Historische Schätze aus dem Eifeler Königssee geborgen

Franz-Albert Heinen und Bernd Pütz haben die Geschichte der Urfttalsperre neu geschrieben – Nie dagewesene Einblicke in eines der imposantesten Bauwerke der Jahrhundertwende – Geschichts-, Lese- und Bilderbuch spricht zahlreiche Leser gleichermaßen an – Öffentliche Buchvorstellung am 20. November

Die Holzbrücke über das Lorbachtal. Im Verlauf der Arbeitsbahn gab es mehrere dieser Holzbrücken, über die der Bahn- und Fußgängerverkehr zur Baustelle geführt wurde. Mit der Zeit wurden die Holzkonstruktionen durch Steindämme ersetzt, über die heute noch die K 7 führt. Bild: AWVER
Die Holzbrücke über das Lorbachtal. Im Verlauf der Arbeitsbahn gab es mehrere dieser Holzbrücken, über die der Bahn- und Fußgängerverkehr zur Baustelle geführt wurde. Mit der Zeit wurden die Holzkonstruktionen durch Steindämme ersetzt, über die heute noch die K 7 führt. Bild: AWVER

Schleiden – Lokalgeschichte kann alles andere sein als biedere Heimatkunde. Im vorliegenden Fall legt sie nicht nur den Zeitgeist einer ganzen Epoche vor der eigenen Haustür frei, sondern zeigt auch, wie sehr das Lokale eingebunden ist in die große Weltgeschichte. Mit ihrem Buch „Königssee der Nordeifel. Zur Geschichte der Urfttalsperre“ gewähren die beiden Autoren Franz-Albert Heinen und Bernd Pütz einen ganz neuen Einblick in ein scheinbar bekanntes Kapitel der Region. Möglich wurde dies vor allem durch Recherchen im Archiv des Wasserverbands Eifel-Rur (WVER), wo die beiden Autoren neben den Stadt- und Kreisdokumenten erstmals zahlreiche unbekannte Zeugnisse einsehen durften.

Die beiden Autoren Franz-Albert Heinen (links) und Bernd Pütz. Bild: Lydia Heinen
Die beiden Autoren Franz-Albert Heinen (links) und Bernd Pütz. Bild: Lydia Heinen

Heinen, Journalist und Buchautor, der sich in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Publikationen vor allem zur NS-Geschichte des Schleidener Tals einen Namen gemacht hat, und Berufsfeuerwehrmann und zertifizierter Nationalpark-Waldführer Pütz, der als einer der besten Kenner der Urfttalsperre und ihrem Umland gilt, treten hier geradezu als kongeniales Autorenpaar auf, das Lokal- und Weltgeschichte gleichermaßen im Blick behält. Das Großprojekt Urfttalsperre wird hier nicht nur als technische Sensation der Jahrhundertwende in den Blick genommen, sondern auch bezüglich der Tatsache, dass es in einem ganz besonderen Landstrich, nämlich der wildromantischen Kulisse eines Eifeler Mittelgebirgs-Flusstals realisiert wurde. Erst dieses Zusammentreffen von Technik und Romantik triggerte den europäischen Zeitgeist und sorgte für internationales Aufsehen.

Dampflok vor einem der Dampfkraftaufzüge der Mauerbaustelle. Im Hintergrund ist die im Bau befindliche Staumauer mit Arbeitern zu sehen. Bild: AWVER, um 1902.
Dampflok vor einem der Dampfkraftaufzüge der Mauerbaustelle. Im Hintergrund ist die im Bau befindliche Staumauer mit Arbeitern zu sehen. Bild: AWVER, um 1902.

Die Autoren starten mit der Planungs- und Baugeschichte der Urfttalsperre und werfen hier vor allem einen Blick auf ihren Erbauer Prof. Dr. Otto Intze, der bis zu seinem Tod 1904 allein zehn Talsperren errichtet hatte. Er galt quasi als Talsperren-Papst und machte dadurch, dass er auf geradezu visionäre Weise den Hochwasserschutz mit der Wasserkraftnutzung kombinierte, diese Bauwerke überhaupt erst finanzierbar. Doch mit dem Bau ging es dann ähnlich wie mit der Kölner Oper: Die Kosten liefen schon bald aus dem Ruder. Aus den angesetzten vier Millionen Mark wurden am Ende über zehn Millionen.

