Verlust an Lebensraum lassen die Igel-Bestände schrumpfen

Gartenbesitzer können mit einfachen Maßnahmen helfen

Junge Igel, die jetzt noch zu klein für den Winterschlaf sind, werden in Igelhilfestationen aufgepäppelt. Foto: Igelhilfe Radebeul
Junge Igel, die jetzt noch zu klein für den Winterschlaf sind, werden in Igelhilfestationen aufgepäppelt. Foto: Igelhilfe Radebeul

Kreis Euskirchen/Berlin – „Heute gibt es mit Sicherheit viel weniger Igel als noch vor 30 oder 40 Jahren“, sagt Anne Berger. Sie ist Wissenschaftlerin am Institut für Zoo- und Wildtierforschung und eine der wenigen professionellen Igelforscher in Deutschland. Seit gut sechs Jahren ist sie den Berliner Igeln auf der Spur, stöbert mit Hilfe ihres Spürhundes Fine die Tagesverstecke auf und sucht nachts mit der Taschenlampe nach den Tieren. In immer mehr Parks bleibt die Suche erfolglos.

Es gibt nicht viele Studien über den Igel. Als nachaktive Tiere sind sie schwer zu beobachten. Vor allem gab es bislang wenige Gründe, die Art wissenschaftlich zu untersuchen. Lange galten die Bestände als gesichert. In Wahrheit geht die Zahl der Igel spätestens seit Mitte der 1990er Jahre stark zurück. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Untersuchungen, für die bestimmte Straßenabschnitte in Bayern und Hessen Jahrzehnte lang regelmäßig abgefahren wurden. Der Bestand der Igel lässt sich anhand der Verkehrsopfer einschätzen: Viele tote Igel am Straßenrand deuten auf einen hohen Bestand hin, wenig tote Igel auf einen niedrigen. Bis heute sei der Bestand regelrecht zusammengebrochen. „Die Ergebnisse decken sich mit denen aus England, Dänemark, Schweden und anderen Ländern“, sagt Berger.

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. „Die Igel leiden besonders unter dem allgemeinen Insektensterben“, so die Wissenschaftlerin. Auch die Zerstörung der Lebensräume, die intensivere Landwirtschaft und der Klimawandel spielen eine Rolle: Wird es zwischen November und Februar zu warm, wachen die Winterschläfer zu früh auf und verlieren bei der Suche nach Nahrung zu viel Energie.

In jüngster Zeit seien neue technische Gefahren hinzugekommen: Mähroboter machen vor kleinen, zusammengerollten Igel nicht Halt. Auch Laubbläser und Motorsensen sind eine Gefahr für die Tiere. „Die Zahl der Igel, die mit schlimmsten Verletzungen zu uns kommt, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen“, sagt Cornelia Schicke, Vorsitzende des Vereins „Igelhilfe Radebeul“ in Sachsen. Jahr für Jahr päppelt ihre Initiative – wie viele andere Auffangstationen auch – Hunderte Igel wieder auf. Bis zum Sommer waren es bereits mehr als 400. Im Herbst wird die Zahl noch einmal nach oben schnellen, wenn Igel, die eigentlich schon im Winterquartier sein sollten, noch hungrig umherlaufen. „Wir bekommen immer mehr Igel, die viel zu leicht sind“, sagt Schicke. Einige vier Wochen alte Igel brachten nur 54 Gramm auf die Waage. Normal müsste es mehr als das doppelte Gewicht sein. „Die Tiere verhungern, weil sie nicht genügend Würmer und Insekten finden“, so die Vereinsvorsitzende.

In den Igel-Stationen wird jedem gefundenen Tier bestmöglich geholfen. Wunden werden verarztet, Erkältungen auskuriert. Die Tiere, die im Sommer gefunden werden, sollen nach Möglichkeit noch vor der Winterschlafsaison wieder ausgewildert werden. In der Igelhilfe im sächsischen Radebeul können bis zu 150 Tiere überwintern. Hinzu kommen noch einmal knapp 100 Schlafplätze in Privathaushalten. Die Gehege sind im Dauereinsatz und dementsprechend abgenutzt. Mit Mitteln der Heinz Sielmann Stiftung wird ein Teil der Käfige in diesem Jahr erneuert. Auch das trägt dazu bei, dass alle Igel im Frühjahr lebendig und wohlauf entlassen werden können. Der ganze Aufwand lohnt sich jedoch nur dann, wenn die Tiere in ein Umfeld entlassen werden, in dem sie auch genügend Nahrung und Versteckmöglichkeiten finden. Da sind auch Kommunen gefragt, die Friedhöfe und Parkanlagen pflegen – und Gartenbesitzer. „Ich kann nicht Schneckenkorn im Garten streuen und mich dann beschweren, dass keine Igel da sind“, sagt Igel-Expertin Anne Berger.

Als sie mit der Igel-Suche in Berlin begann, fand sie im Treptower Park noch 50 Tiere. Heute sind es nur noch zwei oder drei. Eine stichhaltige wissenschaftliche Erklärung für den starken Rückgang gibt es nicht. Allerdings wurde das Parkmanagement vor ein paar Jahren umgestellt: Hecken und Gebüsche wurden so stark zurückgeschnitten, Laub- und Reisighaufen so konsequent abtransportiert, dass Igel große Schwierigkeiten haben dürften, sich dort zu verstecken. Dabei ist es gar nicht so schwer, seinen Garten igelfreundlich zu gestalten. Das geht schon beim Einsatz der Technik los: Wenn der Mähroboter nachts auf seinem Parkplatz bleibt, hat er weniger Gelegenheit, Igel über den Haufen zu fahren. Auch Sensen und Laubbläser können mit mehr Vorsicht und Bedacht eingesetzt werden.

Beinahe jedes Ordnungsstreben im Garten schade den Igeln nur. Ein kurz geschorener Rasen bietet keine Nahrung und keine Deckung für Insekten und damit auch nicht für Igel. „Igel und andere Arten profitieren davon, wenn sich wenigstens in einigen Bereichen der Gärten richtige Wiesen entwickeln können“, sagt Berger. Alles, was möglichst naturnah ist, hilft: Der Verzicht auf Pestizide, das Verwenden heimischer Pflanzen und Gehölze, weil heimische Insekten nur mit denen auch etwas anfangen können. Und nur, wenn es genug „Dreckecken“ im Garten gibt, wo das Laub nicht weggefegt wird, wo ein paar Äste herumliegen dürfen, finden Igel genügend Möglichkeiten, sich ein Nest für den Tag und für den Winterschlaf zu bauen.

Hat man einen Igel gefunden und möchte wissen, ob und wie ihm geholfen werden kann, gibt die Infografik „Erste Hilfe beim Auffinden eines Igels“ der Heinz Sielmann Stiftung Anhaltspunkte für das richtige Verhalten. Im Zweifelsfall sollte unbedingt ein igelkundiger Tierarzt oder eine Igelstation kontaktiert werden. Die Infografik kann hier heruntergeladen werden: Infografik Igelfund

Weitere Informationen im Internet: www.sielmann-stiftung.de

(epa)

 

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