Traditionsreicher Nahversorger wandelte sich in Inklusionsbetrieb

Vor exakt 100 Jahren eröffnete Michael Melder das erste Lebensmittelgeschäft in der Kurstadt, heute sorgen die Nordeifel.Werkstätten mit ihrem inklusiv betriebenen „Cafésito“ dafür, dass das spätere Geschäftshaus weiterhin mit Leben erfüllt bleibt

Rechtsanwalt Michael Nücken (links) freut sich, dass die NE.W mit ihrem Cafésito unter der Leitung von Reka Cserei (2.v.l.) und ihrem Team aus NE.W-Beschäftigten und Mitarbeitenden seinem Geburtshaus, besser bekannt als Haus Melder, weiterhin Leben einhaucht. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Rechtsanwalt Michael Nücken (links) freut sich, dass die NE.W mit ihrem Cafésito unter der Leitung von Reka Cserei (2.v.l.) und ihrem Team aus NE.W-Beschäftigten und Mitarbeitenden seinem Geburtshaus, besser bekannt als Haus Melder, weiterhin Leben einhaucht. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Bad Münstereifel – Als die Nordeifel.Werkstätten im Juli 2014 wieder Lebensmittel im ehemaligen „Haus Melder“ in Bad Münstereifel anboten, setzte man mit dem „NimmEssMit“-Markt nicht nur ein neues Lebensmittelkonzept in der Kurstadt um, sondern auch eine alte Münstereifeler Tradition fort. Denn der Namensgeber des Melder-Hauses, Michael Melder, hatte bereits 1926, also vor genau 100 Jahren, in Münstereifel das erste Lebensmittelgeschäft der Stadt eröffnet. Doch anders als vor einem Jahrhundert gehörten ab 2014 erstmals zehn Menschen mit einer Behinderung zum Geschäft, so dass dieses wesentlich zur Inklusion beitrug.

Der Münstereifeler Rechtsanwalt Michael Nücken ist der Enkel von Michael Melder und kennt sich nicht nur deshalb gut mit der Geschichte des Hauses aus, sondern er hat auch einen ganz besonderen Bezug zu diesem Gebäude, da er darin 1951 das Licht der Welt erblickte. Darüber hinaus erinnert er sich an einen verrückten Zufall, denn am 29. Januar 1926, dem Tag der Gewerbeanmeldung für die Firma Michael Melder, die zunächst in einem anderen Münstereifeler Gebäude residierte, wurde Nückens Vater geboren, der Palmersheimer Jack Nücken.

Michael Melder gründetet vor 100 Jahren die Firma Melder, die sich um die Lebensmittelversorgung in Bad Münstereifel kümmerte. Bild: Nücken
Michael Melder gründetet vor 100 Jahren die Firma Melder, die sich um die Lebensmittelversorgung in Bad Münstereifel kümmerte. Bild: Nücken

„Mein Opa und mein Vater haben sich leider nie kennengelernt, weil mein Opa mitten im Krieg an einem Herzschlag verstorben ist“, erinnert sich Michael Nücken. Er habe vier Kinder hinterlassen, darunter Zwillinge im Alter von gerade einmal fünf Jahren. Die älteste Tochter, Anni, war Michael Nückens Mutter. Gemeinsam mit ihrem Mann Jack, einem gelernten Lebensmittelkaufmann, sorgte sie nach ihrer Hochzeit im Jahre 1948 für den beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung der Firma Melder in der Nachkriegszeit.

„In den 50er und 60er Jahren war die Blütezeit Münstereifels als Kurstadt. Es gab das Josefsheim und das Kurhaus, dazu große Hotels, Restaurants und kleinere Lebensmittelgeschäfte, die alle von Melder beliefert wurden“, erinnert sich Nücken. Jeden Morgen seien zwei Lkws der Firma Melder nach Köln zum Großmarkt gefahren, um einzukaufen. Gegen 8 Uhr habe man dann in der Kurstadt die Kurhäuser, Hotels und kleineren Abnehmer beliefert.

Bekannt sei Melder aber auch für seine Kartoffeln gewesen. „Die Kartoffeln kamen in einem Waggon aus der Lüneburger Heide in Münstereifel an und wurden dann in Säcke abgepackt oder auch lose verkauft – als Speise-, Einkellerungs- und auch Saatkartoffel“, erzählt Nücken und scherzt: „Aus dieser Zeit kenne ich noch viele Keller in Bad Münstereifel.“

Mit Jack Nücken erlebte die Firma Melder ihren großen Aufschwung in der Nachkriegszeit. Bild: Nücken
Mit Jack Nücken erlebte die Firma Melder ihren großen Aufschwung in der Nachkriegszeit. Bild: Nücken

Für Interesse hätten auch die exotischen Früchte gesorgt, die Melder vertrieb. Nücken erinnert sich noch, dass in seiner Jugendzeit die Münstereifeler beispielsweise mit roter, grüner und gelber Paprika zunächst gar nichts anzufangen wussten.

