Rezension: „Im Wesentlichen Nichts“ von Markus Saga

zBXljNE2kpSn2wIEin Mann ist unzufrieden mit seinem Leben. Er möchte „morgens aufwachen und einen Sinn haben.“ Und er wartet auf die Welle, die ihn weit über sein eigenes Leben hinaushebt. – In Markus Sagas neuem Roman „Im Wesentlichen Nichts“ begegnen wir Martin Grünwaldt, einem Mann in der Midlife-Crisis, einem Mann der seinen festen Job und seine Familie aufgibt, um gewissermaßen dieses im Romantitel postulierte Nichts mit Sinn zu füllen. Doch sein Weg führt ins Chaos. Er verliebt sich in die vermeintlich türkische Putzfrau Esther, die zwei Kinder hat und mit dem Maler Aras zusammenlebt.

Ein Perser mit magischen Kräften kreuzt seinen Weg, ein Indianer und die ein oder andere gescheiterte Existenz. Es geht um Umwelt- und Naturkatastrophen, um einen Terroranschlag, um Drogenexzesse und um die Finanzkrise, um Literatur und um Liebe. Also eigentlich geht es um das ganze Leben, in seiner täglich uns begegnenden Disparatheit.

Doch der aus der Eifel stammende Autor unternimmt gar nicht erst den Versuch, diese Disparatheit in einen Strom des Erzählens einzufangen und so zu kanalisieren und zu begradigen. Was sich schon in seinem Roman „Kismet war gestern“ andeutete, nämlich ein sehr mosaikartiges Erzählen, das dem Leser einiges an Verknüpfungsfähigkeit abfordert, wird in seinem neuen Roman auch formal durchgehalten. Menschen und Dinge kommen gleichermaßen zu Wort. Da erzählen nicht nur die Hauptakteure, Martin Grünwaldt, Esther, der Perser Farshad, Grünwaldts Tochter Lea und seine Ex-Frau Marga ihre Geschichte, sondern auch Nebenpersonen wie eine Nachbarin, eine Sekretärin, ein Kneipengast, eine Barfrau, ein Polizist, ein Reporter, eine Frau auf dem Amt und selbst Mutter Erde spiegeln ihre Sicht auf das Leben. Selbst unbelebte Dinge wie ein Fischkutter oder eine Kapelle bekommen eine Stimme.

Trotz aller überbordenden Komplexität des Erzählten, in der auch Traumpassagen und explizit literarische Einschübe von Grünwaldt Eingang finden, gelingt Saga durch diese Technik eine gewisse Leichtigkeit des Erzählens, die den Leser sogleich gefangen nimmt und ihn nicht wieder loslässt, bis er ans Ende dieses 171-seitigen Romans angelangt ist. Was im Leben der Protagonisten unvermittelt nebeneinander steht, im Roman wird es wieder zu einem Ganzen, insofern es sich als sprachliche Vermittlung einer als chaotisch empfundenen Wirklichkeit begreift.

Das Einzige, was Martin Grünwaldt am Ende noch bleibt, ist die Liebe. Allein in ihr erfährt er, wenn auch nach vielerlei Umwegen, eine Wahrhaftigkeit, die er in seiner Wirklichkeit vergebens sucht, eine Wahrhaftigkeit, die ihm schließlich auch dabei hilft, zwischen richtig und falsch in seinem Leben zu unterscheiden. Diese Liebe findet für Grünwaldt, der, wie seine Frau einmal erwähnt, alle seine bisherigen literarischen Arbeiten „mit dem Herzen“ geschrieben hat, aber nicht zuletzt ihre Erfüllung in der Liebe zur Literatur selbst. Wie schon Philipp Küchler in „Kismet“ oder Walter im Roman „Eiszeit“, so erfährt auch Martin Grünwaldt einzig in der literarischen Auseinandersetzung mit seinem Leben noch Sinn oder in Verkehrung des Titels gesprochen im Nichts das Wesentliche.

Die fast mystische Gemeinschaft, in der der Roman mündet, die Gemeinschaft von Träumenden, die von der Welt träumen, die sie ihren Kindern hinterlassen möchten, ist also eigentlich, so könnte man folgern, nichts anderes als die Literatur selber, in der die Möglichkeiten eines anderen Lebens seit jeher zur Sprache kommen.

Alles in allem ein weiteres lesenswertes Buch von Markus Saga. Wem die beiden Vorgänger-Romane gefallen haben, der wird auch an diesem neuen Roman seine Freude finden und danach gespannt sein auf alles, was der Autor in den nächsten Jahren noch zu Papier bringt.

Eifeler Presse Agentur/epa

Markus Saga: Im Wesentlichen Nichts. Verlag: Ralf Liebe, Weilerswist. 2015. 20 Euro. 171 Seiten. ISBN: 978-3-944566-33-7.

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