufe positiv beeinflussen können. Das ist besonders wichtig für hochbetagte Patienten, bei denen eine Beatmung fast nie zu einem glücklichen Ausgang geführt hat. Deshalb: Schutz vor dem Virus ist die einzige Gefahrenabwehr, die wirksam ist!

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EPA: Zurück zur Anmietung der Eifelhöhen-Klinik. Das klingt doch vernünftig, als letztes Mittel der Gefahrenabwehr eine leerstehende Einrichtung zu benutzen?

Karl Vermöhlen: Nein, es ist weder vernünftig noch erforderlich. Zu Erklärung Folgendes: Ein Katastrophengeschehen von so einem gigantischen Ausmaß, wie es der Kreis skizziert, kommt bei einer Infektion nicht über Nacht. Sondern diese Welle muss sich aufbauen. Einer Ansteckung folgt eine Inkubationszeit – bei Covid-19 etwa fünf Tage. Erst dann kann ein Infizierter neue Personen anstecken – und so weiter. Bei einem R-Wert unter 1 steckt aber noch nicht einmal jeder Infizierter einen anderen an. Und wie wir den R-Wert absenken, das haben wir ja nun in den vergangenen Monaten gelernt. Und auch die Corona-App hilft bei der Nachverfolgung, dass diese lokalen Ausbrüche eng begrenzt bleiben. Da bleiben den drei sehr leistungsfähigen Krankenhäusern im Kreis Euskirchen ausreichend Zeit, sich auf entsprechende Fälle vorzubereiten – zumal sie auf die Organisationserfahrungen vom Frühjahr 2020 zurückgreifen können.

EPA: Waren denn die Krankenhäuser während der ersten Welle am Limit?

Karl Vermöhlen: Nein, sie waren dank der getroffenen Maßnahmen weit davon entfernt! Die Gesamtauslastung der Kliniken lag teilweise bei 50 Prozent, es gab teilweise sogar Kurzarbeit. Da wäre also reichlich Platz für die Personengruppe, die der Kreis für Marmagen vorgesehen hat. Es soll „eine Entlastung der Kliniken für diejenigen Patientinnen und Patienten darstellen, die einerseits nicht (mehr) krankenhausbehandlungsbedürftig sind, andererseits aber weder zu Hause noch in regulären Pflegeeinrichtungen versorgt werden können“. Ich bin ein phantasiebegabter Mensch, aber ich kann mir nicht vorstellen, wer das sein soll! Und wer aus einem Krankenhaus lieber in einen Behelf gehen soll, ohne reguläres Pflegepersonal, statt nach Hause oder zurück ins Pflegeheim zu gehen.

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EPA: Wie hoch war denn die Belastung der Krankenhäuser während der ersten Welle?

Karl Vermöhlen: Der Landrat hat eine Anfrage meiner Fraktion wie folgt beantwortet. Bis zum 18. Mai wurden in allen Krankenhäusern im Kreis Euskirchen insgesamt 63 Patienten behandelt. Aus meiner Erfahrung als verantwortlicher Arzt der Covid-Abteilung in St. Vith weiß ich, dass die meisten von diesen nach maximal fünf Tagen wieder entlassen werden konnten. Übrigens: allein unser kleines Haus behandelte in der Spitze mehr Patienten als Mechernich und Schleiden zusammen – und wir sind nie an Grenzen gekommen. Wenn man bedenkt, dass das Einzugsgebiet von St. Vith ca. 40.000 Einwohner umfasst, dann kann sich jeder ausmalen, wieviel präsenter das Virus in Ostbelgien gewesen ist. Und wir haben das sehr gut bewältigt, kamen nie in die Nähe von Belegungsgrenzen. Und durch die Distanzierungsmaßnahmen ebbte die Welle auch schnell ab. All das wissen wir ja nun.

EPA: Wir waren denn nun die Zahlen im Kreis Euskirchen konkret?

