„Eigentlich müsste ich gar nicht arbeiten“

Denise Körber möchte trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nicht „mit der Couch verwachsen“ – Die ausgebildete Gärtnerin hat durch Vermittlung von NEW JOB einen passenden Berufsintegrierten Arbeitsplatz auf dem Biohof Bursch gefunden

Einen passenden Arbeitsplatz hat Denise Körber (v.l.) beim Biohof Bursch gefunden. In der Backstube arbeitet sie mit Veronica Prelipcean zusammen, gecoacht wird sie von Tanja Adolf, Leiterin NEW JOB. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Einen passenden Arbeitsplatz hat Denise Körber (v.l.) beim Biohof Bursch gefunden. In der Backstube arbeitet sie mit Veronica Prelipcean zusammen, gecoacht wird sie von Tanja Adolf, Leiterin NEW JOB. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Bornheim – „Eigentlich müsste ich gar nicht arbeiten, ich könnte auch von meiner Erwerbsminderungsrente leben“, sagt Denise Körber beim Interview im Café des Biohofs Bursch in Bornheim. Aber die ausgebildete Gärtnerin und Altenpflegehelferin will „nicht mit dem Sofa verwachsen“, sondern mit Menschen umgeben sein, eine Aufgabe haben, Verantwortung tragen und neue Dinge lernen. Doch wer aufgrund einer folgenreichen Erkrankung, eines schwerwiegenden Unfalls oder einer angeborenen Behinderung mit Einschränkungen umgehen muss, findet nicht immer so leicht eine passende Arbeitsstelle.

Genau da hakt ein Fachdienst der Nordeifelwerkstätten (NEW) ein, NEW JOB. Dessen Leiterin Tanja Adolf berichtete, dass viele Gespräche, Schulungen, eventuelle Fort- und Weiterbildungen und Praktika die ersten wichtigen Schritte auf dem Weg zurück oder erstmalig in den allgemeinen Arbeitsmarkt sind. Denn keinem nütze es, wenn der Sprung auf einen neuen Arbeitsplatz zur Bauchlandung wird: „Da muss vieles zusammenpassen. Inklusion ist in Europa seit zehn, zwölf Jahren eine umzusetzende Idee und gesetzliche Pflicht – aber diese Idee auch zu leben, ist eine andere Sache.“ Es gebe in vielen Betrieben durch zu wenig Vorerfahrungen oft Unsicherheiten, wie die Beschäftigung eines Menschen mit Einschränkungen in der Praxis aussieht.

Tanja Adolf: „Dabei können Betriebe, die ja alle wirtschaftlich arbeiten müssen, durchaus profitieren.“ Denn etwa die Berufsintegrierten Arbeitsplätze (BiAP) werden staatlich gefördert – was für den Arbeitgeber deutlich reduzierte Lohnkosten bedeutet. Wichtiger seien aber die Impulse und die oft sehr hohe Motivation, die Menschen mit Handicaps häufig im Arbeitsleben einbrächten. Zudem steht ein Job-Coach von NEW JOB in stetigem Kontakt mit Arbeitnehmer und Arbeitgeber und kann bei etwaigen Schwierigkeiten unterstützen. Tanja Adolf rät: „Einfach mal anfangen und ausprobieren, oft klären sich dann viele Fragen von selbst – und es ergeben sich häufig sehr positive Erfahrungen.“

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Schreckt nicht vor viel Arbeit zurück und freut sich, in einem netten Team zu arbeiten: Denise Körber bereitet den nächsten Obstkuchen vor. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Schreckt nicht vor viel Arbeit zurück und freut sich, in einem netten Team zu arbeiten: Denise Körber bereitet den nächsten Obstkuchen vor. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Denise Körber berichtete über ihr Bewerbungsgespräch beim Biohof Bursch, dass sie gefragt wurde, welche Aufgabe sie sich bei dem Unternehmen mit 50 Hektar Anbau von bis zu 100 verschiedenen Gemüsesorten in kontrollierter Demeter-Qualität, Café und Bistro, Hofladen und Bäckerei am wenigsten vorstellen könne und antwortete: „Die Backstube!“ Denn backen könne sie nicht. Doch genau da ist sie schließlich gelandet, steht jeden Morgen, auch wenn die frühe Uhrzeit manchmal hart sei, gerne auf, um motiviert Teig vorzubereiten, Obst für die Kuchen zu schneiden oder mittlerweile auch die beliebten „Cookies“ selbstständig herzustellen. „Ich bekomme von vielen gesagt, dass man mir ansieht, wie gut es mir mit dieser Arbeit geht“, so Körber.

