Dokumentationszentrum Luftkrieg in Vogelsang eröffnet

Für das ehrenamtliche Engagement der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel e.V. gab es von allen Seiten höchstes Lob – Komplexes Netzwerk und zahlreiche Geldgeber ließen verrückte Idee Realität werden

Zahlreiche Menschen waren am Samstagmorgen nach Vogelsang gekommen, um bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums Luftkrieg dabei zu sein. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Zahlreiche Menschen waren am Samstagmorgen nach Vogelsang gekommen, um bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums Luftkrieg dabei zu sein. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Schleiden-Vogelsang – Es leben nicht mehr viele Menschen im Kreis Euskirchen, die den Schrecken des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg noch aus eigener Erfahrung kennen. Nachfolgende Generationen sind daher angewiesen auf Dokumente, archivierte Zeitzeugengespräche und eine historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel e.V. beschäftigen sich schon seit mehreren Jahrzehnten mit dem Luftkrieg in der Zeit von 1939 bis 1945 im Rhein- und Moselland. Schwerpunktmäßig versuchen sie dabei bis heute, das Schicksal von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht, aber auch das von Luftfahrzeugbesatzungen der Alliierten zu ermitteln und sodann die nächsten Anverwandten zu kontaktieren. Dabei helfen ihnen oft technische Fundstücke. So konnten sie anhand von Schrottteilen bereits manches Fliegerschicksal aufklären.

Das ist alles, was von einem Bomber der Royal Air Force übrigblieb, der bei Nettersheim abgeschossen wurde. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Das ist alles, was von einem Bomber der Royal Air Force übrigblieb, der bei Nettersheim abgeschossen wurde. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Seit 2019, so berichtete AG-Leiter Frank Güth, habe man die Idee gehabt, diese Fundstücke für ein Dokumentationszentrum aufzuarbeiten. Als man den Experten für die Regionalgeschichte des Schleidener Tals für die Zeit des Zweiten Weltkriegs, Franz-Albert Heinen, über diese Idee informierte, habe man die Antwort erhalten: „Ihr seid total bekloppt.“ Dasselbe, so betonte der ehemalige Direktor des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), Harry Voigtsberger, habe auch er gedacht, als er zum ersten Mal von dieser Idee hörte, habe es jedoch etwas diplomatischer ausgedrückt.

„Doch Heinen hat für uns dann augenblicklich sein Netzwerk aktiviert und uns bei der Umsetzung der Idee geholfen, wo immer er konnte“, berichtete Güth. Corona und Flutkatastrophe hätten das Projekt ausgebremst, seit 2023 sei man aber in die Realisierungsphase eingetreten, so dass man das Dokumentationszentrum heute eröffnen könne. Historische Objekte, wissenschaftliche Forschung und individuelle Erinnerungen lüden dort zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Luftkrieg und seinen Nachwirkungen in der Region ein.

Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, betonte, dass es sich bei dem neuen Dokumentationszentrum um ein „echtes Gemeinschaftswerk“ handele. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, betonte, dass es sich bei dem neuen Dokumentationszentrum um ein „echtes Gemeinschaftswerk“ handele. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Zugleich widme sich die Ausstellung der Erinnerungskultur nach 1945. Sie frage, welche Erzählungen und Mythen den Luftkrieg bis heute prägten und wie sie sich zu den Erkenntnissen der historischen Forschung verhielten. Dass ein solches Projekt nur durch die Kooperation unterschiedlichster Partner realisiert werden konnte, ließ Güth immer wieder durchblicken. So wird die Ausstellung fachlich von einer Projektgruppe unter Leitung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte begleitet. Ihr gehören Vertreter der AG Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel e. V., von Vogelsang IP, des Museums Zitadelle Jülich sowie des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr Berlin-Gatow an.