Mit 60 Jahren ging Jack Nücken in den Ruhestand und verpachtete das Geschäft. Ein späterer Pächter verkaufte leider den Großhandel, so dass das Haus Melder in den 1980er Jahren nicht gegen die aufkommenden Supermarktriesen bestehen konnte.

„Nachdem der letzte Pächter mit einem erheblichen Mietrückstand das Geschäft verließ, glaubte ich nicht mehr an eine Zukunft von Haus Melder“, berichtet Nücken. Doch dann seien die NE.W mit der Idee auf ihn zugekommen, in Münstereifel einen CAP-Markt zu errichten, also ein inklusives Lebensmittelgeschäft. „Ich habe mir zusammen mit meiner Frau dann einige CAP-Märkte in Süddeutschland angeschaut und war davon sehr begeistert“, so Nücken.

Doch leider waren die Geschäftsräume für einen CAP-Markt, wie er beispielsweise in Kuchenheim von den NE.W betrieben wird, in Münstereifel zu klein, so dass man etwas abspecken musste und im Juli 2014 den „NimmEssMit“-Markt eröffnete, der in der Kurstadt sogleich begeistert angenommen und auch von den zahlreichen Schülerinnen und Schülern aus den umliegenden Schulen gern besucht wurde.

Aber wie in einem Märchen währte die erfolgreiche Fortsetzung der Nahversorgungsgeschichte in Münstereifel nur sieben Jahre. In der verheerenden Juli-Flut von 2021 wurde der Markt völlig zerstört. Damit fiel nicht nur ein beliebter Treffpunkt für Schüler, Geschäftsleute und Touristen weg, sondern auch die letzte Nahversorgung für Artikel des täglichen Bedarfs für alteingesessene Bürgerinnen und Bürger in der Innenstadt.

„Die Flutkatastrophe hat bei einigen unserer Beschäftigten und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis heute sehr tiefe Narben hinterlassen“, berichtet NE.W-Geschäftsführer Christoph Werner. Um so wichtiger sei es gewesen, dass man rasch beschlossen habe, den Markt wieder aufzubauen, auch um den Beschäftigten zu zeigen, dass man sich als Mensch nicht so einfach mit seinem Schicksal abfinden muss.

Doch einfach sei diese Zeit nicht gewesen. „Neben der Entkernung musste kurzfristig ein neues sinnvolles Konzept erstellt werden, um ein modernes Café für unsere Beschäftigten und Kunden zu errichten“, erinnert sich Christoph Werner. Doch nur zwei Jahre nach der Flut konnte der beliebte Markt als ein um 50 Quadratmeter erweitertes Bistro unter dem neuen Namen „Cafésito“ vom Kernteam unter der Leitung von Reka Cserei wieder eröffnet werden.

„Das Engagement der NE.W war für mich der Grund, auch weiterhin in die Immobilie zu investieren“, verrät Nücken, auch wenn mancher ihn für verrückt halte und nicht verstehe, warum er das Gebäude nicht verkaufe, sondern es sogar noch nach der Ersteigerung des Nachbargebäudes erweitert habe. „Aber ich hänge halt an diesem Haus und seiner Geschichte“, erklärt Nücken.

Heute dient das „Cafésito“ wieder als kleiner Nahversorger, Café, Bistro und sogar Lieferservice für weniger mobile Menschen und wird natürlich weiterhin inklusiv betrieben von Menschen mit und ohne Behinderung. Und so wie vor 100 Jahren ist das Haus Melder auch noch immer ein sozialer Treffpunkt, an dem sich Menschen mit und ohne Behinderung, Schülerinnen und Schüler sowie Einheimische und Touristen begegnen.

„Wir freuen uns nicht nur, dass uns der Wiederaufbau geglückt ist, sondern ganz besonders, dass wir einem Geschäftshaus mit einer langen Münstereifeler Tradition als inklusives Unternehmen weiterhin Leben einhauchen dürfen“, so Christoph Werner. Das zeige, wie wichtig und wertvoll Inklusion für die Gesellschaft sei.

Eifeler Presse Agentur/epa

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