Ministerin Scharrenbach überreicht Förderbescheid für interkommunales Traumazentrum im Schleidener Tal

Auch Menschen umliegender Gemeinden werden betreut – Bisher nichts Vergleichbares in NRW

Übergabe des Förderbescheids durch Ministerin Scharrenbach Wilfried Knips (links), Hermann-Josef Esser (Mitte) und Ingo Pfennings (rechts). Bild: Petra Hilgers/Stadt Schleiden
Übergabe des Förderbescheids durch Ministerin Scharrenbach Wilfried Knips (links), Hermann-Josef Esser (Mitte) und Ingo Pfennings (rechts). Bild: Petra Hilgers/Stadt Schleiden

Schleiden – Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, hat jetzt Bürgermeister Hermann-Josef Esser (Kall), Bürgermeister Ingo Pfennings (Schleiden) sowie Wilfried Knips als Vertreter von Bürgermeister Westerburg (Hellenthal), einen Förderbescheid über rund 536.000 Euro für das interkommunale Kooperationsprojekt des Traumazentrums als Modul des Hilfszentrum Schleidener Tal überreicht. Der kommunale Eigenanteil beläuft sich auf rund 60.000 Euro.
Die Hochwasserkatastrophe vom 14. auf den 15. Juli 2021 hat unermessliche Zerstörung mit sich gebracht und leider viele Menschenleben gekostet. Darüber hinaus wurden hunderte Menschen verletzt. Viele davon nicht nur körperlich sichtbar, sondern auch seelisch. Die Psyche der Betroffenen ist massiv angegriffen, so dass sie professionelle Hilfe benötigen. Aufgrund der hohen Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung ist jedoch eine ehrenamtliche psychosoziale Versorgung der Betroffenen, die keine Behandlung mehr in der Regelversorgung bekommen, nicht dauerhaft leistbar. Auf Initiative des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen haben die Räte der drei Kommunen, Hellenthal, Kall und Schleiden, einen Förderantrag für die Einrichtung eines interkommunalen Traumazentrums als Modul im Hilfszentrum Schleidener Tal (HIZ) gestellt.
Gegenstand der Kooperation ist die interkommunale Beschaffung und Bereitstellung von Angeboten interdisziplinärer und langfristiger psychosozialer Unterstützung für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Familien und Einsatzkräfte in den Gemeinden Kall und Hellenthal sowie der Stadt Schleiden, die durch die Starkregen- und Hochwasserkatastrophe im Vorjahr betroffen wurden bzw. noch sind. Durch das Angebot sollen die nach dem Hochwasserereignis überlasteten psychologischen Regelversorgungsstrukturen sowie die für den bestehenden Bedarf nicht ausreichenden ehrenamtlichen Angebote ergänzt und entlastet werden.
Das Traumazentrum soll im Hilfszentrum Schleidener Tal angesiedelt werden, da dieses bereits Anlaufstelle, Beratungsstelle und sicherer Ort für betroffene Bürgerinnen und Bürger sowie Einsatzkräfte in den Überflutungsgebieten ist.

Ministerin Scharrenbach und Bürgermeister Pfennings bei der Besichtigung des am Hilfszentrum angesiedelten Mal*Circus. Bild: Petra Hilgers/Stadt Schleiden
Ministerin Scharrenbach und Bürgermeister Pfennings bei der Besichtigung des am Hilfszentrum angesiedelten Mal*Circus. Bild: Petra Hilgers/Stadt Schleiden