Gemeinschaftswerk

Frank Güth, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel e.V. moderierte die Eröffnungsveranstaltung. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Frank Güth, der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel e.V. moderierte die Eröffnungsveranstaltung. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Finanzielle Unterstützung für das Projekt gab es dabei ebenfalls von zahlreichen Partnern. An den 1,3 Millionen Euro Investitionskosten beteiligten sich bis heute vor allem der LVR, die NRW-Stiftung und die LEADER-Region Eifel mit namhaften Beträgen. Aber auch weitere Spenden waren willkommen. So gab die Kultur- und Sportstiftung der Kreissparkasse Euskirchen (KSK) beispielsweise 10.000 Euro. „Für uns ist das eine ziemlich große Summe für ein Einzelprojekt“, berichtete KSK-Stiftungsvorstand Karl-Heinz Daniel und fügte hinzu: „Die Eifelregion hat sehr stark unter dem Luftkrieg gelitten. Unserer Kultur- und Sportstiftung war es daher wichtig, dass diese Zeit objektiv dargestellt wird.“ Daniel betonte, dass man vor allem nicht vergessen sollte, dass der Luftkrieg eine Folge der Politik des Dritten Reichs gewesen war. „Die Ausstellung möchte die Erinnerung an diese schlimme Zeit für die nachfolgenden Generationen wachhalten. Deshalb haben wir dieses Projekt gern unterstützt“, sagte er.

KSK-Stiftungsvorstand Karl-Heinz Daniel, hier vor den Trümmern einer Martin B-26 „Marauder“, die am 23. Dezember 1944 mit sechs Menschen an Bord in Hallschlag-Scheid abstürzte, nannte es selbstverständlich, dass die Kultur- und Sportstiftung ihren Anteil am Gelingen des Dokumentationszentrums beigetragen hatte. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
KSK-Stiftungsvorstand Karl-Heinz Daniel, hier vor den Trümmern einer Martin B-26 „Marauder“, die am 23. Dezember 1944 mit sechs Menschen an Bord in Hallschlag-Scheid abstürzte, nannte es selbstverständlich, dass die Kultur- und Sportstiftung ihren Anteil am Gelingen des Dokumentationszentrums beigetragen hatte. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

„Dieser besondere Erinnerungsort nahe der belgischen Grenze schafft neue Synergien und ist ein Paradebeispiel dafür, wir fruchtbar vereinte konzeptorientierte Arbeit am Standort sein kann“, betonte Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, in ihrem Grußwort. Das Projekt sei ein „echtes Gemeinschaftswerk“. Dabei hob Henk-Hollstein vor allem das außergewöhnliche Engagement der AG Luftkriegsgeschichte hervor.

Ehrenamtliche Höchstleistung

Landrat Markus Ramers erinnerte daran, dass die Ehrenamtlichen fast 26.000 Stunden gearbeitet hatten, um ihr Projekt zu realisieren. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Landrat Markus Ramers erinnerte daran, dass die Ehrenamtlichen fast 26.000 Stunden gearbeitet hatten, um ihr Projekt zu realisieren. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

„Sie haben fast 26.000 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet“, wandte sich auch Landrat Markus Ramers an die Mitglieder der AG, „ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut, sich Sachverstand in der wissenschaftlichen Welt verschafft, jede Menge Überzeugungsarbeit geleistet und vor allem Geduld bewiesen mit Behörden und Bürokratie.“

Ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement sei hier ein Angebot für die Allgemeinheit geschaffen worden, das es sonst nicht gegeben hätte, freute sich der Bürgermeister der Stadt Schleiden, Ingo Pfennings. „Vielen Dank an euch, dass ihr so verrückt wart, diese Idee umzusetzen“, so Pfennings an die Ehrenamtler. Kritik am Standort Vogelsang für das Dokumentationszentrum wies Pfennings zurück: „Der Kerngedanke der Ausstellung ist ja nicht, dass es einen Luftkrieg gegeben hat, und es geht auch nicht darum, ein Heldenepos des Luftkriegs nachzuerzählen, sondern es geht um Menschen und ihre Geschichten.“

