„Die Welle der Hilfsbereitschaft, die der Flut folgte, ist gewaltig“

Drei Stunden lang berichtete Bürgermeister Hermann-Josef Esser dem Rat der Gemeinde Kall über die Folgen der verheerenden Flutnacht, aber auch über Dankbarkeit für Helfer und Einsatzkräfte und Chancen beim Wiederaufbau

Über 100 Folien hatte das Team der Gemeinde Kall zum Sachstand der Katastrophenfolgen erstellt. Bürgermeister Hermann-Josef Esser betonte, dass die Informationen dennoch nicht vollständig seien. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Über 100 Folien hatte das Team der Gemeinde Kall zum Sachstand der Katastrophenfolgen erstellt. Bürgermeister Hermann-Josef Esser betonte, dass die Informationen dennoch nicht vollständig seien. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Kall – Trotz des bedrückenden Themas souverän, aber hier und da sichtlich betroffen berichtete Bürgermeister Hermann-Josef Esser dem Rat der Gemeinde Kall über die Folgen der verheerenden Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli – und zwar drei Stunden lang. „Dabei sind die Berichte nicht einmal vollständig“, betonte Esser in der Sondersitzung am vergangenen Donnerstag, obwohl sein über 100 Folien einer Präsentation vorbereitet hatte. Auch der Ort der Sitzung war der Hochwasserkatastrophe geschuldet: Da die Bürgerhalle nicht benutzbar ist, versammelte sich der Rat in der Aula des Hermann-Josef-Kollegs Steinfeld.

Doch ehe der erste Bürger der Eifel-Gemeinde umfassend über den Sachstand und die nächsten Schritte zum Wiederaufbau informierte, gedachte er den drei Menschen aus Kall, die beim Hochwasser ihr Leben ließen. Eine Frau war gerade erst wieder nach Kall gezogen, um dort ihren Ruhestand zu verbringen. Sie starb, als die Fluten in ihr Haus eindrangen. Ein 61-jähriger, in der Jugendarbeit stark engagierter Mann hatte noch mit seinem Jeep Wanderer gerettet. Dann rissen ihn die Fluten aber mit, ebenso wie einen dreifachen Familienvater Anfang 40, der zuvor ebenfalls andere Personen gerettet hatte, sich selbst aber nicht retten konnte. Sämtliche anwesende Personen ehrten die Verstorbenen in einer Schweigeminute.

Was in Kall schätzungsweise 3000 bis 4000 Einwohner als direkt Betroffene erleben mussten, sei eine nie dagewesene Naturkatastrophe gewesen, so Hermann-Josef Esser. Diese habe nicht nur enorme materielle und wirtschaftliche Schäden hinterlassen, sondern auch seelische. „Wir haben verschiedene Angebote für die psychosoziale Nachversorgung. Um weiter helfen zu können, werden wir auch aufsuchende Hilfe anbieten.“

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Sachlich, aber dennoch in manchen Situationen sichtlich von den Folgen der Katastrophe betroffen informierte berichtete Bürgermeister Hermann-Josef Esser den Rat der Gemeinde Kall über den Sachstand zur Flutkatastrophe in Kall. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse
Sachlich, aber dennoch in manchen Situationen sichtlich von den Folgen der Katastrophe betroffen informierte berichtete Bürgermeister Hermann-Josef Esser den Rat der Gemeinde Kall über den Sachstand zur Flutkatastrophe in Kall. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse

Höchste Anerkennung, Respekt und Lob sprach der Bürgermeister allen Helfern und Helferinnen aus: „Menschen, die vorher vielleicht nicht einmal wussten, wo die Gemeinde Kall liegt, kamen aus dem gesamten Bundesgebiet zu uns, um anzupacken.“ Die Freiwillige Feuerwehr sei bereits ab dem vorangehenden Dienstag im Einsatz gewesen. Am darauffolgenden, eigentlichen Fluttag habe sich die Lage so schnell zugespitzt, dass ab 19 Uhr nur noch Einsätze möglich waren, bei denen es um die Rettung von Menschenleben ging.

Feuerwehrleute aus Wahlen gerieten selbst in eine lebensgefährliche Situation, als ihr LF 8/6, also ein großes, fast elf Tonnen schweres Löschgruppenfahrzeug nach einer erfolgreichen Menschenrettung in Richtung Urft abgetrieben wurde. Nur wenige Minuten nach ihrer eigenen Rettung wurde das Fahrzeug von Fluten erfasst und ist verloren. Auch ansonsten ist die Feuerwehr materiell schwer getroffen: So muss etwa neben viel zerstörtem Ausrüstungsmaterial das Gerätehaus Kall neu gebaut werden – „und sicherlich an einem anderen Ort und so modern wie möglich“.

