Caritas Fluthilfe zieht zum Jahrestag Zwischenbilanz

„Vergessene Orte““ in den Blick gerückt

Noch immer sind immense Schäden vorhanden: Matthias Schmitt (v.l.), stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor, besucht zusammen mitTim Hennes (Caritas Fluthilfe) Stefanie Hoffmann (Flutbetroffene). Foto: Carsten Düppengießer
Noch immer sind immense Schäden vorhanden: Matthias Schmitt (v.l.), stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor, besucht zusammen mitTim Hennes (Caritas Fluthilfe) Stefanie Hoffmann (Flutbetroffene). Foto: Carsten Düppengießer

Kreis Euskirchen – Am 14. Juli jährt sich die Flutnacht des vergangenen Sommers, die auch im Kreis Euskirchen verheerende Schäden angerichtet hat. Die Caritas Euskirchen, die selbst hart von der Flutkatastrophe getroffen wurde, hat schnell Hilfen für die Betroffenen in der Region organisiert. Am 1. Dezember 2021 startete der Wohlfahrtsverband mit einem Fluthilfebüro, um den Betroffenen auch mittel- und langfristig Hilfe und Beratung bieten zu können. Im Vorfeld des Jahrestages hat die Caritas Euskirchen jetzt gemeinsam mit ihrem Spitzenverband, dem Diözesan-Caritasverband Köln, in ihr Fluthilfebüro an der Herz-Jesu Kirche mitten in Euskirchen eingeladen, um eine erste Bilanz zu ziehen. Der Diözesan-Caritasverband (DiCV) unterstützt gemeinsam mit Caritas International insgesamt sechs Fluthilfebüros im Erzbistum Köln.

„Wir wollen diesen Termin heute nutzen, um neben der Rückschau auch die Orte in den Fokus zu rücken, die keine oder nur geringe Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung erhalten haben“, so Caritasvorstand Martin Jost. Dazu gehöre durchaus auch die Kreisstadt Euskirchen, die als größtes im Flutgebiet liegendes Mittelzentrum stark betroffen sei, aber zumindest in der überregionalen Berichterstattung kaum vorgekommen wäre. „Außerdem können in diesem Zusammenhang beispielsweise Metternich in der Gemeinde Weilerswist oder auch Zülpich-Dürscheven angeführt werden. Unsere Berater hören aus diesen Orten immer wieder, vergesst uns nicht. Wir sind noch da, mit Problemen und Baustellen“, betonte Jost.

Zusammen stehen im Angesicht der Katastrophe ist das Motto von Martin Jost (v.l.), Vorstand Caritas Euskirchen, Saskia Reder, Elisa Mc Clellan, Tim Hennes, Doreen Zilske ( alle Team Fluthilfe Caritas Euskirchen), Carsten Düppengießer (Öffentlichkeitsarbeit Caritas Euskirchen) und Matthias Schmitt (stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor). Foto: Annette Etges
Zusammen stehen im Angesicht der Katastrophe ist das Motto von Martin Jost (v.l.), Vorstand Caritas Euskirchen, Saskia Reder, Elisa Mc Clellan, Tim Hennes, Doreen Zilske ( alle Team Fluthilfe Caritas Euskirchen), Carsten Düppengießer (Öffentlichkeitsarbeit Caritas Euskirchen) und Matthias Schmitt (stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor). Foto: Annette Etges

Matthias Schmitt, stellvertretender Caritasdirektor des DiCV ergänzte: „Die Bewältigung der Flut ist noch nicht vorbei. Deshalb danken wir allen Spendern, die es uns an sechs Standorten im Erzbistum ermöglichen, nachhaltig und verlässlich Hilfe zu leisten.“ Im Erzbistum Köln seien bisher rund 3,2 Millionen Euro an Spendengeldern an Betroffene ausgezahlt worden, 2,1 Millionen allein durch die Caritas Euskirchen an Betroffene in Bad Münstereifel, Euskirchen, Mechernich, Weilerswist und Zülpich.

„Insgesamt haben wir bis heute 4.065 Menschen in der Region unterstützt“, so Jost. Dabei rücke neben der Vermittlung finanzieller Hilfen auch immer mehr die Unterstützung bei der seelischen Bewältigung der Krise und ihrer Folgen in den Fokus. „Viele Menschen kommen erst jetzt mit Problemen auf uns zu, die im Zusammenhang mit der Bewältigung der Erlebnisse seit der Flutnacht stehen“, erklärte Fluthilfeberaterin Elisa Mc Clellan.

