Ranga Yogeshwar warf kritischen Blick in die digitale Zukunft

Ranga Yogeshwar warnte vor einer Technik, die den Menschen entmündigt. Bild: Harald Tittel/ELF
Ranga Yogeshwar warnte vor einer Technik, die den Menschen entmündigt. Bild: Harald Tittel/ELF

Bewusstsein von 800 Besuchern des Eifel-Literatur-Festivals für einen verantwortlichen Umgang mit dem Fortschritt geschärft, dessen Rasanz so noch nie dagewesen ist

Anke Emmerling Bitburg/Eifel – Rund 800 Menschen waren zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg gekommen, um einen Mann zu erleben, der sich durch so fundierte wie unterhaltsame Wissensvermittlung den Status eines Medien-Stars erworben hat: Ranga Yogeshwar. Der Luxemburger Physiker, Wissenschaftsjournalist, Autor und Moderator von Fernsehsendungen wie „Quarks & Co.“ oder „Die große Show der Naturwunder“ sprach über ein Thema, das alle bewegt: die Zukunft.

Applaus brauste durch die ausverkaufte Stadthalle Bitburg, als Ranga Yogeshwar Saal und Bühne betrat. Kein Wunder, der 58jährige ist dank seiner Medienpräsenz nicht nur populär, er ist auch ein Sympathieträger. Freundlich und natürlich sein Auftreten, offen der Blick in die Menge, stellte er augenblicklich einen Draht zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern her. Und sie hörten ihm interessiert zu, weil er über etwas sprach, dem sich niemand entziehen kann: den Wandel der Welt, den er in seinem Bestseller „Nächste Ausfahrt Zukunft“ unter die Lupe genommen hat. Zum Auftakt las er das erste Kapitel, eine Alltagsgeschichte, in der sich wohl die meisten im Publikum wiederfanden:

Rund 800 interessierte Besucher folgten den Ausführungen des bekannten Fernsehmoderators. Bild: Harald Tittel/ELF
Rund 800 interessierte Besucher folgten den Ausführungen des bekannten Fernsehmoderators. Bild: Harald Tittel/ELF

Yogeshwar will sich in der heimischen Küche eine Tasse Kaffee aus dem schicken Vollautomaten ziehen, aber der funktioniert nicht. Wahrscheinlich ist der Mikroprozessor kaputt, und das Gerät muss eingeschickt werden. Bleibt ihm also nur, sich einen Kaffee per Hand aufzubrühen. Dabei findet er eine schon fast vergessene Erfahrung wieder, selbst beteiligt, ja Herr über einen Zubereitungsprozess zu sein, der mit sinnlichem Erleben einhergeht. Hinter der humorvoll geschilderten Geschichte steht eine ernste Erkenntnis: Die Übertechnisierung unseres Alltags nimmt uns unsere Autarkie. Der Automat degradiert den Verbraucher zum Knöpfchendrücker, kommandiert und erpresst ihn. Mit diesem Beispiel veranschaulicht Yogeshwar, für was er seine Leser sensibilisieren will: Bewusstsein für und verantwortlichen Umgang mit einem Fortschritt, dessen Rasanz so noch nie dagewesen ist. Ein organisches Wachstum von Zukunft aus Vergangenheit, mit Zeit zur Anpassung, gebe es nicht mehr, sagte er. Vielmehr herrsche ein disruptiver Wandel vor, eine schlagartige Verdrängung bewährter und erfolgreicher Entwicklungen durch Innovationen.

Garantiert nicht auf Knopfdruck erzeugt war der Eifelgeist, den Festiballieter Dr. Josef Zierden Ranga Yogeshwar überreichte. Bild: Harald Tittel/ELF
Garantiert nicht auf Knopfdruck erzeugt war der Eifelgeist, den Festivalleiter Dr. Josef Zierden Ranga Yogeshwar überreichte. Bild: Harald Tittel/ELF

Das gelte besonders im Bereich der Digitalisierung, die unsere Vorstellung von Zukunft am stärksten präge. Yogeshwar zeigte Bilder von 1983 aus einem Rechenzentrum, in dem er gearbeitet hat, Räume mit riesigen „Supercomputern“ und erklärte, dass deren Leistung heute bereits täglich für jedermann im handlichen Smartphone verfügbar sei. Der Vormarsch von künstlicher Intelligenz und Vernetzung berge Risiken und schaffe gesellschaftliche Veränderungen, warnte der Autor und führte die Informationsübermittlung an. Alle, die ein gedrucktes Produkt läsen, teilten die gleichen Informationen. „Im Netzwerk jedoch werden wir nach unseren Vorlieben gefüttert, jeder hat eine andere Wahrheit“. Das begünstige die Verbreitung von Fake-News und damit die Diskrepanz zwischen Fakt und Vorstellung. Besondere Gefahr berge die Lernfähigkeit der Computer.

Ranga Yogeshwar musste sehr viele Autogrammwünsche erfüllen. Bild: Harald Tittel/ELF
Ranga Yogeshwar musste sehr viele Autogrammwünsche erfüllen. Bild: Harald Tittel/ELF

Als griffiges Beispiel dafür las Yogeshwar zunächst vor, wie er auf einem Klangkunstfestival 1979 die Begeisterung über eine synthetisch erzeugte Stimme mit dem Einwand dämpfte: „Aber sie atmet nicht“. Dann lässt er die aktuelle Tonaufnahme eines Dialogs ablaufen, in der vermeintlich zwei Menschen einen Termin vereinbaren, aber einer von ihnen ist eine virtuelle Sprachassistentin, die verblüffend echt wirkt. Es folgt ein Versuch mit dem Publikum. Es soll in Hörbeispielen einschätzen, ob Klaviermusik von Menschen oder Computern gemacht ist. Weil keine Unterscheidung möglich ist, bleibt als Ergebnis eine große Verunsicherung zurück. Täuschungen dieser Art werden zunehmen, warnt Yogeshwar und: „Wenn wir nicht aufpassen, werden uns die digitalen Produkte eine Norm aufdrängen“. Doch damit nicht genug der bedrohlichen Zukunftsaussichten. Er berichtete auch über die Entwicklung von „Schnüffel-Software“ auf elektronischen Readern, die den Leser genau scannt und aus seinen Regungen sowohl personalisierte Umformungen der Lektüre wie auch Analysen seines Gesundheitszustandes generiert. Yogeshwar gestaltete den Abend mit einem Mix aus Lesepassagen, Erzählungen, Ton- und Bildaufnahmen abwechslungsreich. Und er fesselte, weil er immer wieder eigene biografische und wissenschaftliche Erfahrungen einbrachte. Das machte ihn authentisch und überzeugend. Er leistete Aufklärung und Sensibilisierung und hinterließ Denkanstöße. Kritische, wie die Frage: „Wollen wir eine Zukunft, in der der freie Wille nicht mehr da ist, da durch Datensammlung  jeder unserer Schritte manipuliert und gelenkt werden kann?“ Und ermutigende wie den Appell, offen für jede neue Erkenntnis zu sein, und im Wandel die Chance der Gestaltung zu begreifen.

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