Heinen und Pütz zeigen eindrücklich, wie die Bauarbeiten im „Eifeler Outback“ vonstattengingen:  Da die Baustelle der künftigen Staumauer fernab jeder Verkehrserschließung lag, wurden Menschen und Material zunächst über eine Schmalspurbahn von Gemünd aus zum Einsatzort verbracht. Pferde und manchmal auch Hunde zogen die Wagen. Eines der Bilder, die die Autoren „ausgegraben“ haben, zeigt eine Lok, die gleich zehn Waggons über eine Holzbrücke zieht, die das Lorbachtal überspannt. Ein Bild wie aus dem Wilden Westen. Geradezu schräg mutet es an, wenn zu dieser Zeit auch bereits Schaulustige und Touristen die Baustelle in Scharen besuchten und für sie sogar eigens ein Personenzug auf der Arbeitsbahn eingerichtet wurde. Und wer zusätzlich eine Mark in eine „Betretungskarte“ investierte, der durfte sogar auf eigene Gefahr auf der Baustelle selbst herumspazieren.

„Ameisenartiges Getriebe“

Zwei Arbeiter inspizieren die Schieber an den beiden Druckrohren zum Kraftwerk Heimbach. Am Ende des Kermeter-Stollens wurde das Wasser in diesen beiden Rohren den Hang hinunter zum Kraftwerk geführt. Bild: AWVER.
Zwei Arbeiter inspizieren die Schieber an den beiden Druckrohren zum Kraftwerk Heimbach. Am Ende des Kermeter-Stollens wurde das Wasser in diesen beiden Rohren den Hang hinunter zum Kraftwerk geführt. Bild: AWVER.

Doch nicht nur die Besucher, auch die Bauarbeiter kamen aus ganz Europa. Heinen und Pütz fanden im Archiv des WVER Namenslisten der Arbeiter und konnten so nachweisen, dass sommertags auf der Baustelle 700 bis 800 Menschen im Einsatz waren, die neben einigen Bayern hauptsächlich aus Italien, Kroatien und Polen stammten. Ein Reporter schwadronierte 1901 gar von „einem ameisenartigen Getriebe von Menschen und Lokomotiven“ und „einem babylonischen Stimmen- und Sprachengewirr“. Die Autoren weisen auf das Leben und die harte Arbeit der Bauarbeiter hin und zeigen dazu Bilder, die an den Goldrausch am Clondike River erinnern.

Eine Gesellschaft im Fährkahn vor der Kulisse des Hotels Lorbachtal. Bild: Familienbesitz Gretel Döbrich/Repro: Heinen
Eine Gesellschaft im Fährkahn vor der Kulisse des Hotels Lorbachtal. Bild: Familienbesitz Gretel Döbrich/Repro: Heinen

Doch die vielen Fremden brachten auch das soziale Gefüge alter Dorfstrukturen durcheinander. In Wollseifen, wo beispielsweise nur 420 Menschen lebten, waren allein 300 italienische Arbeiter einquartiert. Die Gaststätten florierten, und die Landwirte setzten statt auf Schafzucht mehr und mehr aus Rindviehzucht und Ackerbau. Zahlreiche Bilder von der Grundsteinlegung bis zur Fertigstellung der Staumauer und dem anschließenden Aufstau lassen erahnen, warum die Baustelle seinerzeit europaweit als technische Meisterleistung gefeiert wurde, schließlich war sie damals nicht nur die größte Talsperre, die bis dahin in Europa gebaut worden war, sondern sie galt auch als herausragende Lösung eines wasserwirtschaftlichen Problems.

Blick auf den Steuerstand eines der Passagierschiffe der Urftseeflotte. Direkt neben dem Kapitän saßen die Passagiere und schauten dem Skipper bei der Arbeit zu. Bild: Privatbesitz Anneliese Waberzeck/Repro: Heinen
Blick auf den Steuerstand eines der Passagierschiffe der Urftseeflotte. Direkt neben dem Kapitän saßen die Passagiere und schauten dem Skipper bei der Arbeit zu. Bild: Privatbesitz Anneliese Waberzeck/Repro: Heinen

Ein weiteres Kapitel wird der Stromerzeugung und dem Bau des knapp drei Kilometer langen Kermeter-Stollens sowie des Jugendstilkraftwerks Heimbach gewidmet. Auch hier atmet alles einen gewissen Abenteuergeist. Gezeigt wird beispielsweise eine Tauchergruppe mit einem Mann im Taucheranzug, der aussieht, als wäre er einem Roman von Jules Verne entstiegen.

