Sprache ist das A und O für Integration

Ausstellung „BINGO“ über erfolgreiches Ankommen und Verwurzeln in der Gesellschaft von Euskirchener Neubürgern eröffnet – Großformatige Bilder mit Hintergrundgeschichten noch bis Freitag, 23. September, in der Kreissparkassen-Geschäftsstelle „BC Kirchplatz“ zu sehen

Anna-Lena Lohmüller (v.l.) vom Projekt „BINGO“ und Rita Witt, Direktorin des Vorstandsstabes KSK, eröffneten die Ausstellung über erfolgreiche Integration. Mit dabei waren auch mehrere Protagonisten der Ausstellung, die ihre Geschichte vor Ort erzählten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Anna-Lena Lohmüller (v.l.) vom Projekt „BINGO“ und Rita Witt, Direktorin des Vorstandsstabes KSK, eröffneten die Ausstellung über erfolgreiche Integration. Mit dabei waren auch mehrere Protagonisten der Ausstellung, die ihre Geschichte vor Ort erzählten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Euskirchen – „Bingo!“ ruft man in dem bekannten Lotteriespiel aus, wenn man gewonnen hat. „Bingo“ denkt sich auch Norbert Weber jedes Mal, wenn er einen seiner ehemaligen Schützlinge in Geschäften, Verwaltungen und Institutionen wiedertrifft. Denn der Leiter des Jugendmigrationsdienstes Euskirchen setzt sich seit 1990 dafür ein, dass Neubürger gut in der Gesellschaft ankommen.

Gewonnen haben aber nicht nur die Zuwanderer, die in ihrer neuen Heimat angekommen sind, dort erfolgreich ihre Ausbildung absolviert haben und Arbeit sowie Freunde gefunden haben. Gewonnen hat auch die Gesellschaft: Durch die Arbeitsplätze werden Sozialleistungen für die Gemeinschaft gesichert, kulturelle Errungenschaften anderer Länder bereichern auch die hiesige Gesellschaft. „Auch wir haben Mitarbeiter aus verschiedenen Nationen – wichtig sind nur Wesen, Wissen und Sprachkenntnisse, nicht Nationalität oder Hautfarbe“, betonte Rita Witt, Direktorin des Vorstandsstabes Kreissparkasse Euskirchen (KSK), am vergangenen Montagnachmittag in der Geschäftsstelle am Kirchplatz in Euskirchen.

Großformatige Portraits laden ein, die Geschichten von Neu-Euskirchenern zu erfahren. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Großformatige Portraits laden ein, die Geschichten von Neu-Euskirchenern zu erfahren. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Denn dort eröffnete sie die Ausstellung „BINGO“, in der die Geschichten von Migranten verschiedener Nationen, die allesamt in Euskirchen Fuß gefasst haben, in Wort und Bild erzählt werden. Anna-Lena Lohmüller vom Projekt „BINGO“: „Das sind unsere Vorbilder. Sie alle sind positive Beispiele für erfolgreiche Integration. Wie wollen mit der Ausstellung einerseits diese positiven Beispiele in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, andererseits aber auch jungen Migranten Mut machen, ihren Weg in diese Gesellschaft zu gehen.“

Hinter dem Integrationsprojekt „BINGO“ stehen die Katholische Jugendagentur Bonn, der Jugendmigrationsdienst Euskirchen und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Kreissparkasse hatte die Ausstellung, die erstmals im Thomas-Esser-Berufskolleg Euskirchen gezeigt wurde, finanziell unterstützt, wie Lohmüller berichtete. Rita Witt: „Ich fand die Ausstellung sehr bedeutsam, deshalb haben wir gerne unsere Geschäftsräume in der Euskirchener Innenstadt für eine Weiterführung bereit gestellt.“ Das Thema liege ihr am Herzen: „Angst machen mir nicht die Migranten, sondern einige aktuelle Wahlergebnisse“, so die Stabsstellendirektorin.

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Die Leiterin der KSK-Geschäftsstelle Beratungscenter Kirchplatz, Melanie Möseler, bemerkte: „Der Ort ist sehr gut gewählt, wir haben hier viel Kundenverkehr mit Menschen aus zahlreichen Nationen.“ Zu sehen sind jeweils ein großformatiges Portrait des Vorbildes mit einem kurzen Abriss seiner Geschichte. Katrin Friedrich von der Katholischen Jugendagentur Bonn: „In der Begleitbroschüre sind die ausführlichen Geschichten geschildert.“

Rita Witt begrüßte aber auch vier der Protagonisten des Projektes, die ihre Erlebnisse schilderten. So kam Beata im Alter von 16 Jahren aus Polen nach Deutschland: „Das war vor 26 Jahren. Der Anfang war ziemlich hart, ich konnte kaum Deutsch, ich wurde aus meinem vertrauten Umfeld mit Freundeskreis und meiner Familie gerissen.“

Alles, was sie wollte, war so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat – spätestens als Erwachsene. „Doch dann habe ich mich geöffnet und mich angestrengt. Mittlerweile ist Deutschland meine zweite Heimat geworden.“ Sie hat erfolgreich Schule und Ausbildung abgeschlossen und arbeitet heute im Kreishaus Euskirchen.

