Eindringlich zeigte „Nathans Tod in Jerusalem“ den Wahnsinn eines jeden Krieges, beispielhaft an dem Schicksal von arabischen und jüdischen Familien. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Beeindruckender Konzert- und Theaterabend in der Lutherkirche Köln thematisiert Nahostkonflikt und die Möglichkeit zu Versöhnung und friedlichem Miteinander – Preisgekröntes Theaterstück „Nathans Tod in Jerusalem“ von Ali Jajaly mit musikalischer Umrahmung der Meistermusiker Davood Azad und Reza Samani
Köln/Mechernich – Berührend bis tief ins Herz und die Seele, erschütternd bis ins Mark und begeisternd bis zu Standing Ovations für die Ausnahmetalente auf der Bühne, so könnte man den Konzert-/Theaterabend beschreiben, der jetzt in der Lutherkirche Köln erlebbar war. „Klang der Versöhnung“ war der Titel der vom Mechernicher Kulturverein „TakT – Toleranz als kulturelle Triebfeder“ und „Blausalz Gourmet“ aus Mechernich-Satzvey in die Domstadt gebrachten Veranstaltung. Die friedliche, fast schon familiäre Atmosphäre im bunt gemischten Publikum stand im starken Kontrast zur emotional hochdichten Inszenierung des gebürtigen Persers Jalaly, der mit dem bereits 2005 uraufgeführten Stück „Nathans Tod in Jerusalem“ ein immer noch hochaktuelles Thema darbringt.
Bevor die Publikumsschar allerdings in die emotionale Achterbahnfahrt von „Nathans Tod“ einstieg, wurde sie erst einmal von klassischer, improvisierter persischer Musik eingestimmt. Auf künstlerischem Weltklasseniveau – Davood Azad hat in seiner persischen Heimat Säle mit 10.000 Menschen gefüllt – nahmen die Meistermusiker die Zuhörenden mit auf eine tief berührende, musikalisch-spirituelle Reise.
Obwohl Davood Azad zum ersten Mal zusammen mit Reza Samani auftrat, herrschte zwischen den beiden ein beeindruckendes, intuitives Verständnis. Azad entlockte seinem Saiteninstrument Tar von süßen Melodien bis hin zu treibenden Rhythmen Berührendes, während Samani auf der persischen Rahmentrommel Daf mit faszinierender Fingerfertigkeit ein Kaleidoskop von rhythmischer Begleitung wie rasanten Soli bot. Zwischendurch wechselte er auf die Trommel Tomback, der er eine solch üppige Vielfalt von Klängen entlockte, dass sogar Davood Azad, selbst Meister der Daf, sichtlich begeistert lauschte.
Überhaupt war die Achtsamkeit mit der die beiden Musiker die erste Stunde des Abends formten beeindruckend. Mit nur wenigen Blicken sich verständigend, ansonsten mit aufmerksamem Zuhören, sich gegenseitig Raum und Freiheit für solistische Improvisationen lassend, um dann wieder in perfektem Einklang zusammenzufinden und etwa, beide die Daf spielend, in rasantem Tempo wie ein gemeinsamer Herzschlag tief verankerte Emotionen freizusetzen, begeisterten sie das Publikum.
Eine treue Anhängerschar von Davood Azad sang sogar den Refrain eines seiner selbst komponierten Stücke mit – das Lied beruht auf einem Gedicht des nicht nur in Persien hoch verehrten Gelehrten, Mystiker und Sufi-Dichters Jalal ad-Din Rumi (1207–1273). Zwei seiner vorgeführten Kompositionen sind aktuell in London entstanden, während im Iran der Krieg wütet. Am Rande der Veranstaltung darauf angesprochen, sagt Davood über seine Kompositionen: „Darin geht es nicht um Krieg. Nur um Liebe“. Die universale (Nächsten-) Liebe ist Grundlage seiner Werke.