Da das Bürgerhaus Kall selbst zurzeit unbenutzbar ist, hatte sich der Rat in der Aula des Hermann-Josef-Kollegs Steinfeld zusammengefunden. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Da das Bürgerhaus Kall selbst zurzeit unbenutzbar ist, hatte sich der Rat in der Aula des Hermann-Josef-Kollegs Steinfeld zusammengefunden. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

„Die Ortsvorsteher haben einen unglaublichen Job gemacht. Sie haben ein hervorragendes Engagement gezeigt, unterstützt von Ratsmitgliedern und Sachkundigen Bürgern“, so Esser. Auch dem Bauhof-Team um Leiter André Kaudel könne man gar nicht genug danken. Ortsansässige Firmen hätten sich schnell und effektiv vernetzt und boten kostenlose und unbezahlbare Hilfe. Zudem hatten sich THW, DRK, DLRG, Bundeswehr und mehr in unschätzbarer Weise engagiert.

Im Rathaus konnte man derweil die Verwaltung im Blaumann sehen: „Wir waren ja schwer betroffen, wir haben gemeinsam angepackt und aufgeräumt. Es war sich niemand zu schade, auch schmutzigste Arbeiten auszuführen“, lobte der Bürgermeister, denn neben Wasser und Schlamm galt es auch etwa, hochgespülte Fäkalien aus der Kanalisation zu beseitigen. Manche wären trotz Urlaub gekommen, selbst Ruheständler seien wieder aktiv geworden.

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Auch von Ratsmitgliedern gab es in Wortmeldungen viel Lob für Verwaltung, Einsatzkräfte und Helfer. Zwei junge Politiker verknüpften dies allerdings mit deutlicher Kritik Richtung Verwaltungsspitze und sprachen von zu wenig Präsenz in den Ortschaften, mit Ausnahme des Bauhofs. Dies führte zu einer teils heftigen Reaktion verschiedener Ratsmitglieder, die diese Kritik nicht nur als sachlich unrichtig ansahen („Jeder hat getan, was er nur konnte“ – „Für ein solches Ereignis gibt es keine Anleitung“), sondern diese wohl eher aus Wahlkampfreden gewohnten Äußerungen als äußerst unpassend in der momentanen Situation empfanden („Was wir jetzt brauchen, sind anpackende Hände, nicht solche Reden!“).

Das Team um Bürgermeister Hermann-Josef Esser (v.l.) und Kämmerer Michael Heller hatte umfangreiches Zahlenmaterial zur Flutkatastrophe zusammengetragen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Das Team um Bürgermeister Hermann-Josef Esser (v.l.) und Kämmerer Michael Heller hatte umfangreiches Zahlenmaterial zur Flutkatastrophe zusammengetragen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Bürgermeister Esser betonte aber, dass es aus den Erkenntnissen durch die Katastrophe zu lernen gelte. Ein besonderer Schwachpunkt seien die Kommunikationsmöglichkeiten gewesen. „Eine Kommunikation war in den ersten Tagen schlichtweg nicht möglich, weil die Kommunikationskanäle der Verwaltung allesamt zerstört waren“, so Esser. Nicht nur das Rathaus sei, wie viele andere Gebäude, ohne Strom, Internet und Festnetz-Telefon gewesen: „Auch der Digitalfunk der Feuerwehr ist kreisweit ausgefallen.“ Die Störung der teuren, auch mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde Kall mitfinanzierten Technik habe dazu geführt, dass eine Kommunikation mit der Leitstelle so gut wie unmöglich war. Selbst der Notruf 112 fiel im Kreisgebiet zwischenzeitlich aus. Die Feuerwehr improvisierte und griff, da auch das Handynetz unzuverlässig war, auf analoge Funkgeräte zurück.

„Als zumindest mit zeitlicher Verzögerung möglich erwies sich »WhatsApp«, denn diese Nachrichten gehen irgendwann raus, wenn wieder eine Internetverbindung aufgebaut wird“, so Esser. Ihm selbst seien aber in den ersten Tagen Handys wie Autos abgesoffen. Großes Lob sprach er seinen Mitarbeiterinnen für die Öffentlichkeitsarbeit aus, die den Internetauftritt der Gemeinde nach Kräften mit aktuellen Informationen bestückten und kurzfristig eine viel genutzte Facebook-Seite erstellten – „und zwar mit privaten Mitteln von zuhause und wortwörtlich aus dem Schlamm heraus.“

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Dennoch musste Hermann-Josef Esser mit erschreckenden Zahlen und Fakten aufwarten und machte deutlich, dass viele Dinge für die Zukunft anders bewertet werden müssten. „Die Gelehrten streiten sich noch darüber, ob das ein Jahrhundert- Jahrtausend- oder Zehntausend-Hochwasser war: Das ist mir egal – solche Ereignisse werden sich häufen und wir müssen mit den Mengen rechnen, unter denen wir jetzt zu leiden hatten.“ Dabei gibt es im Gemeindegebiet besondere Herausforderungen, etwa insgesamt über 100 Kilometer Bäche und Flüsse. Änderungen der Uferstruktur, Rückbau von Flussbegradigungen, Schaffen von Überflutungsgebieten oder Stau- und Rückhaltebecken seien Maßnahmen, die in die Hand genommen werden müssten.

