Volle Auftragsbücher, aber kaum noch Bauholz zu haben

Dachdecker und andere Handwerker aus dem Kreis konferierten mit der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium Elisabeth Winkelmeier-Becker und dem Bundestagsabgeordneten Detlef Seif – Spekulativen Marktentwicklung treibt die aktuellen Holzpreise um das zweieinhalb bis dreieinhalbfache gegenüber dem Vorjahrespreis nach oben

Selbst die Dachlatten werden knapp. handwerker im Kreis Euskirchen beklagen Kostenexplosion beim Bauholz. Archivbild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Selbst die Dachlatten werden knapp. Handwerker im Kreis Euskirchen beklagen Kostenexplosion beim Bauholz. Archivbild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Kreis Euskirchen – Die Dachdecker-Innung Kreis Euskirchen hat in der aktuellen, teils dramatischen Situation, auf dem Baustoffsektor einen Runden Tisch „Holz“ mit regionalen Vertretern der privaten Waldbauern, dem Landesbetrieb Wald und Holz und dem Holzfach- und Baustoffhandel initiiert. Am 18. Mai trafen sich Vertreter des Dachdecker-, Zimmerer-, Tischler- und des Bauhandwerks, kommunale Waldbesitzer und weitere Akteure zu einem virtuellen Hintergrundgespräch mit der Parlamentarischen Staatssekretärin im BMWi, Elisabeth Winkelmeier-Becker, und dem Bundestagsabgeordneten Detlef Seif (CDU).

Die Handwerker haben die Engpässe auf dem Baustoffsektor, speziell beim Bauholz, dargelegt. Ein Betriebsinhaber mit 21 Mitarbeitenden habe beispielsweise nur noch bis zum 7. Juni Baumaterial zur Verfügung. Danach drohe, trotz voller Auftragsbücher, Kurzarbeit, wenn kein neues Material geliefert werde. „Der Baustoffhandel berichtete, dass die Belieferung durch Sägewerke und andere Zulieferer um bis zu zwei Drittel pro Woche zurückgegangen sind. Mehr und mehr Produzenten und Großhändler kontingentieren, bei maximaler Auslastung ihrer Werke, die Belieferung von Handwerkern, um Hamsterkäufe zu vermeiden“, teilt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Rureifel und der Dachdecker-Innung für den Kreis Euskirchen, Uwe Günther, mit.

Die unvorhergesehene Entwicklung habe mehrere Gründe: „Eine hohe regionale und internationale Nachfrage nach Bauleistungen. Grundsätzlich ist der Bedarf nach (bezahlbarem) Wohnraum sehr hoch. Die Niedrigzinspolitik der EZB und infolgedessen aller Banken und Sparkassen, hat zu einer hohen Investitionsbereitschaft im Bausektor geführt. In der Pandemie 2020/2021 werden im privaten und im öffentlichen Bereich Bau- und Ausbauprodukte nachgefragt. International ist eine Verknappung von Bauholz und anderen Holzprodukten festzustellen. Kanada und Russland haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Liefermengen reduziert bzw. ausfallen lassen“, so Günther.

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Die hohe Nachfrage führe, nach Meinung von Experten des Holz- und Baustoffhandels, zu einer spekulativen Marktentwicklung und treibt die aktuellen Holzpreise um das zweieinhalb bis dreieinhalbfache gegenüber dem Vorjahrespreis nach oben. Die explosive Preisentwicklung bedrohe die wirtschaftliche Stabilität von Unternehmen. Insbesondere die Handwerker, die für den öffentlichen Bausektor, Bauträger und Wohnungsbaugesellschaften arbeiteten, schlössen ihre Verträge längerfristig ab. Sie könnten auf die unvorhersehbare Marktentwicklung, speziell seit Januar/Februar 2021, kaum oder gar nicht reagieren.

Uwe Günther: „Von daher fordern die Handwerksbetriebe und ihre Verbände ein ordnungspolitisches Eingreifen des Gesetzgebers. Der unverschuldete Wegfall einer Geschäftsgrundlage ermöglicht auch rechtliche Maßnahmen. Das BMWi wird aufgefordert – ggf. ressortübergreifend – die möglichen und notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Eine »Stoffpreisgleitklausel« ermöglicht eine faire Kostenverteilung.“ Dazu brauchten die Kämmerer von Städten und Gemeinden eine entsprechende Erklärung der Bundesregierung. Auf Bauzeitverzögerungen infolge nicht gelieferten Materials, müsse flexibel reagiert werden. Kulante Regelungen wegen eines nicht mehr einzuhaltenden Fertigstellungstermins und der Schutz vor Konventionalstrafen seien notwendig. Die Kurzarbeitergeldregelung müsse über den 30. Juni mindestens bis zum Jahresende verlängert werden.

„Um die Belieferung des heimischen Baumarktes abzusichern sind Maßnahmen, zur Umleitung für den Export außerhalb Europas bestimmter Kontingente, zu ergreifen. Für die Forstwirtschaft könnte eine Aussetzung oder Aufhebung des Einschlagverbotes nach dem Forstschäden-Ausgleichsgesetz zusätzliche Spielräume zur Versorgung des heimischen Marktes schaffen. Die lokalen, mittelständigen Sägewerke, die i. d. R. den heimischen Holzmarkt beliefern, müssen gestärkt werden“, so Günther weiter.

Diese und weitere Forderungen hätten die Euskirchener Handwerker unmittelbar an das BMWi weitergegeben. Die erste Reaktion von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier sei zumindest ermutigend. Er lud am 19. Mai Vertreter des Handwerks aus Bau- und Holzwirtschaft zu einem virtuellen runden Tisch ein.

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„Grundsätzlich ist Holz ein nachhaltiger Werkstoff für den Bausektor. Er wird über Generationen erwirtschaftet. Die wirtschaftlich agierenden Forst- und weiterverarbeitenden Betriebe sichern langfristig den Erhalt des Waldes und leisten u. a. einen unverzichtbaren Beitrag zum Klimaschutz, wenn man den Wald als wichtigen Wirtschaftsfaktor versteht und nicht idealisiert. Für beide Meinungen gibt es Raum. Auf die Balance kommt es an“, so Günther.

Die Expertise der Gesprächsrunde, die von André Büschkes, Euskirchen-Kirchheim (Vizepräsident des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks), Dirk Schindler, Euskirchen,  und weiteren örtlichen Handwerkern von der Dachdecker-Innung und der Kreishandwerkerschaft organisiert worden sei, habe dem gemeinsamen Interesse Gehör verschafft. Elisabeth Winkelmeier-Becker habe sich interessiert gezeigt und Detlef Seif habe eine zeitnahe Fortsetzung des Gedankenaustauschs zugesagt. (epa)

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