Schlagwortarchiv: Was die Nächte uns antun

„Ein Vers ist ein Sandkorn, das weiß, wer ich bin“

Buchrezension: Andreas Züll: Was die Nächte uns antun. Gedichte – Fragmente – Photographien

Wer Lyrik für anachronistisch und angesichts einer komplexen und mit vielen „echten“ Problemen behafteten Gegenwart für überflüssige Spielerei hält, hat sich längst einen Standpunkt zu eigen gemacht, den die Medien seit ihrem Beginn im 19. Jahrhundert mit Vehemenz vertreten, indem sie behaupten, dass nur Tatsachen, Fakten und wissenschaftliche Beweise von Relevanz sind. Dabei wird übersehen, dass auch diese, will man von ihnen reden, allesamt sprachlicher Natur sein müssen. Selbst das, was man selbst erlebt – und das ist heute das Wenigste -, will doch sprachlich vermittelt sein, um es als Erlebnis überhaupt erst sinnfällig und damit bedeutend und mitteilbar zu machen. Entgegen der heutigen allgemeinen Vorstellung einer faktenbasierten Realität hatte der deutsche Philosoph und Sprachdenker Johann Georg Hamann im sprachkritischen Rekurs auf Kants Erkenntniskategorien schon früh erkannt: „Poesie ist die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“, was nichts anderes heißt, als dass die instrumentalisierte Nachrichten-, Wissenschafts- oder Fachsprache eine zugerichtete und degenerierte Sprache ist, der gegenüber die „Muttersprache“ ein bewusstes Sprechen in Bildern und Metaphern meint und damit einer Reflexion der Sprache in Sprache gleichkommt. In diesem bewussten Sprechen kann sich der Mensch als Mensch einzig zur Sprache bringen, in allem anderen Sprechen dagegen waltet (neben der wissenschaftlichen Erkenntnis) vor allem die Absicht vor, von etwas überzeugen, benachrichtigen, informieren oder auch nur ablenken zu wollen. „Ein Vers ist ein Sandkorn, das weiß, wer ich bin“ weiterlesen →