„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“

Von Anke EmmerlingZum siebten Mal hat Pater Anselm Grün beim Eifel-Literatur-Festival für ein volles Haus und Antworten auf drängende menschliche Fragen gesorgt – Mutter des Paters stammt aus Dahlem

ELF-Festivalleiter Dr. Josef Zierden (links) begrüßte  Publikumsliebling Pater Anselm Grün. Bild: Harald Tittel/ELF
ELF-Festivalleiter Dr. Josef Zierden (links) begrüßte Publikumsliebling Pater Anselm Grün. Bild: Harald Tittel/ELF

Wittlich/Eifel – Es gibt eine Frage, die Dr. Josef Zierden, dem Organisator des Eifel-Literatur-Festivals manchmal gestellt wird, wenn er für das Festivalprogramm einen ganz besonderen Stammgast, Deutschlands wohl bekanntesten Benediktinerpater, verpflichtet: Schon wieder Anselm Grün, warum? Im Eventum Wittlich kann er sie mit dem einfachen Verweis auf die mit 1500 Menschen voll besetzten Sitzreihen beantworten. Anselm Grün gehört zu den mit Abstand beliebtesten Festival-Autoren, Zierden findet dafür das schöne Bild des „Immergrüns im Programmgarten“.

Pater Anselm Grün benötigt kein Skript, er hält seine Vorträge stets frei. Bild: Harald Tittel
Pater Anselm Grün benötigt kein Skript, er hält seine Vorträge stets frei. Bild: Harald Tittel

Sobald bekannt ist, dass der Pater, dessen Mutter aus Dahlem stammt, erneut in der Eifel zu Besuch ist, sind alle verfügbaren Tickets zur betreffenden Veranstaltung vergriffen. Und seine Zuhörerinnen und Zuhörer scheuen weder Mühe noch Zeitaufwand. Eine Dame aus dem Siebengebirge beispielsweise war schon am Nachmittag nach Wittlich angereist, um den Pater aus der Nähe zu erleben. Die Anziehungskraft des 73jährigen, der noch selbst den PKW von seiner Heimatabtei Münsterschwarzach zum Lese-Ort und zurück steuert, beruht zweifellos auf seinem Charisma. Ganz schlicht in seiner Mönchskutte gekleidet verströmt er eine weise Gelassenheit und Güte, die alles Aufgeregte und Dissonante zu besänftigen vermag. In seiner Person verkörpert sich die Spiritualität, die er als Seelsorger, Referent und Autor von 300 mehr als 15 Millionen Mal verkauften Büchern vermittelt.

Mit 1500 Zuhöreren war das Eventum in Wittlich wieder einmal ausverkauft. Bild: Harald Tittel/ELF
Mit 1500 Zuhörern war das Eventum in Wittlich wieder einmal ausverkauft. Bild: Harald Tittel/ELF

Grundlage seines wie immer frei gehaltenen Vortrags in Wittlich ist eines dieser Bücher: „Wie wir leben – wie wir leben könnten“. Auch in diesem Werk gehe es ihm darum, den Menschen Halt zu geben, ihnen den Weg zu einem guten Leben aufzuzeigen, in dem sie sich ganz zum einmaligen Bild entwickeln, das Gott ihnen zugedacht hat, sagt der Pater. Seine Botschaft sei nicht die von „Veränderung“, in der aggressiven Bedeutung von „anders werden“, sondern es sei die von Verwandlung im sanften Sinne von „ich selbst werden“. Zum Selbst finde der Mensch über bestimmte Haltungen: „Die muss ich Ihnen nicht beibringen, denn sie sind in Ihnen“, sagt Grün. Er spreche sie aber an, weil sie oft verdeckt seien und es gelte, eine Verbindung dazu herzustellen.

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Es darf gelacht werden

Sehr strukturiert erläutert er dann zwölf Begriffe, die jedem geläufig sind, aber oft nur in oberflächlicher oder eindimensionaler Bedeutung verstanden werden: Achtsamkeit, Authentizität, Barmherzigkeit, Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gelassenheit, Genügsamkeit, Hingabe, Hoffnung, Klugheit, Vergebung und Zufriedenheit. Zur Haltung der Dankbarkeit beispielsweise führt er aus: „Dankbarkeit kommt von Denken, sie verwandelt das Leben, erfüllt mit Frieden, Freude und Zuversicht“. Wer in Zeiten der Trauer an etwas denke, für das er dankbar sein könne, erlebe, dass er sich wieder glücklicher fühle.

Gelassenheit erklärt der Pater als die Fähigkeit, das eigene Ego loszulassen. Nicht zu weit, denn das Ego sei Antrieb von Kraft und Lebendigkeit, aber doch so, dass das Individuum zur Ruhe komme, aufnahmebereit und durchlässig für etwas Größeres werde.

Auch von „Hingabe“ vermittelt er ein tieferes Verständnis: Sie bedeute nicht, Wünsche anderer zu erfüllen, sondern ganz in dem aufzugehen, was man tue. „Hingebung ist ein Stück Freiheit und befähigt, sich aus der Opferrolle zu verabschieden“.

Nach der Lesung must Pater Anselm so manches Buch signieren. Bild: Harald Tittel/ELF
Nach der Lesung musste Pater Anselm so manches Buch signieren. Bild: Harald Tittel/ELF

Schließlich ist auch noch von Klugheit im Sinne von Weisheit die Rede, vom Gespür für den richtigen Augenblick. Hier rührt Anselm Grün am Problem vieler Menschen, Entscheidungen zu treffen. Keine Entscheidung zu treffen, komme einer Lähmung gleich, sich zu entscheiden dagegen einem Abschied, der ein Ja zum Neuen erst ermögliche. Das mache reich an Erfahrungen. Und wer meine, sich falsch entschieden zu haben solle beherzigen: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“.

Anselm Grüns Vortrag dauert nur etwas mehr als einer Stunde, hinterlässt aber eine Fülle von wertvollen Erkenntnissen und lebenspraktischen Hinweisen. Abgerundet wird er, wie alle Auftritte des Paters, von einem meditativen Ritual zur spirituellen Ganzheitserfahrung. Das schafft Ruhe, um dem Gehörten Nachhall zu geben und es in die Tiefe der Empfindungen vordringen zu lassen.

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