Nach vorläufigen Schätzungen beträgt der Schaden an der Infrastruktur in der Gemeinde etwa 113 Millionen Euro. Über 700 Objekte seien betroffen, mit Auswirkung auf allein rund 1.500 Privathaushalte – „und die Zahlen werden noch steigen“. Esser wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Beantragung beim Land NRW für Soforthilfe zur Flutkatastrophe nur noch bis zum 31. August möglich sei.

Zu den beschädigten Gebäuden der Gemeinde selbst gehören neben Rathaus, Haus der Begegnung, Hallenbad, der neuen Grundschule auch der Bahnhof Urft und vieles mehr. Das Bürgerhaus Sötenich war so schwer beschädigt, dass es ein Gefahrenpotential darstellte und deshalb kurzfristig abgerissen werden musste.

Die finanziellen Folgen seien enorm, noch nicht vollständig überschaubar und somit auch jegliche verlässliche Prognose zur Ergebnisentwicklung des Haushalts 2021 unmöglich. Der Bürgermeister: „Ohne finanzielle Hilfe von Bund und Land können wir das nicht stemmen.“ Der Wiederaufbaufonds der Bundesregierung müsse schnell und unbürokratisch verfügbar sein, weitere Fördermöglichkeiten müssten ausgelotet werden, damit die Gemeinde Kall nicht in finanzielle Schieflage gerate.

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Dennoch vergesse die Gemeinde auch die finanzielle Hilfe schwer betroffener Bürger und Bürgerinnen nicht und stellt Härtefällen, also gerade, wenn keine Versicherung oder ein hoher Eigenanteil bei geringem Einkommen besteht, gemeindeeigene Mittel zur Verfügung. „Um Missbrauch vorzubeugen und das Geld nur denen, die es wirklich benötigen, zu geben, werden wir bestimmte Dinge wie Vermögen oder anderweitige Förderungen prüfen müssen“, so Esser, denn bei aller Hilfsbereitschaft gebe es immer wieder auch Schattenseiten, wie etwa manche Zeitgenossen, die die eigentlich segensreichen Sachspenden zur Müllentsorgung nutzen.

Über das DRK-Zentrallager in Zülpich gebe es auch noch Kühlschränke, Waschmaschinen und ähnliches. Die Lager bei Möbel Brucker und beim Kaller Bauhof seien viel genutzt worden, die Nachfrage lässt aber mittlerweile deutlich nach. In Kall werden zudem die Lagerhallen für die bisherige Ausgabe bei Möbel Brucker und dem Bauhof Kall wieder dringend für ihre ursprünglichen Zwecke benötigt, so dass die Gemeindeverwaltung neue Lösungen gefunden hat. Ab dem 4. September über nimmt die „Kaller wirkstatt“ die Ausgabe. Mit der Kaller „Tafel“ laufen zudem Gespräche über eine weitere Ausgabemöglichkeit.

Auch die Spendenbereitschaft von Firmen, Institutionen und den örtlichen Kreditinstituten sei großartig. Esser konnte weitere gute Nachrichten verbreiten: Der schwer betroffene REWE-Markt habe zugesagt, wieder zu öffnen, auch wenn noch nicht klar sei, ob dies noch in diesem Jahr erfolgen könne. Sämtliche Kindergärten könnten wieder öffnen, für die Grundschule werde eine Containerlösung installiert. Momentan finde der Unterricht im ersten Stock der Schule statt, eine Übergangslösung für Heizung und Warmwasser ist dort bereits installiert, auch Duschmöglichkeiten wurden geschaffen, die baldmöglich auch Vereinen und Bürgerschaft zur Verfügung gestellt werden sollen.

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Viele Planungen müssten aber überdacht werden, auch was die Siedlungspolitik anginge. Wenn der Gemeinderat ihm folge, wolle Esser den Wiederaufbau aber auch als Chance nutzen und zum Wohle der Gemeinde Leuchtturmprojekte errichten und mehr Schutz vor Naturkatastrophen ermöglichen: „Dies ist aber nur mit intelligenter Planung und Unterstützung durch Fachleute möglich.“

„Die Welle der Hilfsbereitschaft, die der Flut folgte, ist gewaltig“, sagte Bürgermeister Hermann-Josef Esser. Jetzt müsse man Zeichen setzen: „Die Planung für die Jahre 2022 bis 2025 wird ganz im Sinne des Wiederaufbaus stehen. Und wir werden auch in unseren Bemühungen für Klimaschutz nicht nachlassen.“

Eifeler Presse Agentur/epa

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