Akribisch haben die beiden Autoren auch die Bedeutung der Urtalsperre für Tourismus und Wassersport nach dem Ersten Weltkrieg nachgezeichnet. Dabei wissen sie nebenher so manche Geschichte von betrunkenen Schiffbesatzungen und kleineren und größeren Unfällen zu berichten. Ein eigenes Kapitel widmen sie darüber hinaus den Gastronomiebetrieben der Familie Arens wie beispielsweise dem Hotel Seehof, dem Waldhotel oder dem Hotel Lorbachtal. Die Zahl der Wassersportler muss zeitweise mehr als beträchtlich gewesen sein, so dass es immer wieder Ärger mit den Touristenschiffen auf dem Urftsee gab. Unter anderem baute das Institut für Leibesübungen der TH Aachen ein eigenes Bootshaus am See, und auch die Deutsche Turnerschaft errichtete dort ihren Stützpunkt. Beim Pfingstreffen der Turner im Jahre 1935 sollen sogar bis zu 500 Boote an einer großen Seerundfahrt teilgenommen haben.

NS-Schmonzette  

Die Urftseefischer (rechts Talsperrenaufseher Josef Esch) mit ihrem Fang von der Netzfischerei. Bild: Privatbesitz Anneliese Waberzeck/Repro: Heinen
Die Urftseefischer (rechts Talsperrenaufseher Josef Esch) mit ihrem Fang von der Netzfischerei. Bild: Privatbesitz Anneliese Waberzeck/Repro: Heinen

Heinen und Pütz bringen auch einige Kuriositäten wieder ans Licht. So sollte dort, wo sich heute die Victor-Neels-Brücke von einem Ufer zum anderen schwingt, bereits in den 1930er Jahren eine Hängebrücke errichtet werden. Doch das Projekt, das quasi auch einen Hintereingang zur späteren NS-Ordensburg Vogelsang bedeutet hätte, scheiterte nicht zuletzt an den zunehmenden Sicherheitsbedenken der NS-Funktionäre. Zunächst hatte man Sorge, der Schulbetrieb auf dem Gelände könne gestört werden, dann unterlagen alle kriegsunwichtigen Bauprojekte einem Bauverbot, und ab 1939 wollte die Kommandantur genau wissen, wer sich auf Vogelsang aufhielt, so dass Besucher sich über die Hauptwache, später Malakoff, anzumelden hatten.

Paddler der ‚Deutschen Turnerschaft‘ auf dem Urftsee im Bereich der Staumauer. Die Vereinepräsentierten häufig ihre komplette Mannschaft dem Publikum an der Staumauer, bevor die Regatten begannen. Bild: AWVER.
Paddler der ‚Deutschen Turnerschaft‘ auf dem Urftsee im Bereich der Staumauer. Die Vereine präsentierten häufig ihre komplette Mannschaft dem Publikum an der Staumauer, bevor die
Regatten begannen. Bild: AWVER.

Nach 1933 setzte dann auch sehr rasch die nationalsozialistische Ideologie ihre Segel am Urftsee. Menschen ohne klaren Ariernachweis wurden vom Wassersport ausgeschlossen. Die Boote mussten jetzt allesamt eine Hakenkreuzflagge hissen, und für die erst noch zu rekrutierende Gemünder Marine-HJ wurde bereits ein eigenes Boot für 15 Mann Besatzung zu Wasser gelassen. Für 1934 dokumentieren Heinen und Pütz eine besonders schräge Episode am Urftsee: Dort sollte eine Schmonzette namens „Die Sündflut“ gedreht werden, „eine Melange aus brauner Blut- und Boden-Ideologie, vermengt mit einer abstrusen Story, die irgendwo zwischen Ganghofers Heimattümelei, Heile-Welt-Phantasien des Landvolks und einer wilden Story mit dramatischem Finale furioso angesiedelt schien“, so die Autoren. Als Schauspieler waren Größen wie Heinrich George, Maria Andergast, Veit Harlan und Theodor Loos im Gespräch. Die Hauptrolle aber hatte gewissermaßen die Urfttalsperre selber, die im Film von einem verschmähten Liebhaber in die Luft gejagt werden sollte. Der Film scheint jedoch nie realisiert worden zu sein.