Dabei könnten die Bedarfe durchaus vielfältig sein, so das Fluthilfeteam. „Ein durch die Flut verschärftes Problem ist die Wohnungsnot. Viele Betroffene können immer noch nicht in ihre Häuser zurück, Übergangslösungen laufen aus“, so Mc Clellan. „Einige Betroffene leben seit Monaten in Wohnwagen“, ergänzte ihre Kollegin Doreen Zilske. In Metternich fehle seit der Flut ein Begegnungsort für die Einwohner. „Die Gaststätte wurde zerstört. Wir sind da mit der Gemeindereferentin im Gespräch und werden bald ein Begegnungsangebot schaffen“, erklärte Fluthilfeberaterin Saskia Reder. „Wir sind in unserer Arbeit offen, reagieren auf alle Bedarfe.“

Dabei arbeitet das Fluthilfeteam vernetzt mit Wohlfahrtsverbänden, Kommunen und Kirchengemeinden in der Region. „Ziel ist es, die bestmögliche Unterstützung der Betroffenen sicherzustellen und Doppelstrukturen zu vermeiden“, betonte Jost.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Caritas-Fluthilfebüros ist die psychosoziale Unterstützung von Familien, Kindern und Jugendlichen. „Viele sind immer noch sehr belastet, bei jedem stärkeren Regenguss ist die Angst wieder da“, so Reder. Deshalb und um den Betroffenen Auszeiten von den Sorgen und Nöten des Wiederaufbaus bieten zu können, habe die Caritas bisher sieben Unterstützungs- und Freizeitangebote für diese Zielgruppe organisiert. „Das waren etwa ein Tagesausflug auf einen Ponyhof, Graffiti-Sprühaktionen oder eine Tour zu einer Fußballgolf-Anlage“, berichtete Reder. Aber auch das Gruppenangebot „HOPE“ in Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Trauma-Therapeutin gehöre dazu. Auch für die laufenden Sommerferien gebe es entsprechende Angebote, die gut angenommen würden.

Um die Betroffenen in der Fläche bestmöglich erreichen zu können, gibt es neben dem Fluthilfebüro in Euskirchen regelmäßige Beratungsangebote im „ECK-Punkt“ in Zülpich, dem Hilfszentrum im Goldenen Tal in Bad Münstereifel sowie in Kürze in der Gemeinde Weilerswist.

Dass diese Hilfe auch fast ein Jahr nach der Flutkatastrophe noch bitter nötig ist, wurde im Anschluss beim Vor-Ort-Besuch einer Betroffenen in Zülpich-Dürscheven deutlich. Matthias Schmitt informierte sich dort gemeinsam mit Fluthilfeberater Tim Hennes über die Situation von Stefanie Hoffmann. Sie bewohnt eine Hofanlage im Ort. „Meine Mietwohnungen, der Keller meines Wohnhauses, mein Pferdestall und meine Wiesen wurden komplett überflutet und Großteils zerstört“, so Hofmann. Die gesamte Anlage ist immer noch stark sanierungsbedürftig. „Ich habe glücklicherweise Soforthilfen und Spendengelder erhalten, das hat mich über Wasser gehalten.“

Die Flutnacht ist ihr und ihrem Mieter, der seither in einem Wohnwagen auf dem Grundstück lebt, noch sehr präsent. „Das Wasser kam weniger vom Bleibach und mehr über die Felder und Wiesen auf der anderen Seite. Autos sich hier an unserem Hof verbeigeschwommen“, berichtete Hoffmann. Einziger Lichtblick war, dass ihre Pferde das Hochwasser unbeschadet überstanden haben. „Die Tiere konnte ich dann erstmal im Westerwald unterstellen. Meine Wiesen waren ja völlig kontaminiert“, so Hoffmann. Mittlerweile sind die Pferde zurückgekehrt, von einer Rückkehr des Alltags ist Hoffmann aber noch weit entfernt. „Ich musste feststellen, dass ich nicht elementarversichert bin. Den Antrag auf Wiederaufbauhilfe habe ich leider zu niedrig angesetzt.“ „Wir begleiten Frau Hoffmann bereits eine ganze Weile. Der zu niedrig angesetzte Hilfeantrag ist leider ein Riesenproblem“, erklärte Fluthilfeberater Hennes. Damit sei Hoffmann nicht allein. „Gutachter und Sachverständige waren und sind schwer zu bekommen, tiefergehende Probleme an den betroffenen Gebäuden werden oftmals erst in Nachhinein sichtbar“, so Hennes. Ein bewilligter Antrag lasse sich aber nicht mehr ändern. „Das geht nur, wenn während der Sanierung Kostensteigerungen durch Inflation oder Preiserhöhungen auftreten“, ergänzte Schmitt. Hoffmann würde nur der Klageweg bleiben.

Dennoch lässt die Dürschevenerin den Kopf nicht hängen, auch wenn immer wieder neue Probleme auftreten. „In einem Gebäude muss jetzt doch der Estrich raus, da darunter noch Feuchtigkeit ist. Im anderen Gebäude steht eine Doppelwand. Auch hier ist noch Feuchtigkeit drin. Wir versuchen jetzt mit Lüftungsbohrungen zu trocknen. Wenn es nicht hilft, muss die Wand auch noch fallen.“

„Frau Hoffmann ist leider kein Einzelfall. Viele Menschen in unserer Region werden noch lange auf Unterstützung und Beratung angewiesen sein. Wir wollen für die Betroffenen da sein. Unsere Botschaft lautet, wir kümmern uns nach wie vor“, so Jost abschließend. (epa)

 

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