Gesellschaft und Soziales

Im Herzen immer noch Wollseifenerin

Die DAV Eifel wanderte auf den Spuren der Vergangenheit – Gisela Mey erinnerte an den Räumungsbefehl der britischen Militärverwaltung und an dramatische Tage im zweiten Nachkriegssommer

Zeitzeugin Gisela Mey und Moderator Andreas Züll in der Ruine der Rochuskirche, flankiert von den beiden Bergführerinnen Sabine Mey (links) und Sabine Sistig vom Deutschen Alpenverein Sektion Eifel. Bild: Privat

Schleiden – Schon auf den ersten Metern war den Wandernden bewusst geworden, dass dieser Weg eine historische Bedeutung hat, wie die Sektion Eifel des Deutschen Alpenvereins zur Thementour „So war’s 1945“ resümierte, die am vergangenen Samstag im Nationalpark Eifel unterwegs war. Morgens um 9 Uhr traf man sich hierfür auf dem heutigen Parkplatz Walberhof bei Vogelsang, der an sich schon als Gelände eines abgegangenen karolingischen Gutshofes einen historischen Ort darstellt. Aufgrund der hohen Nachfrage brachen von dort aus zwei Gruppen in entgegengesetzten Richtungen auf, begleitet von den erfahrenen Bergführerinnen Sabine Sistig und Sabine Mey. Ihre Routen führten von Walberhof über die Dreiborner Hochfläche, vorbei an der XXL-Baumelbank bei Müsauelsberg, folgte eine Weile den verschlungenen Wegen des Schöpfungspfades und ging vorbei an der ehemaligen Sauermühle, bis beide Gruppen schließlich nahezu zeitgleich gegen 15 Uhr in der Wüstung Wollseifen wieder zusammentrafen.

Auch der aus Belgien angereiste Herbert Zöll berichtete von seinen Kindheitserinnerungen an das frühere Dorf. Bild: Privat

Dort erwarteten bereits Sabine Meys Mutter Gisela Mey (geb. Zöll) und ihr Cousin, der Autor und Historiker Andreas Züll, die Wandernden. In der Ruine der einstigen Rochuskirche berichtete die gebürtige Wollseifenerin, die heute in Kall lebt, als Zeitzeugin eindringlich von ihrer Kindheit in dem damals noch sehr lebendigen Dorf. Züll, dessen historischer Schwerpunkt auf den Weltkriegen und dem Nationalsozialismus liegt, führte als Moderator durch das rund anderthalbstündige Interview mit seiner Tante, bei dem die Wandernden trotz des vorherigen langen Fußmarsches interessiert, wenn nicht gebannt zuhörten. Dass dieser Teil der Wanderung, wie zuvor in der Ankündigung zu lesen war, den emotionalen Höhepunkt bilden würde, war nicht zu viel versprochen gewesen.

Eine unbekannte Hand hatte die kleine Rochuskirche mit der abgebrochenen Turmspitze auf dem Dorf-Model neben der Kirchenruine an diesem Morgen mit Blumen geschmückt, das Model wurde von dem Architekten Elmar Heimbach gestaltet und vermittelt den Besucherinnen und Besuchern seit 2011 einen Eindruck vom einstigen Aussehen Wollseifens. Bild: Privat

Einige Monate nach Gisela Meys Geburt im Mai 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Als Kind erlebte und überlebte sie am 15. Dezember 1944 einen schweren Luftangriff auf ihr Heimatdorf, bei dem ein Bombenteppich den Dorfkern völlig verwüstete und zahlreiche Menschen ums Leben kamen, darunter auch viele eigene Angehörige. Kurz danach evakuierte die Wehrmacht den Ort, der nun im unmittelbaren Frontgebiet lag. Zum ersten Mal musste auch die Familie Zöll ihre Heimat verlassen und fand zunächst Zuflucht in einem Barackenlager an der Kakushöhle bei Mechernich, wohin auch die Schleidener Kreisverwaltung ausgewichen war. Vor eben dieser musste sich auch ihr Vater Josef gegen Kriegsende eine Weile versteckt halten, denn der hatte nach einer schweren Verwundung im Baltikum Heimaturlaub bekommen und war nicht wieder zurück zur Truppe gekehrt.