Realisiert wurde jedoch zur selben Zeit die zunächst noch als Schulungslager firmierende NS-Ordensburg Vogelsang nach den Plänen des Kölner Architekten Clemens Klotz, die in den Folgejahren zu weiteren infrastrukturellen Baumaßnahmen und militärischen Stellungsbauten im Urfttal führte. Ende des Zweiten Weltkriegs sollte der Urftsee sogar zur Luftabwehr dienen. Mit Sprengminen wollte man auf Knopfdruck einen Wasservorhang erzeugen, um damit feindliche Flugzeuge zum Absturz zu bringen.

Sprengung der Druckrohre

Besonders an den Wochenenden herrschte Anfang der 1930er Jahre ein reges Treiben an den Badestränden und Zeltplätzen am Urftsee. Auch auf dem See wimmelte es dann vor lauter Paddelbooten. Bild: AWVER
Besonders an den Wochenenden herrschte Anfang der 1930er Jahre ein reges Treiben an den Badestränden und Zeltplätzen am Urftsee. Auch auf dem See wimmelte es dann vor lauter Paddelbooten. Bild: AWVER

Die Autoren veröffentlichen auch Augenzeugenberichte vom Großangriff der Alliierten auf die Staumauer, deren drastische Schilderungen noch heute berühren, und sie erinnern an die Sprengung der Druckrohre durch die Wehrmacht im Jahr 1945, die den Urftsee damit zur Waffe gegen die Alliierten machte. Das Wasser der Urfttalsperre schoss daraufhin direkt aus dem Kermeterstollen ins Rurtal. Aus einem amerikanischen Propagandafilm konnten die Autoren ein Standbild ziehen, das die wild überschäumende Talsperre – die Mauerkrone war zerbombt worden – im Februar 1945 zeigt, also kurz vor der Sprengung der Druckrohre. Dieses Bild ist so bisher wohl noch nirgends zu sehen gewesen.

Blick in den oberen Kontrollgang, darunter die Treppe zu dem tieferen Gang. Bild: Eva Reißdörfer
Blick in den oberen Kontrollgang, darunter die Treppe zu dem tieferen Gang. Bild: Eva Reißdörfer

Die letzten Kapitel des Buchs beschäftigen sich eindrücklich mit dem Wiederaufbau der Urfttalsperre und der Einrichtung des militärischen Sperrgebiets Camp Vogelsang, das mit seinen Großmanövern jahrzehntelang an den Nerven der Eifeler Bevölkerung zerrte. Dennoch entstand zwischen Belgiern und Deutschen allmählich eine intensive Freundschaft, die vor allem mit dem Namen des Vogelsanger Kommandanten Victor Neels verbunden ist. Die Entstehung des Nationalparks Eifel und die Flutkatastrophe von 2021 runden das Buch ab und lassen noch einmal deutlich werden, welche ungeheure Bedeutung dem Thema Wasser in der Nordeifel auch weiterhin zukommt und wie bestehende Strukturen wie die Urfttalsperre unter den Bedingungen des Klimawandels ganz neu zu bewerten sind.

Das Buch, dem man weit über die Schleidener Stadtgrenzen hinaus Beachtung wünscht, wurde ermöglicht durch die Bürgerstiftung Schleiden, die auch für den erschwinglichen Preis sorgte. Das reich bebilderte Werk wird am Freitag, 20. November, 17 Uhr, in der Stadtbibliothek Schleiden erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt und kann dort auch mit der Signatur der Autoren erworben werden.

Franz-Albert Heinen und Bernd Pütz: Königssee der Nordeifel. Zur Geschichte der Urfttalsperre. Hrsg.: Bürgerstiftung Schleiden. 1. Auflage: November 2026. 368 Seiten. 19,50 Euro.

Eifeler Presse Agentur/epa

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