Wolfgang Petersens Karriere begann in Heimbach

„Wir haben nur den einen Versuch“, mahnt Wolfgang Petersen im Vorfeld der Szene, in der die Marienkapelle mitten im Kermeter in Flammen aufgeht. Foto: Reiner Züll
„Wir haben nur den einen Versuch“, mahnt Wolfgang Petersen im Vorfeld der Szene, in der die Marienkapelle mitten im Kermeter in Flammen aufgeht. Foto: Reiner Züll

Der jetzt in Hollywood verstorbene Star-Regisseur drehte im Sommer 1974 seinen ersten Zweiteiler „Die Stadt im Tal“ für den WDR – Im Kermeter ging nachts die Marienkapelle in Flammen auf – Reiner Züll, damals noch ein junger Fotograf beim Kölner Stadt-Anzeiger, erinnert sich

Heimbach – Die Mahnung des jungen Regisseurs an die Kameraleute des WDR im Kermeter bei Heimbach war eindeutig: „Volle Konzentration, wir haben nur diesen einen Versuch.“ Kurz darauf ging mitten Wald eine Kapelle in Flammen auf.“ Diese Szenerie spielt sich vor 48 Jahren im heutigen Nationalpark Eifel statt. Und der junge Regisseur, der „richtig Schiss“ davor hatte, ob das kleine Gotteshaus auch richtig brennt und die Kameras des Filmteams um Chefkameramann Peter Kaiser das nächtliche Geschehen rund um die brennende Kapelle auch richtig einfangen, war kein Geringerer als der jetzt in Los Angeles verstorbene Hollywood-Starregisseur Wolfgang Petersen.

Das Skript-Girl verrichtete seine Arbeit bei den Dreharbeiten auf dem Waldboden des Kermeter. Mittendrin das Drehbuch von Bernd Schroeder. Foto: Reiner Züll
Das Skript-Girl verrichtete seine Arbeit bei den Dreharbeiten auf dem Waldboden des Kermeter. Mittendrin das Drehbuch von Bernd Schroeder. Foto: Reiner Züll

Petersen war 1974 bei den Dreharbeiten für den zweiteiligen WDR-Fernsehfilm „Die Stadt im Tal“ 33 Jahre alt und am Beginn einer großen Karriere, die ihn später zu einem gefragten Regisseur machte, nachdem er 1980 Regie bei dem mehrfach preisgekrönten deutschen U-Boot-Drama „Das Boot“ Regie geführt hatte.

1971 war Petersen zum Fernsehen gegangen. In Diensten des WDR hielt er bei den Dreharbeiten für den Zweiteiler „Die Stadt im Tal“ vom 17. Juni bis zum  26. August 1974 die Fäden in der Hand. Die meisten Szenen mit damals bekannten Schauspielern wie Paul Dahlke, Siegfried Wischnewski, Susanne Uhlen oder Hans Schimmelpfennig wurden in Monschau, in Eupen, in Heimbach oder auch in Köln gedreht, wo Mariele und Peter Millowitsch als Abiturienten auf einem Abiturball zu sehen sind.

Monschau ist die fiktive Stadt Lugstadt, um die es in dem zweiteiligen Film geht, der am 26. und 28. Januar 1975 im Gemeinschaftsprogramm  der ARD erstmals ausgestrahlt wurde.

Die Marienkapelle war für die Dreharbeiten zum Film „Die Stadt im Tal“ im Kermeter extra gebaut worden. Später ging sie laut Drehbuch nachts in Flammen auf. Foto: Reiner Züll
Die Marienkapelle war für die Dreharbeiten zum Film „Die Stadt im Tal“ im Kermeter extra gebaut worden. Später ging sie laut Drehbuch nachts in Flammen auf. Foto: Reiner Züll

Die Handlung: der von Paul Dahlke verkörperte Graf Brosch, ein alteingesessener und einflussreicher Unternehmer in Lugstadt, der auch Inhaber der Brosch-Brauerei und der Brosch-Bau ist, plant ein großes Immobilienprojekt im Stadtwald, das jedoch vom Bürgermeister und dessen Mehrheitsfraktion im Stadtrat sowie auch von einer Bürgerinitiative abgelehnt wird.

Die Bürgerinitiative versucht den Stadtwald unter Naturschutz stellen zu lassen, um so das Immobilienprojekt zu verhindern. Auch Heimatpfleger Alten sowie Pfarrer Sommer wenden sich gegen das Projekt, da hierfür eine alte Marienkapelle im Stadtwald weichen müsste.

Es geht um Intrigen, Seelendramen, die Öde der Provinz und um Stimmenfang: Graf Brosch versucht durch windige Versprechen, Geschäftsleute der Stadt auf seine Seite zu bringen. Bei einer Verlobungsfeier im Burghof verbreitet sich die Nachricht von einem großen Feierwehreinsatz im Stadtwald: Die Marienkapelle steht in hellen Flammen; sie wird völlig zerstört.