Ihre hohe Einsatzbereitschaft bestätigt auch Konditormeisterin Christina Nathaus: „Sie fragt immer: »Was kann ich tun?« und schreckt auch nicht zurück, wenn wir 800 Kilo frische Erdbeeren so schnell wie möglich verarbeiten müssen.“ Besonders schätze sie an ihrer Kollegin, dass sie immer versuche, alle Aufgaben und Anleitungen umzusetzen: „Und das klappt eigentlich auch immer!“ Umgekehrt freut sich Denise Körber, dass die Konditormeisterin geduldig und freundlich reagiert, wenn sie öfter zu Arbeitsabläufen nachfragen müsse: „Wenn da jemand abwertend reagieren würde, wäre das sehr schwer für mich, denn dann würde ich mich nicht mehr trauen, nachzufragen.“

Sie empfiehlt anderen Menschen in einer ähnlichen Situation, sich eine passende Begleitung wie NEW JOB zu suchen, es einfach zu probieren und den Schritt ins Praktikum oder die Arbeitsstelle zu wagen: „Man weiß vorher nicht, ob man es kann, und manchmal kann es sehr anstrengend sein. Als ich meinen ersten Mürbeteig geknetet habe, war die Frage, wer gewinnt – der Teig oder ich. Und ich hatte noch acht weitere Portionen Teig vor mir.“ Aber mit Zeit und Übung gehe es immer besser. Bei ihrer Arbeit im Altenheim hatte sie vieles vergehen sehen, was oft sehr belastend war. Am Biohof Bursch hingegen sieht sie vieles entstehen und wachsen.

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„Ich kümmere mich auch um die Blumen im Außenbereich des Bistros und versorge die Tiere, die dort im Außengehege leben“, sagt Denise Körber mit strahlenden Augen. Wichtig für den erfolgreichen Einsatz im BiAP sei aber auch eine hohe Bereitschaft des Betriebes, sich einzulassen, wie Tanja Adolf betont. Genau das habe Irene van Geldern aus der Geschäftsleitung des Demeter-Hofs gemacht: „Wir haben schon vor zwölf Jahren, da noch in einem anderen Betrieb, bei Außenarbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet.“ Als dann die Anfrage für Denise Körber auf den Biohof Bursch zukam, musste van Geldern erst einmal sorgfältig recherchieren, was wo und wie möglich ist: „Ein Biohof – und wir haben bis zu 150 Mitarbeiter – ist viel stärker als der konventionelle Anbau von äußeren Faktoren wie etwa Wetter abhängig, da muss jedes Rädchen sauber ins nächste greifen. Dazu ist oft sehr selbständige Arbeit gefordert, damit alles funktioniert – auch in wirtschaftlicher Hinsicht.“ Das Team habe etwas basteln müssen, um eine passende Arbeitsstelle für Denise Körber zu schaffen: „Aber ich finde Inklusion sehr wichtig, denn die bereichert uns letztendlich alle.“

Es sei aber eh recht bunt auf dem Hof, Menschen mit verschiedenster Einstellung, Religion, Herkunft von Deutschland über Mexico, Rumänien oder Polen bis Bangladesch, jung und alt, arbeiteten dort Hand in Hand. Austausch und ein gemeinsames Engagieren sei Voraussetzung für einen Demeter-Hof. So wird im Hofladen etwa auch Käse aus dem Hof Bollheim verkauft, es gehe nicht um Konkurrenz, sondern um Gemeinsamkeiten auch bei Unterschiedlichkeit. Irene van Geldern: „Wenn aber jemand Neues ins Team kommt, ist das immer erst einmal schwierig, so komplex, wie alles hier ist. Die Kombination aus unserer Konditormeisterin – besonnen, empathisch und fachlich top – und Denise – zuverlässig und engagiert – passt sehr gut.“

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