Claus Kleber: „Amerikaner treffen Wahlentscheidung aus dem Bauch heraus“

Kreissparkasse Euskirchen (KSK) hatte den „heute journal“-Sprecher ins Gemünder Kurhaus eingeladen – Vorstandsvorsitzender Udo Becker erwies sich als Moderationstalent

Die Chemie zwischen Journalist Claus Kleber (v.l.) und KSK-Chef Udo Becker stimmte: Die Fragen von Becker beantwortete der „heute-journal“-Moderator ebenso locker wie informativ. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Die Chemie zwischen Journalist Claus Kleber (v.l.) und KSK-Chef Udo Becker stimmte: Die Fragen von Becker beantwortete der „heute-journal“-Moderator ebenso locker wie informativ. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Schleiden-Gemünd – „Einen so schönen Empfang habe ich noch nie erlebt“, freute sich der ZDF-„Anchorman“ Dr. Claus Kleber am Donnerstagabend im großen Kursaal Gemünd, wo er auf vollbesetzte Reihen traf, allesamt Kunden der Kreissparkasse Euskirchen (KSK). Zuvor hatte sich der Vorstandsvorsitzende der KSK, Udo Becker, selbst in die Rolle des Nachrichtensprechers begeben, eine „Liveschaltung“ nach Köln zu seiner Kollegin „Gundula“ (KSK-Mitarbeiterin Birgit Lorbach) gewagt, die Kurioses vom 1. FC Köln zu berichten wusste, bevor er sich ebenfalls „live“ mit Gemünd verbinden ließ, um dort Claus Kleber auf der Bühne zu begrüßen.

Der Jurist, Journalist, Buchautor, Fernsehmoderator und ausgewiesene Amerikaexperte Kleber, der 15 Jahre lang die Geschichte der Supermacht USA begleitet hat, versuchte seinen Zuhöreren an diesem Abend zu erklären, wie die Amerikaner „ticken“. Und dies vor allem vor dem Hintergrund der bevorstehenden Präsidentschaftswahl. Während hierzulande fast niemand versteht, wie jemand wie Donald Trump überhaupt Kandidat der Republikanischen Partei werden konnte, und viele vermuten, er habe sich dieses Kandidatenamt einfach nur erkauft, erklärte Kleber, dass die amerikanische Realität etwas diffiziler sei. Trump sei zugegeben erkennbar nicht vorbereitet in den Wahlkampf gezogen. „Allein der Versuch, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, sollte seinen Marktwert erhöhen“, so Kleber, und damit den reichen Mann noch etwas reicher machen. Doch mittlerweile sei aus dem Versuch ein ernster Vorsatz geworden, und es sei keinesfalls ausgeschlossen, dass Trump die Wahl gewinnen werde.

Ein Mann der vielen Gesten: Claus Kleber kommuniziert nicht nur mit Worten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Ein Mann der vielen Gesten: Claus Kleber kommuniziert nicht nur mit Worten. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

„Eine solche Wahl zu gewinnen ist aber keinesfalls nur eine Frage des Geldes, vielmehr hat sie sehr stark mit der Persönlichkeit des Kandidaten zu tun. In Amerika, wo die Wahlbeteiligung stets sehr gering ist, motivieren Menschen andere Menschen zur Wahl zu gehen, und genau darauf kommt es letztlich an“, berichtete Kleber. Bislang habe der Clinton-Clan hier die Nase vorn gehabt. „Das Gedächtnis für Geschichten und Gesichter ist bei Bill Clinton unglaublich ausgeprägt, seine Fähigkeit auf Menschen zuzugehen ist enorm, und er verfügt über ein erstaunliches lexikalisches Wissen“, sagte Kleber und sprach dabei aus eigener Erfahrung. Als Clinton noch Gouverneur von Arkansas gewesen sei (1979-1981), habe er sich einmal begeistert über das Duale Ausbildungssystem in Deutschland gezeigt. „Ich musste das Gespräch dann auf ein anderes Thema bringen, weil ich bemerkte, dass der Mann mehr darüber wusste als ich“, so Kleber lachend. „Der Mann kennt einfach jeden Fraktionsvorsitzenden, jeden Sheriff und sogar die Leute von der Freiwilligen Feuerwehr, und wenn er jemanden um den Gefallen bittet, Wählerstimmen zu mobilisieren, dann kann ihm das niemand abschlagen.“

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Bei Trump sehe das ganz anders aus. Selbst seine eigenen Leute wollten ihn eigentlich nicht. Aber als Außenseiter habe er in Amerika dennoch eine große Chance, zumal es ihm immer wieder gelinge, jeder Klientel durch seine „folksy attitude“ vorzutäuschen, dass er einer von ihnen sei und nur etwas mehr Geld besitze.

