Eine besondere Frau und starke Mutter: Mildred Scheel

Von Anke Emmerling Cornelia Scheel und Hella von Sinnen erinnern beim Eifel-Literatur-Festival an die Gründerin der Deutschen Krebshilfe

Hella von Sinnen machte die Lesung aus Cornelia Scheels Erinnerungsbuch zum besonderen Erlebnis. Bild: Harald Tittel/ELF
Hella von Sinnen machte die Lesung aus Cornelia Scheels Erinnerungsbuch zum besonderen Erlebnis. Bild: Harald Tittel/ELF

Daun/Eifel – Der außergewöhnlichen Persönlichkeit von Mildred Scheel, der Gründerin der Deutschen Krebshilfe und Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel ist die 14. Lesung des diesjährigen Eifel-Literatur-Festivals im voll besetzten Forum Daun gewidmet. Festivalleiter Dr. Josef Zierden hat dazu einen gediegenen Einstieg vorbereitet. Doch allzu lange dauert es nicht, bis der dank einer anderen starken Frauenpersönlichkeit in ein verbales Florett-Gefecht mündet. Urheberin ist Hella von Sinnen, der als Vortragende die Hauptrolle des Abends zugedacht ist. Gewöhnt daran, selbst Regie zu führen, will sie sich inhaltlich nicht vorgreifen lassen. Deshalb zückt die Entertainerin die Klinge der ihr eigenen Direktheit und Wortgewalt und lässt sie mit so ausgeprägter Ungeduld wie Vehemenz in die Einführungsrede Zierdens sausen. Er steckt zwar Kerben ein – zumal sich nach dem Ruf einer Zuhörerin: „Wir wollen Hella hören“, anarchische Stimmung auszubreiten droht – springt zum Ende seiner Ausführungen, pariert jedoch schlagfertig: „Ich mache jetzt einen Sprung, betone aber, ich habe keinen!“ Das Publikum hat Spaß und zollt beiden Fechtern Applaus.

Cornelia Scheel (links) und Hella von Sinnen beim Eifel-Literatur-Festival in Daun. Bild: Harald Tittel/ELF
Cornelia Scheel (links) und Hella von Sinnen beim Eifel-Literatur-Festival in Daun. Bild: Harald Tittel/ELF

Danach wird es stiller im Saal, denn Cornelia Scheel, die sich bislang und auch später sehr im Hintergrund hält, greift kurz zum Mikrofon und erklärt mit sehr persönlichen Worten, warum sie das Buch „Mildred Scheel – Erinnerungen an meine Mutter geschrieben hat“. Sie sagt: „Ich wusste, es ist ein Geschenk, dass sie meine Mama ist“. Sie sei eine hervorragende Ärztin gewesen, die sehr darunter gelitten habe, nach ihrer Heirat mit dem damaligen Außenminister Scheel nicht weiter praktizieren zu dürfen: „Sie hat sich gefühlt, wie eine Garnitur am Tellerrand“. Als ihr jedoch als First Lady die Erwartung ehrenamtlichen Engagements angetragen worden sei, habe sie die Chance ergriffen, eine Vision zu realisieren und die Deutsche Krebshilfe gegründet. „Meine Mutter ist für mich nicht nur Geschenk, sondern auch Verpflichtung, ihr Name soll nicht vergessen werden“, sagt Cornelia Scheel, deshalb habe sie ihr zwischen zwei Buchdeckeln ein Denkmal setzen wollen. Sie sei dafür auf die wohl wichtigste Reise ihres Lebens gegangen und habe oft tränenreiche Begegnungen mit Weggefährten Mildred Scheels erlebt.

Ihrem Erleben leiht anschließend Hella von Sinnen die Stimme. Ihre Lesung aus Cornelia Scheels Buch ist erwartungsgemäß ein Erlebnis. Kraft ihrer Professionalität gibt sie dem Geschriebenen durch virtuose Anwendung von Betonung, Sprachmelodie und Kunstpausen, sowie Gestik und Mimik große Plastizität. So ist die Erschütterung Cornelia Scheels lebendig nachvollziehbar, als die Mutter ihr am 7. Juli 1983 offenbart, sich einer Darmkrebs-OP unterziehen zu müssen und anschließend diszipliniert ihrem gewohnten Tagesgeschäft nachgeht. Mildred Scheel weiß da bereits, dass sie dem Tode geweiht ist, der sie am 13. Mai 1985 schließlich ereilt.

Festivalleiter Dr. Josef Zierden bedankte sich bei Hella von Sinnen und Cornelia Scheel mit regionalen Spirituosen. Bild: Harald Tittel
Festivalleiter Dr. Josef Zierden (v.l.) bedankte sich bei Hella von Sinnen und Cornelia Scheel mit regionalen Spirituosen. Bild: Harald Tittel

Hella von Sinnen, die wie immer in einem schrillen Overall steckt, der diesmal den Stil eines Conférenciers karikiert, streift in ihrer Lesung zunächst durch die Jugend Mildred und dann die Cornelia Scheels. Das Publikum erfährt, dass Mildred Scheels Kindheit von Förderung, Forderung und dem Bewusstsein der eigenen Besonderheit geprägt ist. Ihr Vater, ein Arzt, vermittelt der intelligenten Tochter das Interesse an Medizin. Mildred Scheel wird schließlich Ärztin und lernt Walter Scheel als Patienten in einem Sanatorium kennen. Cornelia Scheel, wächst nach der Familiengründung der beiden viele Jahre in der Villa Hammerschmidt auf. Aus dieser Zeit hat sie einige lustige Anekdoten aufgeschrieben, wie ihre Mutter dort das Regiment über Ehemann, Hund und Angestellte führt. Wem der immer wieder aufbrandende Zwischen-Applaus beim Vorlesen dieser Passagen gilt, der beschriebenen Persönlichkeit oder der Vortragenden, ist nicht immer klar auszumachen. Am Schluss jedoch steht eindeutig noch einmal Mildred Scheel im Vordergrund. Sie wird als streitbare Kämpferin gezeichnet, die es schafft, sich gegen die starke Lobby bornierter Ärzte-Funktionäre zu behaupten. Sie verhilft Krebs-Patienten durch den Aufbau von Nachsorgezentren und Selbsthilfegruppen zu individuellerem und mündigem Umgang mit ihrer Krankheit.

Der Abend endet mit Jubel für Hella von Sinnen, einer Zugabe und einem „Touché“ das Hella von Sinnen Dr. Josef Zierden zugestehen muss. Er hatte mit der Frage an Cornelia Scheel nach ihrem Kindermädchen aus der Eifel einen Bezug zur Region hergestellt und sich damit einen eleganten Anknüpfungspunkt für die Überreichung einer regionalen Spirituosen-Spezialität an die beiden Damen geschaffen. „Sie sind ein Fuchs“, lobt von Sinnen und nimmt das Geschenk gerne an.

 

 

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