Die Reste einer Fliegerbombe. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Die Reste einer Fliegerbombe. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Erinnerungskultur, so zeigte Dr. Helmut Rönz, Leiter des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, hat allerdings ein grundlegendes Problem: „An welche historischen Ereignisse erinnern Sie sich, bei denen Sie gar nicht dabei waren?“ fragte er die zahlreichen Gäste, die am Samstagmorgen zur Eröffnung des Dokumentationszentrums nach Vogelsang gekommen waren. Laut Rönz erinnere man sich nicht einfach, sondern „wir machen Erinnerungen.“ Dies treffe in besonderer Weise auf die Eifel zu, da es hier vom Westwall über zahlreiche Soldatenfriedhöfe bis hin zur ehemaligen NS-Burg Vogelsang zahlreiche Erinnerungsorte gebe, die ihre Geschichte nicht von selbst erzählten. Gebäude, Relikte, Dokumente seien nämlich nicht selbsterklärend, sondern bekämen ihre Bedeutung erst durch Erzählungen und Erklärungen verliehen.

Zeit mitbringen

Ingo Pfennings verteidigte das Dokumentationszentrum am Standort der ehemaligen NS-Burg Vogelsang. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Ingo Pfennings verteidigte das Dokumentationszentrum am Standort der ehemaligen NS-Burg Vogelsang. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

„Gerade nach 1945 haben sich hier in unserer Region und in der gesamten Republik unterschiedliche Erzählungen entwickelt“, so Rönz. Dazu gehörten Narrative, die entlasteten und relativierten. Die Dekonstruktion von Mythen und die Betrachtung der Rezeptionsgeschichte sei deshalb wichtiger Bestandteil historischer Arbeit. Erinnerungskultur sei nämlich mehr als das Bewahren von Dingen: „Sie ist eine Auseinandersetzung um ihre Bedeutung und blickt nicht nur zurück, sondern will auch Aufschluss darüber geben, wie wir heute und in Zukunft miteinander leben wollen.“

Wer die Ausstellung besucht, sollte etwas Zeit mitbringen. Nur dann hat man Gelegenheit, die Exponate nicht nur als ästhetisch in Szene gesetzten Schrott wahrzunehmen, sondern die tragischen Geschichten dahinter zu erfahren. So sieht man beispielsweise eine deformierte und verrostete Kurbelwelle sowie die Zylinderreste eines Rolls Royce Merlin Motors. Die Wrackteile, so erfährt man, gehörten zu einem viermotorigen Bomber der Royal Air Force. Das Flugzeug war im Oktober 1943 auf dem Weg nach Kassel und wurde von einem deutschen Nachtjäger abgeschossen. Die Maschine stürzte südlich von Nettersheim ab. Von der achtköpfigen Besatzung, deren Namen auf einer Tafel genannt werden, überlebte niemand. Die Männer wurden zunächst in Nettersheim begraben und später auf die Kriegsgräberstätte in Rheinberg umgebettet.

Dr. Helmut Rönz wies darauf hin, dass Erinnerung nicht einfach vorhanden ist, sondern gemacht wird. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa
Dr. Helmut Rönz wies darauf hin, dass Erinnerung nicht einfach vorhanden ist, sondern gemacht wird. Bild: Michael Thalken/Eifeler Presse Agentur/epa

Das Dokumentationszentrum bringt auch immer wieder die größeren historischen Zusammenhänge in den Blick, klärt auf über die Fliegerpropaganda der Nationalsozialisten, erinnert an Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge, die für die Luftfahrtbetriebe arbeiten mussten, zeigt aber auch Kuriosa wie etwa ein Hochzeitskleid aus Fallschirmseide.

Das Dokumentationszentrum Luftkrieg in Vogelsang 42 befindet sich im linken Flügel der Tordurchfahrt Malakoff. Die Öffnungszeiten sind freitags, samstags und sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt beträgt 12 Euro für Erwachsene und 8 Euro für Kinder. Führungen können unter Tel. 0 24 44/9 12 53 94 vereinbart werden.

Eifeler Presse Agentur/epa

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