Im Frühjahr 1945 besetzten die Alliierten den Kreis Schleiden und die Wehrmacht zog sich weiter Richtung Osten zurück. Die Familie Zöll kehrte nach Wollseifen zurück und richtete sich notdürftig in dem zerstörten Dorf wieder ein. Da auch ihr Haus zerstört worden war, schlief die Familie im Stall, wie Gisela Mey sich erinnerte. Dennoch machte man sich auch in Wollseifen an den Wiederaufbau. Dann aber traf den Ort im August 1946 der Räumungsbefehl der britischen Militärverwaltung, die sich auf der nahegelegenen ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang eingerichtet hatte. Den Wollseifenern blieben damals kaum zwei Wochen, um das Nötigste zusammenzupacken und ihr Dorf zu verlassen, buchstäblich für immer, wie man damals oft noch nicht wahrhaben wollte.

Das sog. „Jen-Engk“ (das jenseitige Dorfende) mit dem noch erhaltenen Heiligenhäuschen, wo links und rechts heute nur noch Bäume und Sträucher den Weg säumen, standen früher Häuser, darunter auch das Elternhaus von Gisela Meys Mutter. Bild: Privat

Viele von ihnen kamen zunächst bei Freunden und Verwandten in den Nachbardörfern Dreiborn, Herhahn und Morsbach unter. Ihr eigenes Dorf lag nun im militärischen Sperrgebiet. Viele Familien versuchten trotz Verbots und unter Beschuss, von dort aus nachts noch einmal ins Dorf zu gelangen, um Ernte, Vieh oder persönliche Dinge zu retten, wie Gisela Mey von jenen dramatischen Tagen im zweiten Nachkriegssommer berichtete. Später siedelte sich die Familie auf der Wallenthalerhöhe bei Kall neu an, wo sich ihr Vater zunächst mit verschiedenen Arbeiten bei der Gemeinde über Wasser hielt, aber auch heimlich Schnaps brannte und schmuggelte, oft in stillem Einvernehmen mit den Zöllnern. Die Flaschen wurden unter dem Fußboden in ihrem Schlafzimmer versteckt, wie Gisela Mey lachend erzählte.

Auf Zülls abschließende Frage, ob sie sich nach all den Jahren mehr als Kallerin oder immer noch als Wollseifenerin fühle, antwortete sie ohne zu zögern, dass sie zwar auch Kallerin sei, aber im Herzen nach Wollseifen gehöre.

Die Rochuskirche in ihrem ursprünglichen Zustand, Zeichnung von Willi Kruff aus Gemünd. Bild: Privat

Im Anschluss ergänzte Herbert Zöll, der an diesem Samstag eigens aus Belgien nach Wollseifen gekommen war, spontan einige eigene persönliche Erinnerungen an die damalige Zeit. Zöll, auch er ein Cousin der Familie, wurde zwar in Sötenich geboren, besuchte allerdings während der Kriegsjahre oft die Verwandten in Wollseifen, wo sich zudem seine Mutter als Schneiderin mit Gelegenheitsarbeiten verdingen konnte. Bei den dortigen Bauern, so berichtete Zöll, gab es damals noch genug zu essen. Der beschwerliche Weg musste zu Fuß unternommen werden, woran sich das Kind von damals auch achtzig Jahre später noch lebhaft erinnern konnte.

Gisela Mey während des Krieges mit ihren Eltern im noch unzerstörten Wollseifen. Bild: Privat

Schließlich gab es von den Wandernden reichlich Applaus und Sabine Mey dankte für beide Gruppen und für den Alpenverein allen Beteiligten herzlich. Vor und nach dem Zeitzeugengespräch nutzten viele Teilnehmende die Gelegenheit, die kleine Ausstellung in der alten Schule anzusehen, die mit Fotos und Dokumenten einen konzentrierten Einblick in die Geschichte des Ortes gibt. Die DAV Eifel zog nach der Wanderung ein erfolgreiches Fazit und stellte fest: „Der Rückweg über die Hochfläche war stiller als der Hinweg. Viele waren bewegt von der Verbindung aus Landschaft, Geschichte und persönlichem Erzählen.“ (eB)

Mehr zu Wanderungen der DAV Eifel unter:

www.dav-eifel.de