Dies ist Autor und Regisseur Ali Jalaly ebenfalls sehr wichtig, auch wenn „Nathans Tod in Jerusalem“ erst einmal die harte Realität von Krieg und Vertreibung auf die Bühne bringt: Zweiter Weltkrieg. Das Nazi-Terror-Regime zieht die Maschen ihres Deportationsnetzes immer enger. Ein jüdisches Paar entkommt den drohenden Vernichtungslagern. Dann die Vertreibung aus Polen, das Paar landet 1948 nach einer Odyssee in Palästina. Aber das Heilige Land, das doch Freude, Schutz und Heimat bieten soll, ist brandgefährlich.
Perspektivwechsel. Ein palästinensisches Ehepaar wird aus seinem Haus vertrieben, um jüdischen Siedlern Platz zu machen. In den Wirren verlieren sie sogar ihren Sohn. 20 Jahre verbringen sie in einem Flüchtlingslager, ehe sie sich entschließen, ihr altes Haus ein letztes Mal zu besuchen. Und ihren Sohn Akbar wiederzufinden. Doch dort angekommen heißt der Sohn mittlerweile Nathan, wurde von jüdischen Eltern großgezogen und ist israelischer Soldat. Der sich als Jude fühlt und erst einmal so gar nichts von seinen arabischen Eltern wissen will, obwohl er über seine Geschichte Bescheid weiß.
In einem sich für alle lebensbedrohlich entwickelnden Konflikt zwischen Sohn und leiblichen Vater, der Angst der jüdischen Mutter, der Verzweiflung der arabischen Mutter, kommt es erst zu einer Annäherung, als die Sinnlosigkeit des gegenseitigen Tötens bewusst wird. Endlich sehen alle auch die jeweils andere Seite, den Schmerz, die Hoffnung – und die Verbindung dadurch. Ein „Happy End“ währt aber nur für kurze Zeit. Denn dann fällt wieder eine Bombe und tut das, was Bomben tun – wahllos töten.
Die Schauspielenden Inga Stück, Philine Conrad, Sabine Janicki und Furkan Arslan brillierten mit blitzschnellen Wechseln von Rollen und Emotionen. Das gerade anfangs textgewaltige Werk wird in schlagabtauschartigen Szenen in einem auf wenige wesentliche Elemente reduziertem Bühnenbild transportiert: Vier Koffer, eine Holzkiste mit Wüstensand, ein paar Bilder. Alles andere erzeugen die Darstellenden mit sehr intensivem und dichtem Spiel. In Sekunden wird von tiefer Trauer zu ausgelassenem, fast albernem Gelächter gewechselt.
Nach sehr eindringlich-bedrückenden Szenen wird unisono und mit viel Ironie wie in einem Werbespot ein Anti-Depressivum als vermeintliche Lösung angepriesen und entlarvt gerade dadurch den Irrsinn eines (Bürger-) Krieges. Gerade noch Jude, dann Araber und wieder zurück, die rasanten Wechsel der Rollen sorgen anfangs vielleicht für etwas Verwirrung, aber schnell wird dadurch klar: Ob Araber oder Juden, beide teilen das gleiche Schicksal. Entwurzelt, vertrieben, geflüchtet, verachtet, beschimpft, terrorisiert und spätestens im Tod gleichgemacht. Oder, wie Ali Jalaly nach der Aufführung sagte: „Sie bemerken, dass sie alle Opfer sind.“ Denn Kriege machen keinen Unterschied zwischen vermeintlichen oder tatsächlichen Rechteinhabern, Siegern oder Verlierern. Sie erzeugen nur unermessliches Leid.
Nach lang anhaltendem Applaus mit stehenden Ovationen nahmen Davood Azad und Reza Samani noch einmal ihre Instrumente in die Hand und führten das Publikum wieder zurück in die Gegenwart und boten den „Klang der Versöhnung“. Und dass diese Töne wohltuenden Nachhall fanden, konnte man in den vielen angeregten Gesprächen und Umarmungen von Menschen mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten, Augen- und Hautfarben im Foyer sehen.
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