Es waren deutlich mehr Zuhörer zum Vortrag über Zwangsarbeit im Kreis Schleiden gekommen, als der Journalist und Buchautor Franz Albert Heinen (links) erwartet hatte. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
F. A. Heinen referierte über die Zwangsarbeit im Altkreis Schleiden in den Jahren 1939 bis 1945 – Das zweitgrößte Verbrechen des Nationalsozialismus wurde lange Zeit verschwiegen
Schleiden – Es gehört heute mit zu den Gemeinplätzen, darauf hinzuweisen, dass die Zeitzeugen des Dritten Reichs langsam aussterben und damit ein Erinnern an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen immer schwieriger wird. Das mag für die Opfer und ihre Geschichten zum Teil zutreffen, weniger aber für die Täter und die Zeitgenossen, deren Erinnerung nicht selten von der eigenen Verdrängungsleistung korrumpiert wurde und zu einer erzählten Geschichte mit minimalem Wahrheitsgehalt Zuflucht fand. Wie schwerwiegend eine solche „Sprachreglung“ der Zeitzeugen sein kann, erlebte der Journalist und Buchautor Franz Albert Heinen, als er 2013 begann, zum Thema Zwangsarbeit im Schleidener Tal zu recherchieren.
Damals konnte er noch auf 32 Menschen zurückgreifen, die ihm bereitwillig Auskunft zu geben versprachen. Nur merkwürdigerweise erzählten alle dasselbe, nämlich erstens: „Unser Pole hatte es gut.“ Zweitens: „Das war im ganzen Dorf so.“ Und drittens: „Unser Pole durfte sogar bei uns am Tisch mit zu Mittag essen, obwohl das verboten war.“
Damit hätte Heinen das Thema „Zwangsarbeit“ im Schleidener Tal bereits im ersten Jahr seiner Nachforschungen ad acta legen können. Doch da sich der gebürtige Schleidener auch in seiner Zeit als Journalist noch nie auf das Hörensagen verlassen hat, sondern lieber auf seine eigenen Recherchen, begann er im Dreck zu wühlen. Und das ist hier keinesfalls metaphorisch gemeint. Fünf Jahre lang durchstöberte er alle möglichen Archive, kroch auf Dachböden herum, sichtete Dokumente und Fotografien, so wie er es schon bei seiner Arbeit über die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang getan hatte.
Bereits 2006 hatte Heinen das Archiv der belgischen Kommandantur von Vogelsang, für das es keine Verwendung mehr gab, kurzerhand ins Schleidener Stadtarchiv überführen lassen und schon nach kurzer Recherche in den Dokumenten entdeckt, dass es eine direkte Verbindung der dort in der Nazizeit ausgebildeten Ordensjunker mit dem Holocaust gab. Eine Wahrheit, die ebenfalls bis dato gern mit anderen Zeitzeugengeschichten über Vogelsang zugekleistert wurde. Nebenbei hatte Heinen damit den Grundstein für den heutigen Lernort Vogelsang gelegt.
Die Zwangsarbeit gilt heute neben dem Holocaust als das zweitgrößte Verbrechen des Nationalsozialismus. Und dennoch gelang es im Altkreis Schleiden, und natürlich nicht nur dort, die Spuren dieses Verbrechens fast vollständig zu verwischen. Dass es letztlich der Privatinitiative eines Schleidener Journalisten zu verdanken ist, wieder ans Licht zu holen, was längst im Verborgenen schlummerte, zeigt, dass es durchaus einem einzelnen Menschen gelingen kann, das kollektive Gedächtnis zu korrigieren und zu widerlegen. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Erinnerungsarbeit, wobei die Betonung auf Arbeit liegt. In ihr kann selbst noch ein Nachgeborener – Heinen wurde erst 1953 geboren – wieder zum Zeitzeugen werden.