Auch Lukas stammt ursprünglich aus Polen. 1989 wagte er als 13-Jähriger die Flucht über die derzeit noch streng bewachte Grenze zwischen Polen und der DDR, bis er in Euskirchen ankam – dort wohnte bereits seine Tante. Durch die Sozialarbeit von Norbert Weber und viele ihn unterstützende Lehrer und Schulleiter habe er nicht nur seinen Beruf, sondern auch seine Berufung gefunden: In Köln studierte er Soziale Arbeit und ist nun selbst wieder im Kreis Euskirchen als Sozialarbeiter tätig. Lukas: „Für mich sind nicht wir die Vorbilder, sondern die Lehrer, die uns zur Seite gestanden haben.“

Marielle kam mit drei Jahren aus der Elfenbeinküste nach Deutschland, nachdem ihr Vater gestorben war und die Mutter als alleistehende Frau mit sechs Kindern keine Zukunft mehr in ihrem Land sah. „Ich bin im Kindergarten und der Schule auch gehänselt worden. Doch ich versuche immer mit den Menschen zu reden. Ich finde es normal, dass ich dunkel bin und andere hell sind.“ Sie habe aber auch immer Freunde gefunden – manchmal auch in Menschen, die sie zuerst ablehnten. „Aber jeder kann sich ändern“, konstatierte Marielle, die aktuell das St.-Michael-Gymnasium Bad Münstereifel besucht und Ärztin werden möchte.

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Kekelis Ursprungsfamilie floh aus Togo vor dem derzeitigen Terrorregime, sie selbst ist in Deutschland geboren und beherrscht die Sprache perfekt – neben Englisch, Französisch, Mina und Ewe. „Ich habe öfter Ausgrenzung erlebt – es ist schwer, mit Worten etwas zu erreichen, wenn die anderen auf Durchzug schalten.“ In der Schule hat sie sich deshalb an Lehrer und die Schulleitung gewendet, die dann Schulstunden bereit stellten, in denen Kekeli von der Heimat ihrer Eltern, den Menschenrechtsverletzungen dort und ihrem Leben in Deutschland erzählen konnte. Kekeli: „Dadurch wurde es dann einfacher.“ Kekeli möchte gerne ebenfalls Ärztin werden, um dann im Land ihrer Vorfahren Menschen zu helfen.

Elina kam 1996 nach Deutschland. Sie spricht so akzentfreies Hochdeutsch, dass erst auf Nachfrage zu erfahren ist: Sie kam als Zehnjährige aus Estland nach Deutschland, ihre Muttersprache ist Russisch. „Ich habe viel Glück in der Schule gehabt und viele Chancen bekommen“, so Elina. Dabei war der Anfang nicht leicht: keine Sprachkenntnisse und andere kulturelle Gepflogenheiten machten ihr das Leben schwer. So brachte sie ihre Sportsachen in der Plastiktüte eines Discounters mit in die Schule und wurde deswegen ausgelacht. Das verstand sie nicht, denn in Estland waren Plastiktüten „in“ – je bunter, desto besser.

Doch Elina arbeitet hart, lernt schnell die neue Sprache. Sie ist dem damaligen Leiter der Euskirchener Willi-Graf-Realschule immer noch dankbar, der sie stark gefördert hat. Nach dem Realschulabschluss wechselt sie zum Gymnasium, absolviert Abitur und ein anschließendes Lehramtsstudium und ist heute Lehrerin für Deutsch, Englisch und Philosophie.

Ursula Albin vom Migrations-Bundesamt: „Ich freue mich sehr über dieses Projekt und würde mir so etwas flächendeckend in der gesamten Republik wünschen.“ Eines haben die Menschen hinter den erfolgreichen Integrationen gemeinsam, wie Rita Witt resümierte: „Wichtig sind der Wille zur Integration und Kommunikation – ohne Sprachkenntnisse geht gar nichts.“

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Zu sehen ist die Ausstellung noch bis Freitag, 23. September, während der Öffnungszeiten des BC Kirchplatz in Euskirchen, Kirchstr. 11-13: Montags, dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 12.30 Uhr sowie von 14 bis 16 Uhr, donnerstags durchgehend von 9 bis 18 Uhr.

Eifeler Presse Agentur/epa

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