Rund zwei Stunden lang bannte der aus dem „heute journal“ bekannte Journalist Claus Kleber das Publikum in Gemünd mit unterhaltsamen Informationen über die bevorstehende Präsidentenwahl in den USA. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Rund zwei Stunden lang bannte der aus dem „heute journal“ bekannte Journalist Claus Kleber das Publikum in Gemünd mit unterhaltsamen Informationen über die bevorstehende Präsidentenwahl in den USA. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Die einjährige Wahlzeit in den USA sei ein „brutales Verfahren“ bei dem die Kontrahenten am Ende oft physisch und finanziell am Ende wären. „Aber dieses irrsinnige System fördert auch erstaunliche Ergebnisse zutage und sorgt für eine gewisse Bodenhaftung der Kandidaten“, sagte Kleber. Denn oft könne bereits ein Bundesstaat die Entscheidung bringen. Und wer daher etwa in Iowa, wo die ersten Vorwahlen stattfinden, keine Ahnung von landwirtschaftlichen Problemen habe, obwohl die Haupterzeugnisse Iowas Schweine, Mais, Sojabohnen, Kartoffeln, Rinder und Milchprodukte sind, der habe bereits sehr schlechte Karten.

Gleichzeitig decke sich in Amerika das emotionale Empfinden oft nicht mit der faktischen Wirklichkeit. So sei die amerikanische Wirtschaft eigentlich in einem guten Zustand. Aber dennoch glaubten 60 Prozent der Demokraten und 20 Prozent der Republikaner, dass es so nicht weitergehen könne. Für Amerikaner sei der soziale Aufstieg geradezu etwas Zwangsläufiges. Daher lebten sie oft über ihre Verhältnisse. „Alles wird immer etwas größer gekauft als man es sich eigentlich leisten kann, weil man glaubt, dass man es sich ja bald leisten können werde“, so Kleber sinngemäß. Gleichzeitig entwickelten viele Amerikaner immer mehr ein Gefühl von Ungerechtigkeit und seien zunehmend verunsichert  über den eigenen sozialen Status. Habe man früher noch aufgrund eines Studium oder seiner Kenntnisse einen festen Platz in der Gesellschaft innegehabt, so müsse man heute zusehen, wie Menschen vor allem aus der IT-Branche vorbeizögen und – wie beispielsweise Mark Zuckerberg – mit wenigen Fähigkeiten unverhältnismäßig viel Geld verdienten. „Trumps Wähler, die überwiegend aus diesen verunsicherten Schichten stammen, sind keine dummen Leute“, so Kleber, „sondern sie haben überwiegend eine höhere Schulbildung genossen und verdienen auch überdurchschnittlich gut.“

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Der Gemünder Kursaal war voll besetzt. Während des Vortages von Claus Kleber hing die Menge an den Lippen des Moderators. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Der Gemünder Kursaal war voll besetzt. Während des Vortages von Claus Kleber hing die Menge an den Lippen des Moderators. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Hillary Clinton sei für viele Amerikaner seit jeher ein Teil der korrupten Macht-Elite gewesen. Sie stehe im Verdacht, zwei Gruppen zuzuarbeiten, nämlich der Gruppe, die staatlich subventioniert werde und der, die ihren Reichtum nicht verdient habe. Sie selber habe schon für Vorträge eine halbe Millionen Dollar erhalten, und man vermute daher, dass sie im Gegenzug auch für politische Gefälligkeiten offen gewesen sei. Unterstützt werde diese Vermutung noch von Trump, der freimütig bekenne, als Geldmagnat Politiker geschmiert zu haben, damit diese bei Problemen für ihn da gewesen seien. „Hillary Clinton wäre bei den Amerikanern die unbeliebteste Person, die jemals als Kandidatin für das Präsidentenamt aufgestellt wurde, wenn sie nicht das Glück hätte, dass Trump noch etwas unbeliebter ist“, so Kleber, der jedoch betonte, dass Hillary Clinton im persönlichen Gespräch ein sehr liebenswerter und herzlicher Mensch sei, der sich jedoch einen Panzer (auch aus Geld) zugelegt habe, um nicht noch einmal eine solche Schlappe zu erleben wie nach dem Auszug aus dem Weißen Haus, wo sie und ihr Mann quasi plötzlich über Nacht mittellos gewesen seien.