Menschen zweiter Klasse
In seinem Vortrag in der Schleidener Stadtbibliothek im Rahmen der Ausstellung „Zwangsarbeit im Stadtgebiet Schleiden“ am vergangenen Donnerstag, erinnerte der Autor an den Beginn der Zwangsarbeit kurz nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen im Herbst 1939. „Begründet wurde der Arbeitseinsatz von Ausländern im Reichsgebiet durch eine scheinbar zwingende Logik des Krieges: Deutsche Arbeiter fanden sich zunehmend zur Wehrmacht einberufen, und die dadurch entstehenden Lücken auf dem Arbeitsmarkt sollten Ausländer auffüllen, um den Zusammenbruch der Kriegswirtschaft zu verhindern“, berichtete er. Als sich dann 1941 die Hoffnungen auf einen Blitzsieg im Osten zerschlagen hätten, habe sich die Situation durch die massenhafte Einberufung von deutschen Männern noch verschärft. „Während die Ökonomen die Beschäftigung von Ausländern forderten, warnten Ideologen wie Heinrich Himmler vor dem Einsatz von Bolschewisten im Deutschen Reich“, so Heinen. Letztlich sei es zu einem Kompromiss gekommen. Auch sowjetische Kriegsgefangene sollten neben Zivilisten aus besetzten Ländern in Deutschland arbeiten, aber nur unter strenger Kontrolle von Polizei und SS.
Heinen berichtete in seinem Vortrag sehr anschaulich, wie Jugendliche, Frauen und Männer zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und dort zu Menschen zweiter Klasse degradiert wurden. Im Schleidener Tal seien ungefähr Zweidrittel der Verschleppten Zivilarbeiter und ein Drittel Kriegsgefangene gewesen. „Für Polen und Sowjetbürger galt ein diffamierendes soziales Sonderrecht“, berichtete er. In der Praxis habe es sich bei der Zwangsarbeit um „Sklavenarbeit für Taschengeld“ gehandelt. Es habe drakonische Bestrafungen für die kleinsten Vergehen gegeben. Sowjetische Kriegsgefangene seien als „politisch brandgefährlich“ eingestuft und daher nur isoliert unter Aufsicht der Wehrmacht in Kolonnenarbeit eingesetzt worden, um jeden Kontakt mit der deutschen Bevölkerung zu vermeiden. „Alles, was mit diesen Männern geschah, ist der Wehrmacht anzulasten“, stellte Heinen klar. Es habe zahlreiche Todesopfer durch Hunger, Erschießen und Erhängen gegeben.
Namentlich bekannt seien für das Stadtgebiet Schleiden 673 Ausländer, da sie bei der AOK oder der Landwirtschaftlichen Krankenkasse versichert werden mussten, berichtete Heinen. Man habe zwar nicht vorgehabt, ihnen im Krankheitsfall zu helfen, doch mussten die Arbeitgeber dennoch für sie Krankenkassenbeiträge entrichten, um damit die gebeutelten Kassen zu unterstützen. 52 Prozent der Ausländer waren Frauen, so Heinen, die oft als Haushaltshilfe eingesetzt wurden. Und 297 der verschleppten Personen waren gerade einmal 15 bis 19 Jahre alt. 431 Personen kamen aus der Sowjetunion und 121 aus Polen.
„Arbeitsbummelantentum“
„Verbote bestimmten das Leben der polnischen und sowjetischen Arbeiter, Prügel als Strafe war alltäglich“, berichtete der Referent. Gaststättenbesuche seien verboten gewesen, Gottesdienste mit Deutschen untersagt, selbst zum Fahrradfahren benötigte man eine Sondererlaubnis. Sogenanntes „Arbeitsbummelantentum“ wurde streng bestraft, in der Regel mit der Einlieferung in ein Arbeitserziehungslager oder direkt in ein Konzentrationslager. Als folgenschwerstes Vergehen galt jedoch eine Beziehung zwischen einer deutschen Frau und einem polnischen oder sowjetischen Arbeiter.
Zwar hatte Heinen auch Beispiele aus der Landwirtschaft recherchiert, die die Behauptung „Unser Pole hatte es gut“ zu bekräftigen schienen, doch in den meisten Fällen, so betonte er, hätten die Sonderregelungen die Arbeit der Zwangsarbeiter zur Qual gemacht. Heinen las aus Dokumenten vor, die körperliche Züchtigungen für die kleinsten Vergehen vorsahen. So sollten beispielsweise Polen, die sich über die Arbeit beschwerten, unverzüglich verprügelt werden. Der Referent stellte in diesem Zusammenhang einzelne Fälle vor, nannte immer wieder Namen von Kriegsgefangenen, zeigte deren Gesichter und erläuterte deren persönliches Schicksal, das meistens nach kleinstem Fehlverhalten mit Erschießen, Erhängen oder in irgendeinem KZ mit der erfundenen Todesursache „Lungentuberkulose“ oder „Herzschwäche“ endete. „Am 1. November 1944 wurde an der Bronsfelder Straße, hundert Meter von meinem Haus entfernt, ein junger Osteuropäer erschossen“, berichtete Heinen, der zu seinem Erschrecken auch dieses Verbrechen in den Akten gefunden hatte.