Der entscheidende Moment der Dreharbeiten im Kermeter war der nächtliche Brand der Marienkapelle und die Löscharbeiten der Feuerwehr. Foto: Reiner Züll
Der entscheidende Moment der Dreharbeiten im Kermeter war der nächtliche Brand der Marienkapelle und die Löscharbeiten der Feuerwehr. Foto: Reiner Züll

Als Stadtwald von Lugstadt hielt damals der Kermeter bei Heimbach her, wo die Marienkapelle damals eigens für die Brandszene inmitten eines lichten Buchenbestandes errichtet worden war. Die damalige Szenerie im Wald wäre im heutigen Nationalpark undenkbar. Denn während bei Vorbereitungen über Tag und den nächtlichen Dreh der brennenden Kapelle herrschte reger Betrieb im Kermeter. Alle Szenen wurden eingehend geprobt, wie zum Beispiel auch die Anfahrt der Heimbacher Feuerwehr, die von einem auf dem Löschfahrzeug sitzenden Kameramann gefilmt wurde. Das Skript-Girl mit dem Drehbuch des Autors Bernd Schroeder und zig Regieanweisungen hatte seinen Arbeitsplatz auf dem Waldboden eingenommen.

Riesige Scheinwerfer waren im Wald postiert, die Standorte der stationären Kameras festgelegt, wobei Regisseur Wolfgang Petersen keine Aktion aus den Augen ließ. Die wichtigste Szene, vor der der damals 33-Jährige „Schiss“ hatte, war das Abbrennen der Kapelle, die schließloch nicht geprobt werden konnte.

Jung-Regisseur Regisseur Wolfgang Petersen (Hintergrund Mitte) gibt seinem Film-Team Anweisungen für die nächtlichen Dreharbeiten im Kermeter. Foto: Reiner Züll Das Furcht von Petersen unbegründet war, zeigte sich in der Nacht: Die Marienkapelle ging wie geplante lichterloh in Flammen auf. Ein erleichterter Regisseur Petersen gratulierte den „Brandstiftern“ und seinen Kameraleuten: „Gute Arbeit, Gottseidank“.

Wer war der Regisseur Wolfgang Petersen, den der damals junge Stadt-Anzeiger-Fotograf Reiner Züll 1974 bei den spektakulären Dreharbeiten im Kermeter kennenlernen durfte?

Die Bürgerinitiative von Lugstadt gibt dem Grafen Brosch, gespielt von Paul Dahlke (Mitte), die Schuld am Brand der Kapelle. Foto: Reiner ZüllEs war ein aufstrebender und später weltweit erfolgreicher Filmemacher, der schon im Alter von zwölf Jahren den Wunsch hatte, Filmregisseur zu werden. Und dieser Wunsch sollte sich später erfüllen, nachdem er eine Ausbildung am Jungen Theater in Hamburg und danach an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin absolviert hatte. Neben dem in der Eifel abgedrehten WDR-Zweiteiler „Die Stadt im Tal“ machte sich der junge Regisseur in den 1970er Jahren mit legendären Tatort-Filmen und dem Drama „Die Konsequenz“ einen Namen.

Nach den großen Erfolgen mit „Das Boot“ und Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, folgte der Ruf aus Hollywood, wo er ebenfalls den Durchbruch schaffte. 1986 zog Petersen nach Los Angeles. Er drehte fortan mit Stars wie zum Beispiel Clint Eastwood, Brad Pitt, George Clooney, Dustin Hoffman oder Kurt Russell. Lang ist die Liste der erfolgreichen Filme, die Petersen als Starregisseur in der ganzen Welt bekannt machten.

Die Anfahrt der Feuerwehr wurde vom Dach des Feuerwehrfahrzeuges aus gefilmt. Foto: Reiner Züll
Die Anfahrt der Feuerwehr wurde vom Dach des Feuerwehrfahrzeuges aus gefilmt. Foto: Reiner Züll

Nachdem im Jahr 2006 sein Film „Poseidon“, eine Produktion von 160 Millionen Dollar, keine Kinokassen klingeln ließ, legte der damals 65-Jährige eine längere Pause ein, ehe er 2016 mit dem Film-Krimi „Vier gegen die Bank“ in Deutschland ein Comeback feierte. Vor der Kamera standen dabei unter anderem Matthias Schweighöfer, Michael Bully Herbig, Til Schweiger und Jan Josef Liefers.

Obwohl der in Emden geborene Regisseur viel in Deutschland arbeitete, kam für ihn eine Rückkehr für immer nicht mehr in Frage. In seiner zweiten Heimat in Los Angeles verstarb Petersen am 12. August an den Folgen ein es Krebsleidens. (Reiner Züll/epa)

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