Stolpersteine für Elvira und Gustav Kaufmann

In Hostel gedachten über 100 Ortsansässige gemeinsam mit 25 aus Übersee angereisten Nachfahren der jüdischen Familie, die nach der Pogromnacht ihren Hof aufgeben musste und die 1942 im KZ ermordet wurde

Aus den USA und Großbritannien waren die Nachfahren von Elvira und Gustav Kaufmann angereist, um gemeinsam mit Mechernicher Bürgern und Bürgerinnen an ihre Geschichte zu erinnern und heutige sowie künftige Generationen zu einem friedlichen Miteinander zu mahnen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Aus den USA und Großbritannien waren die Nachfahren von Elvira und Gustav Kaufmann angereist, um gemeinsam mit Mechernicher Bürgern und Bürgerinnen an ihre Geschichte zu erinnern und heutige sowie künftige Generationen zu einem friedlichen Miteinander zu mahnen. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Mechernich-Hostel – Eine ruhige, aber dennoch feierliche Stimmung einte die über 100 Menschen, die im kleinen Eifeldorf Hostel zusammen mit 25 aus den USA und Großbritannien angereisten Nachfahren dem Schicksal von Elvira und Gustav Kaufmann im Rahmen einer Stolpersteinverlegung gedachten. Und so grausam und menschenverachtend die Umstände auch waren, die das Leben des jüdischen Ehepaares seit Beginn des Nazi-Terrors bestimmten und schließlich 1942 zur Ermordung im KZ führten, so schienen sich doch alle Versammelten darin einig, dass nur ein friedvolles Miteinander die richtige Antwort sein kann – und das Wachhalten der Erinnerung. Letzteres ist seit Jahrzehnten stetiges Anliegen und Bemühen des ehrenamtlichen Arbeitskreises „Forschen-Gedenken-Handeln“, in dem Gisela und Wolfgang Freier, Rainer Schulz und Elke Höver die Geschichte der Juden in Mechernich und Kommern dokumentieren, bekannt machen und eben für Stolpersteinverlegungen und Gedenktafeln sorgen.

Die Arbeitsgruppe „Forschen-Gedenken-Handeln“, auf dem Bild Gisela Freier (von rechts), Rainer Schulz und Elke Höver, setzen sich seit vielen Jahren für das Erinnern an die Geschichte der Juden in Mechernich und Kommern ein. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Die Arbeitsgruppe „Forschen-Gedenken-Handeln“, auf dem Bild Gisela Freier (von rechts), Rainer Schulz und Elke Höver, setzen sich seit vielen Jahren für das Erinnern an die Geschichte der Juden in Mechernich und Kommern ein. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Sichtlich bewegt berichtete die ehemalige Lehrerin Gisela Freier, welchen Gräueltaten insbesondere in der Pogromnacht 1938 die Juden in Mechernich im Allgemeinen und die Familie Kaufmann in Hostel im Speziellen ausgesetzt waren. Sie habe lange überlegt, ob sie die bereits in der Nacht zum 20. September 1935 an einen Bauernhof geschmierten Beleidigungen und Drohungen vortragen solle. Dabei handelte es sich um den Bauernhof, den Eduard Levono aus Kommern 1915 gekauft hatte und der von seiner Schwester und seinem Schwager, Elvira und Gustav Kaufmann, bis zur Pogromnacht bewirtschaftet wurde – und der als Vorzeigebetrieb galt. Rund 200 Jahre hatten die Familien Kaufmann und Levano in der Region gewohnt, haben mit ihren Nachbarn gefeiert, sich geholfen, sich ausgetauscht. Doch bereits 1935 mussten die Familie an ihren eigenen vier Wänden lesen: „Hier wohnt eine Judensau! Ein Rassenschänder! Heraus aus Hostel!“

Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Mechernich setzten ein Zeichen für Toleranz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Mechernich setzten ein Zeichen für Toleranz. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Dem setzten zahlreiche Rednerinnen und Redner ein starkes Zeichen entgegen. Schüler und Schülerinnen der Gesamtschule Mechernich meldeten sich ebenso zu Wort wie Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick, der betonte, dass Juden schon seit der Römerzeit auf dem Gebiet des späteren Deutschlands lebten – also länger als die erst zu späteren Völkerwanderungen Eingetroffenen. Schick: „Ich bin als Bürgermeister sehr stolz darauf, dass so viele Menschen der Einladung gefolgt sind. Das ist ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der Extremisten jeglicher Art wieder Zulauf bekommen.“ Die Stolpersteine seien kein Zeichen der Anklage, sondern des Gedenkens und Erinnerns. Die Juden in den Eifeldörfern hätten mit Eifel-Platt die gleiche Sprache gesprochen. „Die Juden haben sich mit dem damaligen Deutschen Reich identifiziert und gerade im Ersten Weltkrieg auch für dieses Land gekämpft. Überdurchschnittlich viele Juden im Vergleich zur übrigen Bevölkerung sind mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet worden und viele von ihnen haben ihr Leben für dieses Land gelassen. Und dann kam die NS-Ideologie …“

Dr. Hans-Peter Schick, Bürgermeister Mechernich, mahnte nicht nur ein „Nie wieder“ zu Verbrechen wie in der Pogromnacht an, sondern betonte, dass auch aktuelle Konflikte nicht hinnehmbar seien und sich die Menschen versöhnen sollten, unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Herkunft. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Dr. Hans-Peter Schick, Bürgermeister Mechernich, mahnte nicht nur ein „Nie wieder“ zu Verbrechen wie in der Pogromnacht an, sondern betonte, dass auch aktuelle Konflikte nicht hinnehmbar seien und sich die Menschen versöhnen sollten, unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Herkunft. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Der erste Bürger Mechernichs betonte, wie wichtig es sei, heute rechtzeitig auf die Straße zu gehen, wenn die wieder laut werden, die diskriminieren und andere Menschen aufgrund von Herkunft oder Religion drangsalieren. Viele hätten in der Vergangenheit weggeschaut – dies dürfe heute nicht mehr geschehen. Es sei wichtig, dass sich auch in der heutigen Zeit Angehörige verschiedener Religionen miteinander versöhnten und friedliche Wege für Konflikte fänden.

Sänger Stephan Brings von der gleichnamigen Kölsch-Rock-Band las einen Liedtext vor, den sein Vater in den 1980er Jahren geschrieben hatte. Darin ging es um David, der sich auf die Spuren seiner Familiengeschichte machte. Wenn die Feuer brannten, die Synagogen fielen, Menschen in die Lager gezwängt wurden, dann „zittert David wie ne Boom, sit domols leevt er mit dem Alptraum, der wohr is, un der nie vergeht.“

Sichtlich bewegt erwiesen viele Anwesende Elvira und Gustav Kaufmann die Ehre. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Sichtlich bewegt erwiesen viele Anwesende Elvira und Gustav Kaufmann die Ehre. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Die stellvertretende Landrätin Christine Bär wandte sich an die Familienmitglieder aus Übersee und sagte: „Fühlen Sie sich hier von Herzen willkommen!“ Und das taten die Nachfahren auch, wie aus ihren Reden deutlich wurde. Auch wenn bei mancher Erinnerung an ihre Vorfahren die Stimme zu kippen drohte, so sprachen die Angereisten doch erfreut über ihre positiven Erlebnisse bei ihren Besuchen in Deutschland, von den Menschen, die sie an besondere Orte geleiteten, Erinnerungen teilten. Es gab viel Dank an die Arbeitsgruppe „Forschen-Gedenken-Handeln“, Bürgermeister Schick und den Bauhof Mechernich. Anthony Golding hat sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, hat sogar ein Buch mit den Erinnerungen seiner Mutter erstellt und bat seine Enkelin Chloe Ellam, aus einem Brief über den Besuch von Emmy bei ihrer Tante Elvira in Hostel zu berichten: „Sehr oft sind wir von Kommern in etwa 45 Minuten durch die schönen Wälder zum Bauernhof gelaufen, wo uns ein herrlicher Tee serviert wurde. Meine Tante war eine sehr liebe Person. Das Haus in Hostel war ein wunderschönes, modernisiertes Bauernhaus. Es war immer eine große Freude, meine Cousinen Eva und Lilly zu besuchen. Ich werde mich immer an meine Besuche in Hostel erinnern.“

Eifeler Presse Agentur/epa

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