Von den Emotionen und dem unbedingtem Aufbruchswillen, der bei der Obama-Kampagne eine wesentliche Rolle gespielt habe, sei in Amerika diesmal nichts zu spüren. Stattdessen nehme eigentlich schon seit Clintons Amtszeit die Boshaftigkeit im politischen Umgang miteinander immer stärker zu. „Es wird nicht mehr miteinander diskutiert, die Medien werden nicht mehr akzeptiert, Komplexität interessiert nicht mehr, stattdessen spiegeln die sozialen Medien nur noch die Gedanken ihrer User wider, um Klicks zu generieren“, so Kleber.

KSK-Vorstandsmitglied Hartmut Cremer (v.l.) freut sich zusammen mit seinem Vorstandskollegen Holger Glück und dem Vorstandsvorsitzenden Udo Becker über den Besuch des Journalisten und Buchautors Claus Kleber in Gemünd. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
KSK-Vorstandsmitglied Hartmut Cremer (v.l.) freut sich zusammen mit seinem Vorstandskollegen Holger Glück und dem Vorstandsvorsitzenden Udo Becker über den Besuch des Journalisten und Buchautors Claus Kleber in Gemünd. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Wer nun die Wahl in Amerika gewinnen wird, dass wusste der Amerikaexperte letztlich natürlich auch nicht zu sagen. Eine solche Vorhersage wäre ja auch unseriös gewesen. Kleber betonte jedoch, dass man in Amerika Wahlentscheidungen weit mehr aus dem Bauch heraus treffe als in Deutschland. „Man muss das respektieren. Und falls Trump gewinnt, erweist er sich vielleicht sogar als besser als gedacht. Auch das ist in Amerika möglich, wenn ich es mir auch nicht denken kann“, so Kleber.

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Dass dem beliebten Fernsehmoderator die Themen, die er seinem Publikum nahezubringen versucht, nicht immer einfach so in den Kleidern stecken bleiben, zeigte sich, als er noch einmal die Geschehnisse vom 11. September 2001 Revue passieren ließ, über die er damals direkt aus Amerika live berichtet hatte. „Es war der Auftakt zu einem unvorstellbaren Geschehen, die Illusion, dass Amerika ein geschützter Ort sei, wurde von zwei Dutzend Terroristen, bewaffnet mit Teppichmessern, mit einem Schlag zerstört“, sagte Kleber, den die Erinnerungen an die Anschläge auf das World Trade Center sichtlich bewegten. Seit diesem Terroranschlag verlangten die Amerikaner von ihrem Präsidenten vor allem eines, nämlich dass er eine starke Persönlichkeit sei, die dafür sorge, dass ein solches Geschehen sich niemals mehr wiederhole.

Als Geschenk für Claus Kleber gab es eine KSK-Krawatte. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa
Als Geschenk für Claus Kleber gab es eine KSK-Krawatte. Bild: Tameer Gunnar Eden/Eifeler Presse Agentur/epa

Im Anschluss seiner Ausführungen schenkte Udo Becker dem ZDF-Mann eine originale KSK-Krawatte in der Hoffnung, dass Kleber diese in der nächsten Woche bei einer seiner Moderationen anlegen werde. Kleber meinte dazu: „Die ist so schön rot wie die Hölle, in die ich komme, wenn ich sie in der Sendung trage.“ Zurück zum Thema Amerika wunderte sich Becker darüber, dass die Amerikaner wissen, dass Trump in vielen Punkten lügt und ihm trotzdem den Rücken stärken. Kleber erklärte dazu, dass man längst in einer post-faktischen Zeit lebe. „Fakten haben keine so große Bedeutung mehr“, so Claus Kleber.

Becker erwies sich in dem Gespräch als charmanter Moderator, der dem Wortwitz Klebers gewachsen war. Ein Beispiel: „Weiß Trump überhaupt, wo Deutschland liegt?“ fragte Becker. „Ja, gleich hinter diesem schönen Land, das er sehr schätzt: Brüssel“, antwortete Kleber. Darauf Becker: „Wir Banker lieben Brüssel nicht so sehr.“ Kleber: „Aber mehr als Basel“. „Ja, nach Basel 3 kommt bei uns gleich Hartz 4.“ –  Mal witzig, mal ernsthaft kreiste das Gespräch nicht nur um die aktuellen Probleme in Amerika, sondern auch um die Zukunft der Medien und um neue Nachrichtenformate. Die Zuschauer zeigten sich am Ende sehr begeistert von dem Abend und freuten sich vor allem, dass sich Claus Kleber sehr viel Zeit nahm, Signierwünsche erfüllte oder auch einfach für ein Gespräch bereitstand.

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