Als der Kreis noch bar gezahlt und Milchgeld gegeben hat

51 Jahre Tätigkeit beim Kreis Euskirchen: Bernhard Siegel über Akten, Manteltage und Tätigkeit als „Bodyguard“ am Zahltag

Von der Obrigkeitsbehörde zum modernen Dienstleistungsunternehmen: Bernhard Siegel hat den Wandel im Öffentlichen Dienst in den vergangenen fünf Jahrzehnten miterlebt. Foto: Kreisverwaltung Euskirchen
Von der Obrigkeitsbehörde zum modernen Dienstleistungsunternehmen: Bernhard Siegel hat den Wandel im Öffentlichen Dienst in den vergangenen fünf Jahrzehnten miterlebt. Foto: Kreisverwaltung Euskirchen

Kreis Euskirchen – Wenn heute jemand 30 oder 40 Jahre bei ein und demselben Arbeitgeber tätig ist, dann ist das schon bemerkenswert. Dass jemand aber nach mehr als 50 Jahren in einem Unternehmen in den Ruhestand geht, dürfte rekordverdächtig sein. Bernhard Siegel hat dieses Kunststück geschafft: Nach genau 51 Jahren bei der Kreisverwaltung Euskirchen ist der 65-Jährige jetzt in Pension gegangen.

Wer rechnen kann, hat es gleich erkannt: Im zarten Alter von 14 Jahren hat der junge Bernhard 1965 seine Lehre „beim Kreis“ begonnen. Der junge Lehrling, der in Enzen wohnte, kann sich noch sehr gut an seinen ersten Tag erinnern. Sein Arbeitsplatz war damals in der Euskirchener Bahnhofstraße, wo das Sozialamt in einer Nebenstelle untergebracht war. Dort machte er gleich an seinem ersten Tag Bekanntschaft mit einem zentralen Behördenelement, das ihn die folgenden 51 Jahre nicht mehr verlassen sollte – der Akte. „Mein damaliger Chef hat mir gleich die GR-Kontrolle übertragen, das heißt, ich durfte Akten nur ‚Gegen Rückgabe‘ herausgeben und musste auch kontrollieren, dass sie anschließend wieder ordnungsgemäß zurückgegeben wurden.“

Die GR-Verantwortung hat der junge Verwaltungslehrling offensichtlich zur Zufriedenheit seines Vorgesetzten ausgeübt. Denn schon bald „durfte“ er sich in seiner Pause um dessen private Einkäufe kümmern. Sein Chef war Amateurfunker und benötigte immer wieder Widerstände, Dioden und Kondensatoren. „Nachher hatte ich echt Ahnung von dem Zeug“, blickt Bernhard Siegel schmunzelnd zurück. „Es war halt eine ganz andere Zeit“.

Gut gefallen hat ihm auch seine Aushilfstätigkeit in der Poststelle, als er mit einem Lastenfahrrad bei Wind und Wetter durch Euskirchen gefahren ist. Schwer beladen gab es auch schon mal bei Glatteis eine unsanfte Begegnung mit dem Asphalt, „aber dann stand man auf und weiter ging es.“

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Eine kurze Zeit fungierte er auch als so eine Art „Bodyguard“. Dazu muss man wissen, dass das Gehalt für die Angestellten und Beamten damals noch in bar ausgezahlt wurde. Wenn Zahltag war, musste das Geld von der Sparkasse geholt werden. Der Mann mit dem Geldkoffer wurde dann meistens von Azubis flankiert. „Das war für uns junge Burschen schon sehr aufregend.“

Siegels erster Monatslohn betrug 75 D-Mark. Allerdings wurde dieser Betrag in der Zeit beim Sozialamt noch um stattliche 15 Mark aufgestockt, weil er dort auch für die Tuberkolose-Fürsorge tätig war und deshalb – wegen Ansteckungsgefahr – einen Zuschuss zum Kauf von Milcherzeugnissen erhielt. „Ich bin dann mit meiner Mutter zur Molkerei gegangen, wo wir mit dem Milchgeld eingekauft haben.“

Nach dem Zusammenschluss der Altkreise Euskirchen und Schleiden wurde Bernhard Siegel in eine andere Außenstelle versetzt, ins ehemalige Waisenhaus an der Kommerner Straße. Dort war unter anderem das Straßenverkehrsamt untergebracht. „Das war eine schöne Zeit, wir waren eine große Gemeinschaft. Der Nachteil des alten Gebäudes: Die Heizung fiel öfters aus. Dann wurden die Mäntel angezogen und weiter ging es.“

Mittlerweile hatte sich der einstige Verwaltungslehrling fest etabliert und über eine weitere Station – die Verwaltung der Polizei – den Aufstieg in den gehobenen Dienst und da in den Bereich der Personalverwaltung geschafft. Danach ging es in den Bereich der Kommunalaufsicht. Dabei erinnert er sich gerne an seinen damaligen Chef Oberkreisdirektor Dr. Ingo Wolf zurück, vor allem an das Großprojekt der Einführung des Neuen Steuerungsmodells. „Ich bin mit Dr. Wolf durch halb NRW gefahren, um das Projekt in anderen Kreisen vorzustellen.“ Später arbeitete Bernhard Siegel in der Verwaltungsorganisation, zuletzt war er Leiter des Personalmanagements.

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Wenn er heute zurückblickt, dann bleibt der enorme technische Fortschritt „auf dem Amt“ hängen. So gab es Zeiten, als er telefonisch seine Briefe an die Schreibkräfte im Kreishaus diktierte. Erst einige Tage später bekam man dann den Brief. „Der erste Computer war eigentlich nicht mehr als eine bessere Schreibmaschine“, so Siegel, der immer offen für neue Technik war. „Oder die ersten Telefone: schwere, schwarze Apparate mit Wählscheibe…“

„Nicht vergessen werde ich auch, dass in schweren Stunden Kolleginnen und Kollegen zu mir gestanden haben und sogar einmal eine Resolution zu meinen Gunsten verfasst haben. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar.“

Was bleibt nach 51 Jahren? „Die Arbeit hat mir bis zum Schluss Freude gemacht, ich konnte mich immer damit identifizieren“, so der heute in Rheinbach lebende Pensionär, der auch heute jungen Menschen rät, bei entsprechendem Interesse eine Arbeit im Öffentlichen Dienst in Erwägung zu ziehen. Im Gegensatz zu früher seien die Ämter wie die Kreisverwaltung heute moderne Dienstleistungsunternehmen, in denen der Kunde im Mittelpunkt stehe. „Die Aufstiegschancen sind gut. Und die Bezahlung ist auch deutlich besser als in den 1960er Jahren – auch wenn es heute kein Milchgeld mehr gibt.“

Rückblickend auf seine Lehrlingszeit erinnert sich Bernhard Siegel auch noch gut an den damaligen Landrat Rudi Blass- und damit an eine weitere Tätigkeit, die heute nicht unbedingt im Lehrplan des Verwaltungsnachwuchses steht. „Bei Beerdigungen wurden wir immer als Kranzträger eingesetzt.“ Während der Landrat die Trauerrede hielt, mussten die Lehrlinge dafür sorgen, dass der Kranz rechtzeitig zum Grab getragen wurde. „Einmal wäre es fast schief gegangen, weil wir den Kranz zunächst nicht finden konnten. Die Rede des Landrates wurde immer länger und länger, er suchte verzweifelt nach Worten, bis wir den Kranz endlich von der Empore der Leichenhalle heruntergewuchtet und zur Grabstelle rangeschleppt hatten. Hat er uns aber nicht übel genommen…“ (epa)

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