Karl Vermöhlen: Die Maximalbelegung in Mechernich/Schleiden betrug am 16. März 2020 17 Patienten und in Euskirchen elf Patienten.  Und das sollen Zahlen sein, die die Kliniken ans Limit bringen?  Zu den Beatmungen: Im Krankenhausverbund Schleiden/Mechernich wurden sechs Covid-Patienten beatmet, vier davon verstarben. In Euskirchen wurden drei beatmet, zwei verstarben und einer wurde am 18. Mai (i.e. Stand der Antwort durch Landrat) noch beatmet.

EPA: Aber dann müsste, um das Szenario Eifelhöhenklinik im Zusammenhang mit Covid notwendig werden zu lassen…

Karl Vermöhlen: … ja, es müsste ein Vielfaches der Zahlen aus dem Frühjahr 2020 anfallen! Und das ist bisher nirgendwo auf der Welt als zweite Welle so aufgeploppt. Man sieht ja in China, wie schnell man mit dem Wissen von heute eingrenzen kann. Wie übrigens die Hotspot-Ausbrüche in Coesfeld, Gütersloh, Bremerhaven, Göttingen. Ich hatte vorgeschlagen, den Bonner Virologen Prof. Dr. Hendrik Streeck aus der Uni Bonn bezüglich der Wahrscheinlichkeit des Marmagen-Szenarios zu befragen. Man lehnt das im Kreishaus und Kreistag ab! Warum man sich gegen Expertise wehrt….?

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EPA: Was würde denn so eine massive Infektionswelle – wenn es sie denn gäbe – für das Personal bedeuten?

Karl Vermöhlen: Genau das habe ich im Gesundheitsausschuss des Kreises gefragt. Wenn so viele Menschen im Kreis – und das zugleich – erkranken würde, dann wäre auch das Personal in Kliniken und Altenheimen betroffen. Die Reihentests würden sie ja jetzt sehr schnell identifizieren und dann müssten sie sich in Quarantäne begeben, fehlten also in den Einrichtungen. Sollte es „Freiwillige“ für Marmagen geben, müssten diese doch besser in Krankenhäusern und Altenheimen die Löcher stopfen. Für Marmagen bliebe bei einer derartigen Massenerkrankung im Kreis nicht ein einziger Pfleger oder eine Pflegerin, die ja auch nur angelernt oder reaktiviert sein könnten, übrig!

EPA: Das sind aber gar keine guten Aussichten!

Karl Vermöhlen: Augenblick! Selbst in so kritischen Ausbrüchen wie in der Lombardei oder dem Elsass gab es Regionen, die nicht stark betroffen waren. Und dort wurden die Menschen hingebracht. Kalabrien in Italien oder die Region Bordeaux in Frankreich waren kaum betroffen und konnten aushelfen. Und selbst wenn wir im Kreis Euskirchen einen derartigen Massenausbruch hätten – was man aber ausschließen kann –  würden andere Kliniken in der Region oder in Deutschland bereitstehen. Kein anderes Land in Europa hat solche Reserven wie Deutschland! Deshalb kamen ja auch Beatmungspatienten aus EU-Ländern zu uns.

EPA: Und die Kosten für Marmagen?

Karl Vermöhlen: Die sind natürlich berechnet worden. Aber im öffentlichen Teil der Sitzungen wurden sie nicht beziffert, deshalb kann und darf ich hierzu nichts sagen. Ich denke aber, dass die Bürgerinnen und Bürger ein Recht haben, dies vor dem Kreistagsbeschluss am kommenden Mittwoch zu erfahren. Denn es sind die Bürgerinnen und Bürger im Kreis, die die Zeche zahlen müssen.

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EPA: Ihr Fazit?

Karl Vermöhlen: Wenn der Keis Euskirchen meint, sich in Marmagen engagieren zu müssen, dann hätte er mal besser die Klinik bzw. die „Eifelhöhenklinik GmbH“ übernommen, als dort noch eine leistungsfähige Klinik und fähiges Personal vorhanden waren. Das wäre gut für die Patientinnen und Patienten aus der Region gewesen, die jetzt weiter weg zur Reha müssen, UND für die Arbeitsplätze. Jetzt ist die EHK nur noch eine Hülle mit Krankenbetten. Und es wird sehr, sehr teuer.

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