Das Hilfszentrum wurde originär für die Bevölkerung der Stadt Schleiden installiert, jedoch wurden schnell auch Menschen umliegender Gemeinden begrüßt und betreut. Das Hilfszentrum ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stadt Schleiden, der Malteser, der Caritas, der AWO, dem DRK, der Diakonie und weiteren Akteuren. Neben vielen verschiedenen Beratungsleistungen sowie der Vermittlung und Koordination von Hilfsangeboten, wurde im Hilfszentrum Schleidener Tal auf ehrenamtlicher Basis auch ein Traumzentrum eingerichtet und Bürgerinnen und Bürger der Stadt Schleiden, aber auch der Nachbarkommunen psychologisch betreut. „Daher ist die Ansiedlung des interkommunalen Traumazentrums im Hilfszentrum ein logischer Schluss“, heißt es in einer Pressemitteilung aus dem Schleidener Rathaus.
Ministerin Ina Scharrenbach: „Die Starkregen- und Hochwasserkatastrophe hat die betroffenen Menschen nicht nur materiell, sondern auch seelisch schwer getroffen. Im interkommunalen Traumazentrum erhalten betroffene Kinder, Erwachsene und Einsatzkräfte wichtige psychosoziale Hilfe.“ Mit dem Kooperationsprojekt würden erstmalig in Nordrhein-Westfalen in dieser Form interkommunal Angebote im Bereich der psychologischen Akuthilfe nach der Starkregen- und Hochwasserkatastrophe des vergangenen Jahres für die Bevölkerung bereitgestellt. Zugleich könnten durch die Durchführung dieses Kooperationsprojektes grundlegende Erfahrungen für Reaktionen auf Krisenlagen im kommunalen Verbund gesammelt werden, die sich von anderen Kommunen und auch für andere Krisensituationen nutzen ließen. „Dies erscheint aktuell umso notwendiger, als dass insbesondere die jüngere Vergangenheit vielfältige Krisenszenarien offenbart hat, die die kommunale Selbstverwaltung vor ungekannte Herausforderungen stellen. Dabei ist auch deutlich geworden, dass es von zentraler Bedeutung ist, Strukturen zu schaffen und Wege aufzuzeigen, um dezentral und passgenau zugeschnitten auf lokale Bedarfe zu reagieren“, so Scharrenbach weiter. Die interkommunale Kooperation biete sich in diesem Kontext ganz besonders an, um schnell und unbürokratisch die lokalen Kräfte zur Krisenbewältigung zu mobilisieren und Ressourcen zu bündeln. Dabei dürfe der Begriff „Krisenbewältigung“ nicht nur auf die wirtschaftliche Abfederung und den materiellen Wiederaufbau beschränkt werden, sondern er umfasse auch und insbesondere die Sicherstellung der psychologischen und sozialen Betreuung der von Krisenerfahrungen traumatisierten Einwohnerinnen und Einwohner betroffener Regionen. Auch in dieser Hinsicht zeige das Kooperationsprojekt eine neue Perspektive auf, die anderen Kommunen Orientierung bieten könne.
Ziel des interkommunalen Traumazentrums ist die langfristige psychosoziale Unterstützung der flutbetroffenen Kinder, Jugendlichen, Familien und Erwachsenen sowie Einsatzkräften durch aufsuchende und stationäre Angebote im HIZ, zur psychologischen Stabilisierung, zur Prävention von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und komplizierter bzw. prolongierter Trauer durch Kurzpsychotherapie, sowie die Behandlung von PTBS und Traumafolgestörungen durch orts- und zeitnahe Langzeit-Psychotherapie (als Ergänzung zur Regelversorgung).
Das Angebot des Traumazentrums soll grob umfassen:

  • fachberatende Unterstützung und Hilfe
  • niederschwellige aufsuchende psychologische Beratung
  • Trauer- und Verlustberatung, mit und ohne seelsorgerliches Angebot
  • stabilisierende Kurzpsychotherapie (3-4 Sitzungen)
  • Langzeitpsychotherapie
  • gruppentherapeutische Angebote
  • Traumatherapie (in Orientierung der S3-Leitlinie zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung und der S2k-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung“, einschließlich entsprechende fachlich-qualifizierte Dokumentation und Beurteilung)
  • resilienzbildende Angebote
  • Begegnungscafé
  • geleitete Selbsthilfegruppen
  • kreativpsychologische Angebote (Kunsttherapie, köperorientierte und tiergestützte Verfahren).

„Durch die Einrichtung des interkommunalen Traumazentrums als Modul des Hilfszentrum Schleidener Tal sind die langfristigen psychosozialen Bedarfe, insbesondere durch die aufsuchenden Angebote und psychotherapeutischen Langzeitangebote inkl. Traumatherapie, für die Bürgerinnen und Bürger der beteiligten Kommunen, systematisiert, standardisiert und auf hohem fachlichem Niveau ortsnah, zeitnah und (unentgeltlich) für zwei Jahre gesichert“, heißt es aus dem Schleidener Rathaus.
Bürgermeister Pfennings dankte der Ministerin für die große Unterstützung des Ministeriums hinsichtlich der Antragsmodalitäten und der stets angenehmen Zusammenarbeit. Zudem drückte er seinen Stolz über das Kooperationsprojekt aus: „Durch die interkommunale Zusammenarbeit der drei Kommunen kann dank der Unterstützung des Ministeriums eine wichtige Leistung für die Bevölkerung der Region angeboten werden, die so durch die Regelversorgung aktuell nicht geleistet werden kann. Das interkommunale Traumazentrum darf daher als interkommunales Leuchtturmprojekt gesehen werden, da es etwas Vergleichbares bislang in Nordrhein-Westfalen nicht gibt. Ein Leuchtturm, der nicht nur die drei beteiligten Kommunen erhellen, sondern sicher auch Strahlkraft für die umliegenden haben wird. Wir halten zusammen!“
Bürgermeister Esser: „Die Flutkatastrophe hat auch Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen. Das Traumazentrum bietet den Betroffenen die Möglichkeit, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten. Es ist eine unverzichtbare Anlaufstelle neben den bestehenden Regelangeboten, die über keine Kapazitäten mehr verfügen. Da auch aufsuchende Arbeit geleistet wird, werden wirklich viele Menschen erreicht und alle, die Hilfe in Anspruch nehmen möchten, haben hier die Gelegenheit.“
Wilfried Knips: „Wir freuen uns sehr, dass es den drei Kommunen mit Hilfe des Ministeriums gelungen ist, ein interkommunales Traumazentrum aufbauen zu können. Der Bedarf für eine solche Einrichtung ist klar erkennbar. Wir hoffen, dass dort vielen betroffenen Menschen geholfen werden kann.“
Im Anschluss an die Übergabe des Förderbescheids machte sich die Ministerin zusammen mit den anderen Veranstaltungsteilnehmern ein Bild des Hilfszentrum Schleidener Tal sowie der künftigen Räume des interkommunalen Traumazentrums und des als kunstpädagogisches Angebot neu hinzugekommenen Mal*Zirkus. (epa)

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