Doch schlimmer als den Zivilarbeitern sei es den sowjetischen Kriegsgefangenen ergangen. Ihr Leben sei den deutschen Faschisten nicht das Geringste wert gewesen. „Rotarmisten wurden zu Hunderttausenden auf Wiesen zusammengepfercht, und man schaute dann zu, wie sie verhungerten“, so Heinen, der dies ein „fürchterliches Verbrechen“ nannte. Die Überlebenden wurde in offene Viehwaggons wochenlang bis nach Deutschland gekarrt, kamen in sogenannte Mannschaftsstammlager, die oft nur aus einer leeren, von Stacheldraht eingezäunten Fläche bestanden, und in denen die Gefangenen versuchten, Erdhöhlen in den Boden zu scharren, Laubhütten zu errichten oder Regenwürmer aus dem Boden zu ziehen, um damit ihren Hunger zu stillen. Damit sie nicht fliehen konnten, mussten die Gefangenen Holzpantinen tragen. Viele dieser kranken und halbtoten Menschen wurden schließlich auch zur Waldarbeit in die Eifel entsandt, wo die Menschen bereits acht Jahre lang der NS-Ideologie und einem regimeimmanenten Rassismus ausgesetzt gewesen waren. Heinen hat allein im Altkreis Schleiden 60 Lager aktenkundig nachgewiesen, in denen die Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Er vermute aber, dass es doppelt so viele gewesen sein müssten.
„Noch nie gehört“
Einer der älteren Zuhörer war über diese Aussage sichtlich erschüttert und sagte: „Davon habe er noch nie etwas gehört“, woraufhin Heinen nur lakonisch antwortete: „Da sehen Sie mal, wie gut dieses Geheimnis bis auf den heutigen Tag bewahrt wird.“ Besonders aufhorchen ließ auch die Tatsache, dass die Mortalitätsrate in diesen Eifel-Lagern deutlich höher lag als beispielsweise im KZ Buchenwald. Bis zum Kriegsende hat der Autor bislang weit über 330 Todesfälle dokumentiert. Er zählte auch auf, wo sich einige dieser Lager befanden. „Sie waren, wenn man von den Waldarbeiterlagern absieht, keinesfalls versteckt, sondern befanden sich zum Teil mitten im Ort, so dass jeder sehen konnte, was dort passierte“, sagte er. So habe es beispielsweise auch ein Lager nur 20 Meter vom heutigen Kurhaus in Gemünd entfernt in einer alten Turnhalle gegeben.
„Das Leben der Kriegsgefangenen war nur so viel wert wie ihre Arbeitskraft“, konstatierte Heinen und verwies darauf, wie die „Erinnerungskultur“ nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hatte, die primär darin bestanden habe, die Spuren der Zwangsarbeit aus der Gegenwart zu verwischen und das Thema erfolgreich kleinzureden.
„Das Thema ist noch lange nicht abgeschlossen“, betonte Heinen abschließend. Neuere Erkenntnisse deuteten beispielsweise daraufhin, dass gegen Kriegsende zahlreiche Ukrainerinnen zur Zwangsarbeit in den Altkreis verbracht worden seien, über die er aber bislang noch keine gesicherten Dokumente gefunden habe.
Erstaunt war Heinen über den großen Zuspruch, den sein Vortrag fand. Etwa 40 Menschen kamen in die Stadtbibliothek Schleiden, so dass noch zusätzliche Stühle herangeschafft werden mussten. Wer den Vortrag verpasst hat oder mehr über die Zwangsarbeit im Kreis Schleiden wissen möchte, der sei auf Heinens von der Kreissparkasse Euskirchen gefördertes Buch: „Abgang durch Tod“ verwiesen, das beim Geschichtsforum Schleiden erhältlich ist.
Eifeler Presse Agentur/epa