Gewaltfreies Lernen braucht positive Vorbilder

Über 300 Schüler und das gesamte Kollegium der Euskirchener Gemeinschaftsgrundschule Nordstadt haben ein spezielles Trainingsprogramm durchlaufen, um bewusster und respektvoller miteinander umgehen zu können – Kreissparkasse Euskirchen, Volksbank Euskirchen und Sparda Bank finanzierten das aufwändige Programm

Hartmut Cremer (v.l.), Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Euskirchen, unterstützt die Bemühungen von Schulleiterin Monika Tilk und Kathy Niemann für „Gewaltfreies Lernen“ ebenso wie Alexis Höhn und Christiane Winand von der Volksbank Euskirchen sowie Ferdi Heinrichs, Filialleitervertreter der Sparda Bank Euskirchen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Hartmut Cremer (v.l.), Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Euskirchen, unterstützt die Bemühungen von Schulleiterin Monika Tilk und Kathy Niemann für „Gewaltfreies Lernen“ ebenso wie Alexis Höhn und Christiane Winand von der Volksbank Euskirchen sowie Ferdi Heinrichs, Filialleitervertreter der Sparda Bank Euskirchen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Euskirchen – Die Rückansicht eines Elefanten ziert die Eingangshalle der Euskirchener Gemeinschaftsgrundschule (GGS) Nordstadt. Der Dickhäuter soll ein Vorbild sein, wenn es zu Provokationen unter den Schülern kommt: Einfach an der dicken Haut abprallen lassen. Oder mit einem lockeren Spruch begegnen: „Wie geht’s Dir heute so?“ Hilft auch das nichts und der andere lässt nicht locker, haben die Schüler durch ein spezielles Training weitere gewaltfreie Lösungsstrategien an der Hand. Möglich geworden ist dies durch das spezielle Trainingskonzept „Gewaltfrei Lernen“, wie Monika Tilk, Schulleiterin der GGS, und Konrektorin Kathy Niemann am vergangenen Freitagmorgen berichteten.

Dabei wurden nicht nur die rund 300 Schüler geschult, sondern auch das gesamte Schulpersonal. Die Wirkung sei deutlich, wie Kathy Niemann sagte: „Die Kinder regeln jetzt viele Streits unter sich.“

Dabei benutzen die „Pänz“ eine dreischrittige Stopp-Regel, wie die Konrektorin erklärte: „Wenn ein Kind sich bedrängt fühlt, sagt es »Stopp, hör auf«.“ Wenn das nicht hilft, macht das Kind mit „Stopp, hör auf, oder ich hole die Aufsicht“ klar, dass Konsequenzen kommen werden, sollte der Mitschüler sein unerwünschtes Verhalten nicht einstellen. Sollte auch das nicht wirken, folgt ein „Jetzt reicht’s – ich hole die Aufsicht.“

Wenn es tatsächlich soweit kommt, dass die Aufsicht eingreifen muss, gibt es als Konsequenz etwa ein Spielverbot in der Pause – wie im Basketball beim Foul wird der Betreffende auf die Bank geschickt. Sollte auch das nicht fruchten, wird ein Aufenthalt im eigens hergerichteten Trainingsraum verordnet. Kathy Niemann: „Dort müssen sie dann einen Reflexionsbogen ausfüllen, in dem sie das Geschehene beschreiben und dann überlegen, was sie hätten besser machen sollen.“

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Das schafft nicht nur ein Nachdenken über die Situation, sondern auch ein Bewusstsein für Unrecht. Außerdem müssen sie einen Entschuldigungsbrief verfassen oder ein Bild für den Geschädigten malen. Zudem werden die Eltern informiert, denn auch die sind Bestandteil des Programms. Manche Schüler bieten dann auch an, als Entschuldigung etwa eine Woche den Stuhl für den anderen nach Unterrichtsschluss hochzustellen

Beim Training konnten die Schüler in Rollenspielen selbst erleben, wie es ist, plötzlich als Außenseiter dazustehen. In der Schule gibt es die „Partner-Regel“, wie Niemann erklärte: „Wir sind alle ein Team und deshalb wechseln die Schüler bei gemeinsamen Aufgaben die Lernpartner. Da arbeitet man dann auch mal mit jemanden zusammen, den man vielleicht nicht so mag.“ Da alle Schüler aber im Training von „Gewaltfrei Lernen“ erlebt haben, wie unangenehm es ist, von jemanden ein „Nein“ zu bekommen, seien die Schüler dazu bereit.

Auch wenn Schulleiterin Tilk und Konrektorin Niemann von den Veränderungen schwärmen: Ein gesamte Grundschule mit 300 Schülern plus Kollegium durch das „Gewaltfrei Lernen“-Programm trainieren zu lassen, ist ein wesentlicher Kostenfaktor, der aus den laufenden Mitteln nicht zu stemmen ist. Niemann: „Deshalb sind wir unseren Sponsoren sehr dankbar.“ Denn gleich drei regionale Kreditinstitute, die Kreissparkasse Euskirchen (KSK), die Volksbank Euskirchen und die Euskirchener Sparda Bank West zogen an einem Strang, um die gute Sache gemeinsam zu stemmen.

Vor Ort überzeugten sich Vertreter der Banken von den Ergebnissen des Projekts und löcherten die Lehrer mit Fragen dazu. Hartmut Cremer, Vorstandsmitglied der KSK, kannte die Nordschule bereits durch seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Lesementor, durch die er Kinder beim Lesen lernen unterstützt: „Ich habe die Schule als sehr gut strukturiert kennengelernt. Dieses Projekt ist für mich eine Fortsetzung dieser Strategie und eine sehr gute Investition in die Zukunft der Schüler.“

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Ferdi Heinrichs, Stellvertretender Filialleiter der Sparda Bank Euskirchen, ergänzte: „Damit wird sogar das soziale Fundament für alle in der Gesellschaft gelegt.“ Alexis Höhn, Anlageberaterin bei der Volksbank Euskirchen, fand besonders gut, gleich eine gesamte Schule mit diesem Konzept zu fördern: „Das ist gerade bei einer städtischen Schule sehr wertvoll, denn da gibt es mehr Fluktuation als auf dem Land. Durch die vielen verschiedenen Nationen und Kulturen kann es schnell zu Ausgrenzung kommen.“

Solchen Ausgrenzungen konnte die Schule entgegenwirken, wie Monika Tilk berichtet: „Es sind gerade elf Flüchtlinge an unsere Schule gekommen. Einer unserer Schüler, der auch arabisch spricht, hat sofort geholfen und übersetzt, so dass sich das Flüchtlingskind am Unterricht beteiligen konnte.“ Überhaupt überwiege bei den Kindern Neugierde und Hilfsbereitschaft.

Wie wichtig ein solches Programm wie „Gewaltfrei Lernen“ ist, betonte die Schulleiterin: „Ich bin seit rund 20 Jahren im Schuldienst, das Verhalten der Schüler verändert sich. Hier treffen viele Nationen, Kulturen, Religionen aus unterschiedlichem häuslichen Hintergrund zusammen.“ Auch kämen immer mehr Schüler mit Lernschwierigkeiten an die Schule, was unter anderem personell eine weitere Herausforderung darstellt. Niemann: „Umso wichtiger sind da positive Vorbilder. Durch das Training sind die Schüler viel aufmerksamer und sorgen dafür, dass manches, was vorher zu einem Streit eskaliert wäre, jetzt durch ein Gespräch oder eine Entschuldigung gelöst werden kann.“

Eifeler Presse Agentur/epa

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